Brasilien: Ein Netzwerk für marginalisierte Kinder und Jugendliche
Das Projekt
Das Netzwerk für Kinder und Jugendliche in Nordostbrasilien entstand aus der Motivation heraus, konkrete Maßnahmen zur Durchsetzung und Wahrung der Rechte von benachteiligten Kindern zu ergreifen. Brasilien hat zwar seit 1990 eines der fortschrittlichsten Kinder- und Jugendschutzgesetze der Welt, in der Praxis wird dieses allerdings nur zu geringen Teilen umgesetzt.
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| Gemeinsam auch kleinere Probleme lösen: im Netzwerk für Kinder und Jugendliche |
Neun Organisationen haben sich unter dem Namen Rede Tecendo Parcerias ("Netze knüpfen") zusammengeschlossen, um in einem Netzwerk ihre Kräfte zu bündeln. Unter ihnen die Caritas Brasilien, die
nationale Straßenkinderbewegung, ein Frauen- und Mädchenkollektiv und verschiedene Jugendgruppen. Innerhalb kurzer Zeit ist
es dem Netzwerk gelungen, ein wichtiger Akteur und ein regional geachteter Interessenvertreter gegenüber staatlichen Stellen
und innerhalb der Sozialpolitik allgemein zu werden.
Jede Organisation bringt ihre langjährige Erfahrung ein. Ihr gemeinsames Auftreten ermöglicht ihnen, Aufgaben aufzuteilen
und sich zu spezialisieren. Sie haben erfolgreich begonnen, strukturell an die Ursachen der Problematik von marginalisierten
Kindern und Jugendlichen heranzugehen. Wirksame Direkthilfe, präventive Arbeit mit und für gefährdete junge Menschen und
eine starke Öffentlichkeitsarbeit gehen Hand in Hand.
Das Netzwerk ist derzeit in 15 Gemeinden in drei Bundesstaaten des brasilianischen Nordostens (Paraíba, Alagoas und Pernambuco)
tätig. Es vereint unter Koordination der Regionalcaritas die neun Organisationen mit verschiedenen Themenschwerpunkten, darunter
der Kampf gegen Kinderarbeit, gegen häusliche Gewalt, und nicht zuletzt gegen sexuelle Ausbeutung und Missbrauch. Zielgruppe
sind marginalisierte Kinder und Jugendliche, insbesondere - aber nicht ausschließlich - Straßenkinder. Das Spektrum der Aktivitäten
der einzelnen Mitgliedsgruppen reicht von der Präventionsarbeit über psychologische Betreuung, Reintegration ehemaliger Straßenkinder
in Familie und Schule bzw. Berufsausbildung bis hin zur Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit.
Dabei ist der Kinder- und Jugendprotagonismus die Basis aller Aktivitäten des Netzwerks: Die Jugendlichen sind sich bewusst,
dass sie die Handlungsträger sind. Ziel ist die Stärkung der Zivilgesellschaft im Kampf für eine gerechtere und demokratischere
Gesellschaft.
Kinder- und Jugendprotagonismus
Partizipation und Selbstorganisation der Kinder und Jugendlichen stehen bei diesem Ansatz, der den bislang dominierenden europäischen
Ansatz der individuellen Jugendhilfe ersetzt hat, im Vordergrund. Die Kinder und Jugendlichen sollen durch ihr eigenes Engagement
das Gemeinwesen in ihrem Stadtteil beeinflussen und die Fähigkeiten bekommen aktiv an der Gestaltung ihres Lebensraumes mitgestalten
zu können. Die verschiedenen Organisationen des Netzwerks RTP helfen den benachteiligten Jugendlichen mit Fortbildungen und
Qualifizierungen, sich selbst zu organisieren. Ihnen soll ermöglicht werden, die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen
und vor allem gegenüber den Politikern ihre Rechte einzufordern. Der Schwerpunkt dieses Konzeptes liegt in der Stärkung der
Solidarität und der Gemeinschaft unter den Betroffenen. - Gemeinsam haben wir eine Stimme - könnte das Leitwort dieser Arbeit sein
Zum Kinder- und Jugendprotagonismus hat Caritas International im November 2006 eine Konferenz veranstaltet. Neben zahlreichen
lateinamerikanischen Referenten nahmen fünf jugendliche Mitglieder des Rede Tecendo Parcerias als Experten daran teil. [Weiter zur Website des Netzwerks...]
Die Arbeit mit den Straßenkindern
Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt liegt in der direkten Arbeit vor Ort mit den Straßenkindern. Streetworker gehen auf die Straße zu den Kindern und Jugendlichen und bauen ein Vertrauensverhältnis auf. Verschiedene Angebote und Programme bieten Unterstützung für das Leben auf der Straße aber auch Hilfe für den ersten Schritt in ein geregeltes Leben.
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| In einer der Favelas in Recife |
Die Grupo Ruas e Praças hat im gemeinsamen Netzwerk RTP ihren Schwerpunkt im Streetworking. Die Jugendsozialarbeiter der Gruppe kontaktieren die
Straßenkinder und betreuen sie, leisten in akuten Notfällen auch materielle Hilfe. Sie bieten pädagogische Workshops wie Tanzen
und Theater an, damit die Kinder ein Selbstwertgefühl entwickeln und ihr Leben wie auch ihr Erlebtes verarbeiten können. Außerdem
gibt es die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche für einen kurzen Zeitraum von bis zu zwei Wochen aufzunehmen. Viele der Kinder
und Jugendliche haben durch die Arbeit der Grupo Ruas e Praças den Schritt gewagt, wieder zu ihren Familien zurückzukehren oder wieder am regulären Schulunterricht teilzunehmen.
Aus pädagogischen Workshops finden sich auch feste Gruppen wie Maracatú Nação Movimento zusammen. Der nordbrasilianische Karneval mit seinen afrobrasilianischen Rhythmen, zu dem der Tanz Maracatú gehört, ist
die Ausdrucksform dieser Straßenkinder.
Casa de Passagem bedeutet "Haus des Übergangs". Schon der Name sagt viel über die Arbeit der Organisation für Straßenkinder aus. Die langjährige
Caritas-Partnerorganisation bietet Mädchen und jungen Frauen, die auf der Straße leben, einen Zufluchtsort und versorgt sie
mit dem Notwendigsten. Die Mädchen können hier an Unterrichtsstunden teilnehmen. Eine Ausbildung in der Küche, im Kunsthandwerk
oder am Computer verbessern ihre Chancen für ein geregeltes Leben. Casa de Passagem hilft ihnen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und bleibt auch noch später Ansprechpartner für die Mädchen.
Eine Alternative zum Leben auf der Straße
Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen umfasst auch Prävention. Die gefährdeten Heranwachsenden sind Zielgruppe des Coletivo Mulher Vida. In fünf Elendsvierteln Recifes versucht die Organisation, eine normale Entwicklung trotz des gewalttätigen Umfeldes zu fördern. Sie bieten Freizeitaktivitäten wie Sport, Kunst und Theater an. Gleichzeitig suchen sie auch den Kontakt mit Eltern, Schulen und Verantwortlichen aus den Stadtteilen. Die Ergebnisse sind beachtlich: Der Schulbesuch der betreuten Kinder liegt bei hundert Prozent mit wenigen Fehlzeiten. Die Gewalt innerhalb der Familie ist deutlich zurückgegangen.
Die Verantwortung der Öffentlichkeit und der Politik
Zunehmend wichtiger wird die Lobbyarbeit in der Öffentlichkeit von Gesellschaft und Politik. Vor allem von den Politikern
wird ihre Verpflichtung zur Überwachung der Umsetzung und Einhaltung des nach dem geltenden brasilianischen Kinder- und Jugendgesetz
eingefordert. Die Nationale Straßenkinderbewegung MNMMR - Pernambuco hat sich auf diesen Teil der Arbeit spezialisiert. Partizipation und Selbstorganisation der Kinder und Jugendlichen selbst
und die Kooperation all derer, die "an ihrem Wohl" arbeiten, stehen im Vordergrund. Sie helfen den Straßenkindern verschiedener
Organisationen mit Fortbildungen und Qualifizierungen, sich selbst zu organisieren. Ihnen soll möglich gemacht werden, auch
über Recife hinaus auf sich aufmerksam zu machen. Mit der Unterstützung der Nationalen Straßenkinderbewegung MNMMR - Pernambuco wurden Unterschriftenaktionen, Kundgebungen und Aktionen veranstaltet, um die Situation der Straßenkinder zu verbessern und
Politik und Gesellschaft zu sensibilisieren.
Die Koordination des Netzwerkes liegt in den Händen der Caritas brasileira. Der bedeutendste und größte Wohlfahrtsverband Brasiliens stellt sich seit vielen Jahren der Aufgabe, Straßenkindern zu helfen.
Auch hier fließt Kompetenz und Erfahrung mit betroffenen Kindern und Jugendlichen in die Arbeit des Netzwerkes. Gleichzeitig
kann die Caritas die eigenen Organisationsstrukturen nutzen, um die Verwaltung und Aufgabenabstimmung zu übernehmen. Sie ermöglicht
eine effektive gemeinsame Arbeit. Überschneidungen in der Aufteilung der Arbeitsbereiche werden vermieden und die Verständigung
zwischen den einzelnen Mitgliedern des Netzwerkes funktioniert reibungslos. - Und eine verbesserte, vielfältigere Hilfe kommt
den Betroffenen zu Gute: den Kindern und Jugendlichen auf der Straße.
Eine Grundlagenforschung, die sich mit den Lebensumständen, Herkunft und Problemen der betroffenen Kinder und Jugendlichen
auseinandersetzt, ergänzt die Arbeit der Organisationen. Sie ermöglicht eine gezieltere und wirksamere Hilfe in der direkten
und der präventiven Arbeit, setzt die Straßenkinderfrage aber auch in einen weiteren Kontext, der gesellschaftliche Probleme
mit einbezieht. Auch Straßenkinder arbeiten in der Forschungsgruppe mit, die rund 2.000 Betroffene befragt und deren Antworten
auswertet.
Eine Grundlagenforschung, die sich mit den Lebensumständen, Herkunft und Problemen der betroffenen Kinder und Jugendlichen
auseinandersetzt, ergänzt die Arbeit der Organisationen. Sie ermöglicht eine gezieltere und wirksamere Hilfe in der direkten
und der präventiven Arbeit, setzt die Straßenkinderfrage aber auch in einen weiteren Kontext, der gesellschaftliche Probleme
mit einbezieht. Auch Straßenkinder arbeiten in der Forschungsgruppe mit, die rund 2.000 Betroffene befragt und deren Antworten
auswertet.
September 2011



