Pakistan: Ausbildungshilfe für Kinderarbeiter
Die Situation
In Pakistan ist es gesellschaftlich angesehener, ein Handwerk zu beherrschen, als lesen und schreiben zu können. Daher ist es schwierig, Eltern zu überzeugen, ihre Kinder zur Schule zu schicken.
Das Thema Kinderarbeit nur aus dem europäischen Blickwinkel zu betrachten, wäre einseitig. In asiatischen Ländern ist Kinderarbeit sozial akzeptiert. Das Einkommen der Kinder wird in vielen Fällen zum Überleben der Familien benötigt. Zudem hat Kinderarbeit in vielen Ländern Tradition. Väter erwarten von ihren Söhnen, dass sie in ihre beruflichen Fußstapfen treten. Sie empfinden es als wünschenswert, wenn sich die Kinder möglichst früh mit dem Metier vertraut machen.
Ein weiteres Problem ist das mittlerweile von der Regierung verbotene Peshgi-System. Peshgi ist die Bezeichnung für Darlehen, die abgearbeitet werden. Solange diese Darlehen nicht abbezahlt wurden, sind die Darlehensnehmer an den Arbeitgeber gebunden, der ihnen einst mit Geld aushalf. Nach Krankheit und Tod eines Arbeiters werden solche Darlehen an die Kinder weitervererbt. Sobald sie arbeiten können, müssen sie mit der Darlehensrückzahlung beginnen. Seit 1988 ist dieses System verboten, allerdings sind diese Gesetze bisher nicht oder kaum durchgesetzt worden. Grund dafür ist, neben traditionellen Aspekten, eine korrupte Bürokratie.
In Pakistan ist Bildung nur dann von Bedeutung, wenn sie auch zu einem vielversprechenden Arbeitsplatz führt. "Nur" lesen und schreiben zu lernen, ist für viele nicht erstrebenswert. Angesehen ist derjenige, der ein Handwerk erlernt hat, darin brilliert und ein regelmäßiges Einkommen hat. Kinder werden also früh in die Lehre gegeben, damit sie diesen Weg einschlagen können. Nach dem Motto "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" wird akzeptiert, dass die Kinder geschlagen oder missbraucht werden. Viele Eltern reagieren daher mit Unverständnis, wenn Mitarbeitende internationaler Organisationen sie auf Kinderrechte hinweisen.
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| Kinder sollen nach pakistanischer Auffassung früh das Handwerk ihrer Väter erlernen |
In Pakistan sind mehrere Menschenrechtsorganisationen tätig. Aber nicht immer bewirken ihre Projekte nur Gutes. In dem Ort
Sialkot, bekannt durch seine Lederherstellung und Fußballfabrikation, gibt es heute in den großen Fabriken aufgrund internationaler
Interventionen so gut wie keine Kinderarbeit mehr.
Die Fußbälle wurden zuvor fast ausschließlich von Kindern hergestellt, weil ihre kleinen Hände die einzelnen Lederteile schneller
und geschickter zusammennähen konnten als Erwachsene. Die Arbeitgeber wollten aber auf diesen Vorteil nicht verzichten und
lagerten die Produktion, teilweise in Form von Heimarbeit, in die umliegenden Dörfer aus, wohin Europäer kaum vordringen.
Nach Schätzungen der International Labour Organisation (ILO) gab es 1993 etwa 3,6 Millionen Kinderarbeiter in Pakistan. Heute
geht man von etwa zehn Millionen aus. Das Hauptziel vieler Organisationen besteht darin, die Kinder aus dem Arbeitsprozess
herauszuholen. Das ist aber nicht genug: Ohne deren Familien einzubeziehen und ohne den Kindern eine neue Perspektive zu bieten,
verfehlen derartige Ansätze ihr Ziel.
September 2009



