NAHER OSTEN / NÖRDLICHES AFRIKA  

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Christen im Irak

Juli 2009. Zahlreiche Anschläge auf Kirchen und kirchliche Einrichtungen haben die Situation für die Christen im Irak weiter verschärft. Bereits in den vergangenen Monaten waren sie zunehmend unter Druck seitens radikaler islamistischer Gruppierungen geraten. Nach Drohungen und Einschüchterungen verließen immer mehr Christen das Land. Doch auch diejenigen, die aus Angst vor Verfolgung bereits geflohen sind, berichten von massiven Einschüchterungen und Drohungen.

Allein am 12. Juli 2009, einem Sonntag, gab es in Irak sieben Bombenattentate auf Kirchen. Vier Gläubige starben vor der chaldäischen Marienkirche in Bagdad, als nach dem Gottesdienst eine Autobombe explodierte, etwa 30 Menschen wurden dabei verletzt. Bei einer Reihe weiterer Anschläge auf Kirchen und kirchliche Einrichtungen im Großraum Bagdad gab es Dutzende weitere Verletzte. Viele christliche Iraker halten sich versteckt oder sind bereits auf der Flucht.

Christen im Irak
Flucht aus Mosul: 4.000 Christen haben aus Angst vor Überfällen die Stadt verlassen

Auch in anderen Landesteilen hat die Bedrohung zugenommen. Bereits im Oktober 2008 hatten etwa 4.000 Christen aus Angst vor Überfällen die Stadt Mosul verlassen. In der vorwiegend sunnitischen Stadt hatten sich innerhalb weniger Woche die Angriffe auf Christen gemehrt, zwölf irakische Christen waren dabei umgebracht worden. Die Flüchtlinge waren daraufhin in umliegende Gemeinden geflohen und hatten bei Verwandten, in Kirchen, Schulen und Gemeindezentren Unterschlupf gefunden.

Caritas Irak versorgt seither mit Unterstützung von Caritas international die Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Kochutensilien und Matratzen. Gleichzeitig appelliert Caritas international an die irakische Regierung, sich für den Schutz religiöser Minderheiten einzusetzen. Bereits im März 2008 war der Erzbischof von Mosul, Paulus Faraj Raho entführt und nach einem Herzinfarkt tot aufgefunden worden. Kurze Zeit später sind drei christliche Priester ermordet worden. Seither häufen sich die Anzeichen auf eine gezielte Verfolgung der Christen.

Die Befürchtungen der religiösen Minderheit sind nicht neu: Als im August 2004 in Bagdad und Mosul bei Anschlägen auf Gotteshäuser 18 Menschen getötet wurden und 50 Verletzte zu beklagen waren, meinten viele, dass dies das Fanal für eine gezielte Verfolgung der Christen im Irak sei. Zunächst blieb noch unklar, ob diese Angriffe tatsächlich rein religiös motiviert waren. Denn viele der katholischen Gläubigen gehörten der gebildeten Mittel- und Oberschicht an, die überdurchschnittlich oft von Entführungen und Erpressungen betroffen ist. Ein Exodus der Christen, wie ihn die Oberhäupter der verschiedenen christlichen Gemeinschaften schon nach den Anschlägen im Jahr 2004 befürchtet hatten, war zunächst ausgeblieben.

Insgesamt lebten vor dem dritten Golfkrieg etwa 1,2 Millionen Christen im Irak. Nach dem Krieg 2003 blieben nur rund 800.000 Christen im Land. Als relativ wohlhabende Schicht gehörten sie zu denen, die am ehesten die Möglichkeit hatten, ins Ausland zu flüchten.

Inzwischen jedoch haben sich die direkt religiös motivierten Angriffe auf die größte nicht-muslimische Gruppe stark gehäuft. Die befürchtete Massenflucht der Christen scheint nun eingesetzt zu haben. Laut UNHCR haben nunmehr mehr als die Hälfte der ursprünglich 1,2 Millionen Christen den Irak verlassen. Inzwischen gibt es laut übereinstimmenden Schätzungen der UNO und der Hilfsorganisation "Kirche in Not" noch etwa eine halbe Million Christen im Irak.

Geschichte der Christen im Irak

Die Geschichte der Christen im Irak verweist auf eine 2.000 Jahre alte Tradition. So begreifen sich die christlichen Assyrer als Nachfahren der Christen im Vorderen Orient, die im 3. Jahrhundert in Abspaltung zur byzantinischen Reichskirche eine selbständige Kirche gründeten. Die Assyrer bezeichnen ihre Kirche als "Apostolische und Katholische Kirche des Ostens". Noch heute verwenden sie aramäisch, die Sprache Jesu, als Theologie- und Liturgiesprache. In den folgenden Jahrhunderten spalteten sich von ihnen verschiedene mit Rom unierte Zweige ab. Die inzwischen bedeutendste Gruppe ist die chaldäische Kirche mit ihrem Oberhaupt, dem Patriarch Emmanuel Karim Delly, in Bagdad. Die unierte Chaldäer-katholische führt mit den assyrischen Christen zahlreiche gemeinsame pastorale Aktionen durch. Neben der Caritas Irak unterhält die chaldäische Kirche zwei Bildungseinrichtungen, diverse Wohltätigkeitseinrichtungen und verlegt drei christliche Zeitschriften.

Die übrigen Christen verteilen sich auf: syrisch-katholische, syrisch-orthodoxe, armenisch-orthodoxe, armenisch-katholische, grichisch-orthodoxe, lateinische Christen und mit 1% aller Christen kleinste Gemeinschaft: die protestantische und anglikanische Kirche.

Während Saddam Husseins Baath-Regimes wurden die Christen den Muslimen gleichgestellt und die christlichen Hauptkirchen als juristische Personen anerkannt. Grundsätzlich war das Regime Christen gegenüber positiv eingestellt. Sie genossen im säkularen Irak zahlreiche Privilegien, die Kirchen wurden mit staatlichen Subventionen gefördert. Trotz der verhältnismäßig komfortablen Situation für die christlichen Minderheiten während der Diktatur gerieten die vor allem im Nordirak niedergelassenen Assyrer zwischen die Fronten bei den Angriffen Husseins auf die Kurden. Übergriffe auf Assyrer im Laufe der Auseinandersetzungen können jedoch nicht als religiös motivierte Repression gewertet werden. Im Allgemeinen gehören die Christen im Irak der Mittel- und Oberschicht an. So trafen sie wirtschaftlich bedingte Angriffe und Vertreibungen in höherem Maße.

In den 90er Jahren setzte landesweit eine Auswanderungsbewegung der Christen in westliche Länder ein. Diese ist vor allem als Folge des UN-Embargo gegen das Baath-Regime zu werten.

Juli 2009


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