Tsunami  

Wiederaufbau: So leistet Caritas Hilfe

Wie die Spendengelder verwendet werden

Hilfe ohne Spendengelder ist nicht möglich. In Katastrophen - aber auch für andere Projekte - sind nichtstaatliche Hilfsorganisationen wie Caritas international dringend darauf angewiesen. Nur ein kleiner Teil der Spendengelder wird für die sofortige Nothilfe wie Notunterkünfte, Essen, Wasser und Hygieneartikel ausgegeben. Der größte Teil wird für den Wiederaufbau genutzt. Er bietet den Menschen langfristige Hilfe. Doch der Wiederaufbau in Katastrophengebieten muss weitsichtig geplant sein. Unüberlegte Hilfe kann mehr Schaden als Nutzen anrichten. Deswegen ist die schnellste Hilfe nicht gleich die beste Hilfe. Der Wiederaufbau in Katastrophengebieten ist eine enorme Aufgabe:

  1. Politisches Umfeld:
    Die Gefahr besteht, als Hilfsorganisation durch die Übernahme von Wiederaufbauprojekten von Regierungsstellen in den Kriegsgebieten (Nord-Sumatra und Nord-Sri Lanka) instrumentalisiert zu werden (Umsiedlungen). Hier darf nicht überhastet agiert werden.
    Sprache, ethnische Zugehörigkeit und Religion sind bestehende Konfliktpotentiale.
    Durch Hilfsprogramme interveniert man in diesem Gefüge und muss die Folgen abschätzen. Das geht nicht von heute auf morgen. In Sri Lanka sind beispielsweise unverhältnismäßig viele Fischer betroffen, die Christen sind. Projekte alleine für die Zielgruppe der Fischer würden Gefahr laufen, bestehende religiöse Konflikte zu verschärfen. Deshalb müssen Gemeinwesenprogramme entwickelt werden, die auch die indirekt Betroffenen mit einschließen. Auch das geht nicht von heute auf morgen.

  2. Soziales Umfeld:
    In allen Ländern (mit Ausnahme Sumatras) sind nur die Küstenstreifen betroffen: manchmal einige Kilometer, manchmal nur einige Hundert Meter breit.
    Nur den direkt Betroffenen zu helfen, schafft soziales Ungleichgewicht und zerstört bestehende soziale Gefüge.
    Wo hört man auf? Wer soll und kann von den vielen Spendengeldern profitieren? Beispielsweise sind in vielen Dörfern die Häuser unterschiedlich stark beschädigt: einige total, einige wenig, einige gar nicht. Neue Häuser mit fließendem Wasser, erdbeben- und wirbelsturmsicher nur für einen Teil der Dorfbewohner zu bauen, schafft sozialen Unfrieden. Genaue und aufwändige Analysen sind notwendig und Lokalkenntnisse z. B. der lokalen Caritas-Organisationen sind gefragt.

  3. Entwicklungsprojekte in der Wiederaufbauphase
    Nur Häuser wiederaufzubauen greift viel zu kurz.
    Parallel zum Aufbau der Häuser muss eine soziale Entwicklung angestoßen werden, die bestehende soziale Probleme bestimmter Bevölkerungsgruppen aufgreift. Die Katastrophe bietet eine Chance für Veränderungen. Und Veränderungen, die von den Menschen selber getragen werden, brauchen Zeit. Dazu müssen Selbsthilfegruppen die anstehende Fragen der Gesundheit, der Bildung, der Menschenrechte selber in die Hand nehmen.

  4. Wiederaufbau von Häusern:
    Regierungsentscheidungen:

    Der Baubeginn ist vielerorts abhängig von behördlichen Entscheidungen. Noch immer stehen die endgültigen Entscheidungen der nationalen Regierungen in Indien und Sri Lanka aus. Ohne genaue Richtlinien kann nicht begonnen werden.

    Bauvorschriften:
    In Strandnähe darf nicht mehr gebaut werden. Wie breit der Streifen sein soll, ist noch nicht klar. Was passiert mit den Häusern, die noch stehen? Müssen diese abgerissen werden? Werden Dörfer zerrissen?
    Es bestehen berechtigte Sorgen, dass die freigelassenen Strandflächen in einigen Jahren von der Tourismusindustrie oder von Fabriken bebaut werden (dürfen). Baut man woanders auf, leistet man dem Vorschub.

    Grundstücksrechte:
    Die Ausweisung neuer Bauflächen ist ein langwieriger Prozess. Viele Grundstücke hinter dem Strand sind vergeben. Neue Standorte zu finden, die z. B. nah zum "Arbeitsplatz Meer" sind, ist schwierig und muss über die staatlichen Stellen laufen. Nur zum Vergleich: Nach der Flutkatastrophe an der Elbe in Deutschland 2002 hat die Erschließung neuer Bauflächen teilweise mehr als ein Jahr, in einigen Fällen sogar zwei Jahre in Anspruch genommen.
    In Sri Lanka beispielsweise gibt es durch den seit 20 Jahren andauernden Bürgerkrieg ungeklärte Landfragen. Viele Menschen wurden vertrieben. Darf auf den Grundstücken Vertriebener gebaut werden?

    Beteiligung der Betroffenen:
    Hilfe von außen kann Selbstinitiative ersticken. Die Betroffenen müssen die Herausforderungen selber annehmen, nur so wird es "ihr Wiederaufbauprojekt". Die Bildung von Gemeinschaften muss darum vorgeschaltet sein bzw. parallel laufen. Das braucht Zeit.

    Die Baumaterialien müssen - falls möglich - selber hergestellt werden (Ziegelbrennereien aufbauen).

    Die Häuser müssen in Eigen- und Nachbarschaftshilfe aufgebaut werden - keine Firmen, keine Fertighäuser, keine Bautrupps.

    Die Betroffenen sollen in vielen Fällen die Grundstücksfragen selber klären; das erfordert "community building" im Vorfeld.

    Infrastruktur:
    Viele Transportwege sind zerstört und Baumaterialien (Holz) sind durch jahrelange Abholzung lokal nicht mehr in ausreichender Menge vorhanden.
    Im Norden Sri Lankas beispielsweise sind noch weite Landstriche vermint.

  5. "Groß"- Projekte:
    Caritas international hat sich nicht auf die großen Prestigeprojekte wie den Wiederaufbau von Krankenhäusern gestürzt. Solche Objekte absorbieren sehr schnell sehr viele Mittel.

    Caritas international hat über die lokalen Caritas-Organisationen die Hilfsgüter vor Ort gekauft (Ausnahme Medikamente). Der Lokalkauf der Güter ist billiger, hilft der Wirtschaft vor Ort und ist in den meisten Fällen möglich. Transporte per Luftfracht sind sehr teuer und bedeuten einen schnellen Abfluss von Mitteln.

April 2007

 


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