Lateinamerika  

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Brasilien: Kooperativen der Müllsammler

Die Situation

Brasilien weist ein fünfprozentiges Wirtschaftswachstum aus und gilt als Musterschüler bei der Umsetzung der UN-Millenniumsziele. Eine bald zehnjährige kontinuierliche Politik der Armutsbekämpfung hat Zeichen der Hoffnung gesetzt, was nichts daran ändert, dass weiterhin ein knappes Zehntel der Bevölkerung Brasiliens unter der Armutsgrenze lebt.

Karte Brasilien

Anfang der 90er Jahre hatte die brasilianische Politik unter den Präsidenten Mello und - in dessen Folge - Cardoso einen neoliberalen Modernisierungskurs eingeschlagen, um Brasilien wirtschaftspolitisch konkurrenzfähig zu machen. Die Privatisierung staatlicher Aufgaben, die Öffnung zum Weltmarkt und die damit einhergehende Abhängigkeit vom internationalen Finanzmarkt führte das ohnehin schon hochverschuldete Brasilien immer tiefer in die Schuldenfalle. Die Folge des neoliberalen Entwicklungsmodells war eine immer tiefere Kluft zwischen Arm und Reich und die Verelendung großer Bevölkerungsteile - und das, ohne dabei den erwarteten Schub für Brasiliens Wirtschaft zu erreichen. Nur noch gut situierte Bürger hatten Zugang zu ausreichender Ausbildungs-, Gesundheits- und Altersversorgung.

Viele Familien suchten in den großen Städten nach besseren Lebensumständen und zerbrachen so nicht selten die bestehenden Familienbande. Sie fanden sich in den wachsenden Armutsvierteln (Favelas) am Rande der Gesellschaft wieder, wo sie sich zwar ein Dach über dem Kopf schaffen konnten, aber ohne Adresse und Rechte vergeblich nach Arbeit suchten oder versuchten, ihre Kinder zur Schule zu schicken.  

Müllsammler in den brasilianischen Favelas

Der sozialistische Präsident Lula da Silva hatte sich die Bekämpfung der Armut als oberstes Ziel gesetzt. In seiner Amtszeit (2003 bis 2010) konnte er mit dem Sozialprogramm Bolsa-Família zwölf Millionen arme Familien unterstützen. Empfänger dieser finanziellen Unterstützung sind Menschen deren Pro-Kopf-Einkommen innerhalb einer Familie nicht über umgerechnet 60 Euro liegt. Diese Familien erhalten pro Person zwischen 13 und 105 Euro. Eine Auflage für den Empfang der finanziellen Unterstützung ist der regelmäßige Schulbesuch der Kinder. Diese Unterstützung ist für viele Menschen überlebenswichtig, aber sie ermöglicht nicht gleichzeitig ein menschenwürdiges Leben.

Die Arbeitslosigkeit ging merkbar zurück und der Mindestlohn stieg auf das Doppelte. Die Zentralbank sprach im Jahr 2010 von einem fünfprozentigen Wirtschaftswachstum. Im Oktober 2010 wurde die verantwortliche Ministerin für das Infrastruktur- und Wohnungsbauprogramm, Dilma Vana Rousseff, aus der linken Arbeiterpartei zur neuen Präsidentin gewählt und erklärte, die Politik ihres Vorgängers als erste Frau in diesem Amt 2011 fortsetzen zu wollen. Als Gastgeber der Fußball-WM der Männer im Jahr 2014 und der Olympischen Sommerspiele 2016 will die Regierung insgesamt 100 Millarden US-Dollar in den Ausbau der Infrastruktur und in Sozialprogramme investieren. In diesem Rahmen wurde ein neues Wohnungsbauprogramm aufgelegt: Minha Casa, Minha Vida (Mein Haus, mein Leben). Fraglich allerdings bleibt, ob die Armen am Rande der Gesellschaft davon profitieren werden.

Trotz dieser Bemühungen leben in Brasilien, einem der bevölkerungsreichsten Länder der Erde, (Gesamtbevölkerung von 194 Millionen Menschen) nach Angaben des brasilianischen Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2010 weiterhin 16,2 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer unter der Armutsgrenze.

Etwa eine Million Menschen leben auf und von den Lixões, den großen Müllhalden. Sie bestreiten mit dem Sammeln, Sortieren und Verkaufen von Wertstoffen ihren Lebensunterhalt und leben zum Teil in Häusern zum Teil aber auch in einfachen Holz- oder Folienbaracken. Ihre Lebenssituation ähnelt der der Wohnungslosen, denn es gibt keine Wasser-, Abwasser- und Stromversorgung. Insgesamt haben 6,5 Prozent der Brasilianer keinen Zugang zu einer gesicherten Trinkwasserversorgung.

Einige der Müllsammler sind aus verschiedenen Umständen obdachlos. Häufig sind familiäre Strukturen auseinander gebrochen, sie sind mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, haben keine Papiere, sind alkohol- und drogenabhängig und durch Gewalterfahrungen traumatisiert.

Auf der anderen Seite aber haben die Müllsammler eine Nische gefunden, um sich über Wasser zu halten. In den Großstädten Brasiliens haben sich in Kooperativen zusammengeschlossen und organisieren die Müllentsorgung in Eigenregie.

Nun aber sieht ein neues Gesetz vor, bis zum Jahr 2014 alle Müllhalden in umweltfreundlichere Deponien umzuwandeln. Die Verantwortung liegt bei der jeweiligen Stadtverwaltung. Es ist zu befürchten, dass Investoren hier moderne Verbrennungsanlagen aufbauen und somit die Wohn- und Lebensgrundlage der Müllsammler zerstören.

Caritas Brasilien unterstützt daher die Kooperativen der Müllsammler dabei, mit den Stadtverwaltungen geeignete Lösungen zu finden.

Oktober 2011