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Für eine bessere Zukunft

Ein Schulprogramm im Norden Pakistans

Kinder, die neben ihrer Arbeit in die Schule gehen dürfen, sind besonders motiviert. In zwei Jahren schaffen die meisten von ihnen ihren Grundschulabschluss.

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Ein Schüler der Kal-Markaz-Schule näht vor dem Unterricht

Lahore, Pakistan. Roshan Kal Markaz ist ein kleines Industriegebiet im Norden der Stadt. Jeden Morgen schieben sich tausende Arbeiter durch die Gassen. Mitten in dem Gedränge steckt der 9-jährige Akash Nazir. In all dem Chaos ist es nicht leicht für ihn, pünktlich zur Arbeit zu kommen. Seine Schicht beginnt um acht Uhr. Er arbeitet in einer kleinen Fabrik, die Elektromotoren für Grundwasserpumpen herstellt. Am Ende eines Monats hat er 3,80 Euro verdient. Dieses Geld gibt er fast komplett seiner Mutter.

Akash arbeitet aber nicht nur, er geht auch zur Schule. Ist seine Schicht zu Ende, packt er sein zerfleddertes Schulheft und eilt zur Roshan Kal Markaz-Schule. Roshan Kal Markaz ist Urdu und heißt: Für eine bessere Zukunft. Und genau das ist das Ziel des kostenfreien Unterrichts. Jeden Abend lernen dort Kinderarbeiter zwei Stunden lang Rechnen, Schreiben und Lesen in Urdu und Englisch. Akash ist eines von 32 Kindern in sechs Schulzentren.

"Es war der glücklichste Tag meines Lebens," sagt Akash "als mein Vater einen Maurerjob in der Nähe der Schule erhielt." Der Vater sah Kinderarbeiter fröhlich aus der Schule kommen, wurde neugierig und sprach das Personal der Schule an. Malik Andriyas, der Schulleiter, erklärte Akashs Vater die Ziele des Schulzentrums und ermutigte ihn, seine Kinder zur Schule zu schicken. Akashs Vater überlegte nicht lange, sondern meldete seinen Sohn an.

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Viele Kinderarbeiter/innen setzen ihren Bildungsweg nach der Grundschule fort. Sadaf lernte Friseurin.

Obwohl 70 Prozent aller Kinder eingeschult werden, beendet kaum eines die Grundschule. Die meisten arbeiten stattdessen. Insgesamt arbeiten in Pakistan 10 Millionen Kinder. Das von Caritas international gegründete Programm kommt jährlich insgesamt 500 Kinderarbeitern zugute. Geleitet wird das Schulprogramm vom National Council of Civil Liberties (NCCL), einer 1958 in Pakistan gegründeten Bürgerrechtsbewegung. Einer ihrer Gründer und ihr heutiger Generalsekretär Zafar Malik ist froh, dass das Schulprogramm so gut läuft: "Pakistan steht vor großen Problemen", sagt Malik. "In unserem Land herrscht große Armut. Die meisten Menschen sind Analphabeten. Beides zwingt Kinder zur Arbeit. Wir können aber nicht auf ein besseres Pakistan hoffen, wenn wir uns jetzt nicht um die Kinder kümmern. Schulen für Kinderarbeiter können schon eine Wende herbeiführen."

Trotz der Fürsorge für die Kinder würde hier niemand versuchen, die Kinder von der Arbeit abzuhalten. "Für ihre Familien sind sie wichtige Ernährer", sagt Akram Gill, Koordinator des Programms. Das Gros der Kinderarbeiter von Pakistan arbeitet zehn bis zwölf Stunden täglich. Kinder, die die Roshan Kal Markaz besuchen, arbeiten nur acht Stunden. Die Schulleitung hat mit den Arbeitgebern der Kinder vereinbart, dass sie trotzdem den gleichen Lohn erhalten.

Doch nicht alle Arbeitgeber und Eltern stimmen dieser Vereinbarung zu. "Wir leben hier nicht in Amerika", sagte ein Vater. "Mein Kind hat viel bessere Chancen, wenn es so früh wie möglich arbeitet." Das sind die Vorurteile, gegen die die NCCL ankämpfen muss.

Auch Akashs Arbeitgeber weigerte sich, den Jungen freizustellen, weil diese "Freiheit" seiner Meinung nach den Jungen verderben würde. Dies war der Moment in dem die Hilfe des Schulpersonals und der lokalen Gemeinschaft gebraucht wurde. Malik Andryas und Mitglieder der lokalen Gemeinschaft trafen sich mit Akashs Arbeitgeber. Die darauf folgenden Diskussionen und der soziale Druck der Gemeinschaft führten zur Entscheidung: Der Arbeitgeber willigte ein und ermöglichte Akash, eines der privilegierten Kinder zu werden, die täglich einige Stunden ins Schulzentrum gehen dürfen.

Einmal im Monat veranstaltet die Schule ein Treffen zu dem sowohl Arbeitgeber als auch Eltern geladen werden, um gemeinsam über die Notwendigkeit von Bildung zu diskutieren. Die Akzeptanz des Schulprojektes in der Bevölkerung stieg dadurch immens. Doch das beste Argument, das Caritas und die NCCL anführen können, sind die Kinder. In nur zwei Jahren schaffen sie ihren Grundschulabschluss. Sie lernen schnell und diszipliniert. "Wir sind sehr stolz auf unsere Schüler", sagt Zafir Malik. "Sie sind die Zukunft von Pakistan. Mit ihnen bauen wir die Zukunft auf."

Akash geht jetzt seit sieben Monaten in die Schule, kennt das Alphabet in Englisch und in Urdu und kann bis hundert rechnen. Seine Familie ist glücklich über die Entscheidung, ihn in die Schule zu schicken und hat jetzt auch seine jüngere Schwester angemeldet. Heute gehen die beiden täglich gemeinsam für einige Stunden in die Schule. Neben dem Lernen haben sie die Möglichkeit mit Mitschülern zu spielen, zu reden und an anderen Aktivitäten teilzunehmen. Für die beiden hat sich eine neue Welt eröffnet, in der sie die Chance erhalten, ihre Zukunft zu gestalten und ihre harten Lebensbedingungen für eine Weile zu vergessen.

September 2009


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