Kongo: Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten
Das Gewehr verleiht Sicherheit und Macht
von Dorsi Germann
Kindern kann man sehr leicht in jede Richtung manipulieren. Viele Milizen nutzen dies aus und formen aus den Kinder skrupellose unerschrockene Kämpfer. Mädchen werden zu willenlosen Sexsklavinnen gemacht. Es ist schwer, die Kinder aus der Gewalt der Milizen zu befreien und ihnen eine lebenswerte Zukunft zu geben.
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Simon Musoni ist zwölf Jahre alt und ehemaliger Kindersoldat. Vor vier Jahren haben ihn die Mai-Mai Milizen rekrutiert, da
war er gerade mal acht. Seit vielen Jahren ist Krieg in den Bergen im Nordosten Kongos. Sieben bewaffnete Gruppen stehen sich
gegenüber. Die Mai-Mai stellen eine der fünf Einheiten im Land, die unabhängig operieren und kämpfen. Seit 1998 hat dieser
Krieg mehr als drei Millionen Menschenleben gefordert, vor allem Zivilisten und Kinder.
Zuerst war Simon für die täglichen Arbeiten im Militärlager zuständig: Wasser und Holz sammeln, Botengänge machen, Gegner
und Dörfer ausspionieren. Später, als er groß genug war, ein Gewehr zu tragen, nahm er an den Kämpfen teil. Er lernte Schießen
und Töten - und war überzeugt, unverwundbar zu sein: alle Mai-Mai tragen Amulette, die, so glauben sie, Gewehrkugeln in Wassertropfen
verwandeln.
Kindersoldaten sind bei den bewaffneten Gruppen beliebt. Sie sind leicht manipulierbar und lassen sich für den Befreiungskampf
begeistern. Sie kämpfen widerspruchslos in vorderster Linie und werden als erste geopfert. Ihre Schulung ist hart: sie werden
in Erdlöcher gesperrt und geprügelt, wenn sie auf Wache einschlafen. Man zwingt sie, Mitglieder der eigenen Familie zu töten,
das Blut erschlagener Feinde zu trinken und Körperteile zu essen, um sie gefügig zu machen. Sie werden unter Alkohol und Drogen
gesetzt. Sie verlieren Hemmungen und Skrupel und lernen, dass nur wer stark ist gewinnt und dass ein Gewehr in der Hand Macht
und Sicherheit verleiht.
Humanitäre Organisation versuchen, diesen verlorenen Kindern zu helfen. Sie verhandeln mit den Militärs, sensibilisieren die Öffentlichkeit und befreien Kindersoldaten. Die Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen sieben und 16 Jahren werden in Transitzentren untergebracht. Hier warten sie meist zwei Monate auf ihre offizielle Entlassung vom Militär, ohne die sie sonst Gefahr laufen, als Deserteure erschossen zu werden. Es braucht viel Zeit, gute Kontakte zu den kämpfenden Truppeneinheiten und viel Verhandlungsgeschick, um Kindersoldaten freizubekommen.
Simon kam frei, weil er schwer verletzt und daher untauglich war. Ein Machetenhieb spaltete fast seinen Schädel. Er überlebt
und wurde zu den Salesianern in Goma gebracht. Die Salesianer sind ein katholischer Orden, der überall auf der Welt Zentren
hat, in denen heimatlose Kinder und Jugendliche ein Obdach und eine Ausbildung finden.
Jetzt, nach Simons Genesung, nehmen wir ihn mit in eines der Transitzentren, das in der Gegend liegt, woher er stammt. Simon
redet nicht. Wenn man ihn zu lange anschaut, dann versteckt er sein Gesicht in den Armen. Er trägt immer eine Mütze. Die heilende
Wunde muss vor Staub, Sonne und Berührung geschützt werden.
Wir sind ein Team von Caritas Goma. Wir sollen Transitzentren besuchen um, wenn nötig, Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten.
Caritas Goma ist eine der humanitären Organisationen in Kongo, die die Wiedereingliederung von Kindersoldaten recht erfolgreich
vorantreibt.
Drei Tage sind wir unterwegs. Die Fahrt geht quer durch die hohen Berge. Die Pisten sind schlecht und bei Regen fast unbefahrbar.
Wir besuchen drei Transitzentren, oft ehemalige Lager- oder Vorratshallen, in denen manchmal 30 Kinder in einem kleinen Raum,
Matratze an Matratze, leben. Sie haben ihre Gewehre und Uniformen abgeben und dafür Kleidung bekommen: Zwei Hosen, zwei T-shirts,
eine Decke, eine Seife, ein Handtuch, eine Zahnbürste und eine Zahnpasta. Auch tagsüber tragen sie meist Decke und Handtuch
mit sich herum, nicht, weil es so kalt ist, sondern weil so viel gestohlen wird.
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Die Neuankömmlinge sind schwierig, sagen uns die Betreuer, und schauen uns aus müden Augen an. Sie sind entweder kaum ansprechbar,
isolieren sich, weinen plötzlich oder sind grundlos aggressiv. Im Transitzentrum von Nabyondo sorgen drei Betreuer für 90
ehemalige Kindersoldaten. Viele Kinder sind Analphabeten, vor allem jene, die früh rekrutiert wurden und vier bis sechs Jahre
Militärzeit hinter sich haben. Ältere haben nie gelernt, ein normales Dorfleben zu führen, bei dem man für Tiere sorgt, das
Feld bestellen hilft, und sonstige kleine handwerkliche Fertigkeiten erwirbt.
Besonders schlimm ist es für weibliche Kindersoldaten. Solange sie sehr klein sind, sorgen sie für Feuerholz, Essen und Wäsche.
Später haben sie die Soldaten mit Sex zu versorgen. Daneben werden auch sie zu Kämpferinnen gedrillt. Viele bekommen sehr
früh Babys, die oft im Busch nicht überleben können. Aids ist verbreitet. Mädchen, die ihre Jungfernschaft verloren haben,
sind nicht mehr heiratsfähig. Viele von ihnen sind traumatisiert - auch Jungen.
Alle ehemaligen Kindersoldaten, mit denen wir sprachen, hatten den starken Wunsch zu lernen, um etwas zu haben, was man ihnen
nicht stehlen kann. Nach Hause zurückgekehrt, wollen sie etwas Wertvolles mitbringen, wollen ihrer Familie helfen und ihr
Leben selbst verdienen. Sie wollen dort wieder willkommen sein, woher sie stammen, auch wenn sie inzwischen geplündert und
getötet haben. Kindersoldaten sind stigmatisiert und gefürchtet.
Der Reintegrationsprozess ist daher nicht einfach. Die durch den Krieg verstreuten Familien müssen ausfindig gemacht und verübtes
Unrecht gesühnt und verziehen werden.
Nur wenn die ehemaligen Kindersoldaten ihre fehlende Bildung nachholen und eine Tätigkeit erlernen können, die es ihnen und
ihren Familien erlaubt zu überleben, wird ihre Wiedereingliederung nachhaltig. Das Projekt von Caritas Goma setzt daher verstärkt
auf Bildung und Ausbildung aller Beteiligter, aber vor allem der Kinder. Nur so können auf Dauer Verantwortung und Toleranz
wachsen, ohne die weder Friede noch Demokratie möglich sind. Der Weg dorthin ist für Kongo noch weit, aber der Wegbau hat
bereits begonnen.
Als wir das letzte Transitzentrum wieder verlassen, begleitet mich Simon zum Auto. Er trägt meinen Rucksack. Ich schenke ihm
meinen Kugelschreiber und wir tauschen ein Lächeln.
Dorsi Germann, Soziologin, SESAM/IIM, Universität Flensburg,
war für Caritas Freiburg in Goma/Kongo



