"Hilfe braucht viel Sachverstand"
Ein Gespräch der "Herder Korrespondenz" (Nr.59 3/2005) mit Jürgen Lieser von Caritas international
Gerade in Deutschland wurde für die Opfer der Flutkatastrophe in Südostasien in Rekordhöhe gespendet. Über das Verhältnis von unmittelbarer Soforthilfe und langfristigem Wiederaufbau sowie das Auftreten eines kirchlichen Hilfswerkes in muslimisch geprägten Regionen sprachen wir mit Jürgen Lieser, Leiter der Katastrophenhilfe bei Caritas international.
Die Fragen stellte Alexander Foitzik, Redaktion Herder Korrespondenz
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| Hilfsgüter in Chennai |
Herr Lieser, die Tsunami-Katastrophe im indischen Ozean Ende letzten Jahres hat eine wahre Spendenflut ausgelöst. Gerade auch in Deutschland spendeten Privatleute in Rekordhöhe, rund 500 Millionen Euro. Firmen, Sportvereine, Schulen - alles sammelte. Hat diese Hilfsbereitschaft und Freigiebigkeit den Profi überrascht?
Nein, angesichts der Bilder, die wir von der Flutkatastrophe gesehen haben und den nicht abreißenden täglich neuen Schreckensmeldungen hat mich dieses Spendenaufkommen nicht überrascht. Außerdem haben die Deutschen auch schon bei früheren Katastrophen ähnlich großzügig gespendet, etwa im Kosovokrieg, bei der "Mitch-Katastrophe" in Mittelamerika 1998 oder auch bei der Elbeflut vor zweieinhalb Jahren. Überrascht bin ich nur insofern, weil doch gleichzeitig so viel von der wirtschaftlichen Krise, von Kaufzurückhaltung und Sparwut, auch von einer steigenden neuen Armut die Rede ist. Trotz dieser wirtschaftlichen Probleme aber öffnen offenbar viele - wenn es wirklich Not tut - ihr Herz und ihren Geldbeutel. Wenn es wirklich drauf ankommt, sind die meisten bereit, ihren Wohlstand zu teilen. Allerdings, anders als früher bemühen sich immer mehr Hilfsorganisationen um Spenden und werben für die Katastrophenhilfe. Damit ist auch die Konkurrenz größer geworden.
"Die Hilfe darf politische und auch religiöse Spannungen nicht weiter verschärfen"
Wenige Wochen nach dem 26. Dezember schon erklärte die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", sie habe genug Geld für die Tsunami-Katastrophe gesammelt. Sie verband dies mit dem Hinweis, es werde auch noch an anderen Orten dieser Welt für Katastrophen Geld gebraucht. Ärzte ohne Grenzen hat damit reichlich Irritationen ausgelöst ...
Auch unter den Hilfsorganisationen wurde dieser Schritt heftig diskutiert, und das Urteil fiel sehr unterschiedlich aus. Nur ging es eben nicht um einen Spendenstopp, sondern die Bitte, die Zweckbindung der Spenden für Südostasien aufzuheben. Es war in dieser Situation sicherlich richtig, darauf hinzuweisen, dass auch anderswo auf der Welt Hilfe dringend notwendig ist. Dahinter steckt ein wichtiges Grundprinzip humanitärer Hilfe: die Hilfe muss sich nach dem Ausmaß der Not richten, nach der Bedürftigkeit der Betroffenen und nicht nach dem Angebot an Spenden, nicht nach der Präsenz, die eine Katastrophe in den Medien hat.
War diese Aktion nicht aber doch auch höchst missverständlich? Man hätte viele gutwillige Spender vergrätzen können. Einige Hilfsorganisationen haben sich ja auch sehr rasch öffentlich distanziert.
Ärzte ohne Grenzen hatte sehr schnell über 20 Millionen Euro auf dem Spendenkonto. Die Organisation ist aber ausschließlich in der medizinischen Nothilfe tätig, nicht im Wiederaufbau. Insofern war die Entscheidung sehr gut nachvollziehbar. Problematisch war der Zeitpunkt. Ich habe Zweifel, ob das von den Spendern richtig verstanden wurde. Die Spendenbereitschaft hängt nun einmal stark von der Berichterstattung in den Medien ab. Wahrscheinlich ist es vielen Spendern kaum zu vermitteln, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf die gerade in den Medien präsente Katastrophe richten sollen. Der ideale Spender ist natürlich der, der sozusagen gegen die Konjunktur spendet, der nach der Flutkatastrophe entschieden für den Sudan oder die Opfer des Bürgerkriegs im Kongo spendet.
Anfang Februar hat auch Caritas international erklärt, dass jetzt für die Tsunami-Katastrophe genug gespendet wurde ...
Alle geplanten Projekte sind jetzt finanziell durch die bereits erhaltenen Spenden abgesichert. Deshalb haben wir unsere Spender aufgerufen, wieder für andere Katastrophen und Krisenregionen zu spenden, die sudanesische Provinz Darfur beispielsweise, Afghanistan, Tschetschenien. Wir versuchen außerdem, bei den Spendern Verständnis dafür zu wecken, dass die Hilfe, die jetzt mit den Tsunami-Spenden geleistet wird, nicht nur auf die unmittelbar Betroffenen beschränkt werden kann, sondern auch deren soziales Umfeld, geographisch auch das Hinterland der Küste einbeziehen muss. Denn die Hilfe darf schon bestehende soziale, politische und auch religiöse Spannungen und Ungleichheiten nicht noch weiter verschärfen. Wir haben in der Vergangenheit solches oft beobachten müssen. Es ist höchst problematisch, wenn die von der Katastrophe unmittelbar Betroffenen Hilfe erhalten, andere aber nichts bekommen, die nur einige Meter weiter gewohnt haben und denen es oft nicht viel besser geht. Sogar bei der Elbeflut gab es welche, die öffentlich bedauerten, dass ihr Haus nicht unter Wasser gestanden hat.
Wie kann solche Hilfe für das Umfeld konkret aussehen?
In Indien beispielsweise sind Fischer besonders betroffen, weil sie durch die Flut ihre Boote und Ausrüstungen verloren haben. Aber die Fischer sind nicht unbedingt die Ärmsten. Kastenlose, Tagelöhner, auch Kleinbauern wurden zwar nicht unmittelbar von der Tsunami-Welle geschädigt, aber sie verloren ihren Arbeitsplatz oder lebten eben auch schon vor der Katastrophe in großer Armut. In diesem Sinne wollen wir unser Spenden auch mittel- und langfristig einsetzen, um diese Gruppen zu fördern. Wir dürfen nicht nur an die unmittelbar Betroffenen denken.
"Hilfe darf keine Abhängigkeiten schaffen"
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Einige Hilfsorganisationen haben jetzt erklärt, die Phase der unmittelbaren Nothilfe sei beendet und die des Wiederaufbau beginne. Verändert sich damit auch die Hilfe, die Caritas international leistet?
In den ersten Wochen nach der Katastrophe haben wir in Indien, Sri Lanka und Indonesien, auch in Thailand und Somalia klassische
Nothilfe geleistet in Form von Lebensmitteln, Wasser, Moskitonetzen, Decken, Zelten oder Planen, Medikamenten. Auch wurden
eigene Fachleute für Katastrophenhilfe in die Flutregion gesandt, um die örtlichen Caritasstellen bei der Durchführung der
Hilfsprojekte zu unterstützen. Gleichzeitig aber haben wir auch sehr früh mit der Wiederaufbauhilfe begonnen, mit dem Wiederaufbau
von Wohnhäusern in der Provinz Aceh beispielsweise. Kleinbauern erhielten Werkzeug und neues Saatgut, weil ihre Ernte zerstört
wurde. Das sind kleine Schritte, um den Menschen vor allem eines wieder zu geben: Zukunftsperspektive.
Wann ist bei einer Katastrophe die Phase der unmittelbaren Nothilfe zuende?
Es geht immer darum, von der eigentlichen Soforthilfe, der unverzichtbaren Hilfe zum schieren Überleben schnell wegzukommen. Die Gefahr ist groß, dass sonst durch die Hilfe langfristige Abhängigkeiten geschaffen werden. Der weitaus größte Teil der Spenden geht in den Wiederaufbau und in soziale Entwicklungsprogramme.
Lassen sich Maßnahmen unmittelbarer Nothilfe und längerfristige Wiederaufbauarbeit immer so trennscharf unterscheiden? Caritas international beansprucht ja für sich, beides zu leisten, Katastrophenhilfe und längerfristige Strukturhilfe.
Klassisch unterscheiden wir kurzfristige Sofort- und Überlebenshilfe, den mittelfristigen Wiederaufbau sowie die Rehabilitation und die langfristige Entwicklungsförderung sowie strukturelle Armutsbekämpfung. Hinzu kommen noch Katastrophenprävention und, wenn wir es mit Konfliktsituationen zu tun haben, die Krisenprävention oder die zivile Konfliktbearbeitung. Die Maßnahmen stehen allerdings nicht unverbunden nebeneinander, sondern sollten immer ineinander übergehen. Es geht auch nicht um eine chronologische Abfolge, in dem Sinne, dass immer zuerst die Soforthilfe kommt und dann der Wiederaufbau. Manchmal läuft beides auch parallel zueinander. Das hängt von der jeweiligen Situation ab. In jedem Fall stellen wir an uns selbst den Anspruch, die verschiedenen Phasen so miteinander zu verknüpfen, dass sie nahtlos ineinander greifen.
Wenige Tage nach dem Anlaufen der internationalen Hilfe war schon deutliche Kritik zu hören, war wieder von Aktionen zu lesen, die im besten Fall als "gut gemeint" entschuldigt werden können. An manchen Orten standen sich die ausländischen Helfer offenbar regelrecht auf den Füßen, andere schickten feste Winterschuhe nach Sri Lanka. Wie fällt Ihre Bilanz zu dem bisher Geleisteten aus?
Einiges war weder sinnvoll noch angemessen. Das liegt vor allem daran, dass sich auch viele in der Öffentlichkeit profilieren wollen, aber nicht über den nötigen professionellen Sachverstand verfügen. Es ist immer noch so, dass für die Katastrophenhilfe vorgeblich ein gutes Herz und ein bisschen Geld reichen. Als Hilfsorganisationen aber wissen wir, dass es sehr viel an Sachverstand, Erfahrung und vor allem guter Landeskenntnisse braucht. Sinnvolle und angemessene Hilfe ist nicht einfach zu leisten. Wo es zu solch sinnlosen Aktionen kam, ist auch der Wettbewerb der Hilfsorganisationen um die sensationellste Meldung schuld. Wenn es darum geht, am schnellsten Hilfe zu leisten, um möglichst viele Spenden einzutreiben, kann nicht alles überlegt und seriös sein.
Braucht Caritas international nicht auch für seine Arbeit die Medien?
Natürlich, aber die Medien setzen sehr stark auf emotionalisierende Bilder. Unser Hilfsansatz beispielsweise, nämlich über lokale Partnerstrukturen zu arbeiten und die vor Ort vorhandenen Organisationen zu unterstützen, weil diese die Situation viele besser kennen als wir - all das wird von den Medien nicht unbedingt gewürdigt. Hilfe, die von außen kommt, erfährt sehr viel mehr Aufmerksamkeit in den Medien, als das, was von lokalen Organisationen geleistet wird. Die Medien wollen zeigen, wie in Deutschland Flugzeuge bepackt werden. Nichts gegen die Leistung von Bundeswehr und Technischem Hilfswerk in solchen Katastrophen, aber warum erfahren diese so viel mehr Aufmerksamkeit als die Hilfe, die unsere lokalen Partner in den betroffenen Gebieten selbst leisten? Dieses einseitige Medieninteresse führt dazu, dass viele Hilfsaktionen nicht nach dem Aspekt der Angemessenheit gestartet werden, sondern nach ihrer Resonanz in den Medien.
An der Medien-Abhängigkeit wird sich wenig ändern lassen. Müssen Sie nicht nahezu zwangsläufig bei diesem Wettbewerb mitmachen?
Es bleibt uns zum Teil nichts anderes übrig, weil wir darauf angewiesen sind, Spenden zu bekommen. Caritas international ist jedoch, wie auch andere kirchliche Hilfswerke, Mitglied im Dachverband VENRO, in dem sich einschlägig arbeitende Hilfsorganisationen zusammengeschlossen haben. In diesem Rahmen haben wir einen Verhaltenskodex für Öffentlichkeitsarbeit und Spendenwerbung aufgestellt, feste Regeln und Kriterien dafür, was angemessen ist oder wo beispielsweise durch Spendenwerbung die Würde der Betroffenen verletzt wird. Im Übrigen: was wir im Kontext der Tsunami-Katastrophe an Profilierungsversuchen erlebt haben, war zum Teil sicherlich hoch problematisch. Andererseits hat der Wettbewerb aber auch etwas Gutes, und ich vertraue voll auf den kritischen Verstand des Spenders. Die Spender sind doch nicht blöd.
Es heißt immer, die Spender wollen wissen, was mit ihrem Geld geschieht. Stimmt das wirklich oder geht es nicht oft auch darum, rasch ein wie immer begründetes schlechtes Gewissen oder Mitleid zu beruhigen?
Die Spender, und gerade die Hochengagierten im kirchlichen Kontext sind sehr kritisch geworden, sind gut informiert und fragen auch sehr genau nach, was die einzelnen Organisationen mit den Spenden tun. Langfristig werden sich nur die durchsetzen und von den Spendern honoriert werden, die die bessere Arbeit machen, nämlich langfristige und nachhaltige Hilfe leisten und nicht auf kurzfristigen und emotionalen Effekt setzen.
Die Aufforderung des Bundeskanzlers, mit den von der Flutkatastrophe betroffenen Regionen Partnerschaft zu gründen, stieß auf enorme Resonanz. Nach Angaben des Bundesministeriums für Entwicklungszusammenarbeit gibt es über 1000 Anträge auf solche Partnerschaften von Kommunen, Schulen, Sportvereinen. Die Hilfsorganisationen haben erstaunlich verhalten reagiert ...
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Ursprünglich war sogar von Patenschaften die Rede - ein in der Entwicklungszusammenarbeit höchst problematischer Begriff. Entweder war der Kanzler bei diesem Vorschlag nicht besonders gut beraten oder es war einfach nur ein spontaner Einfall. Konkret sind bislang etwa 30 Projekte ausgewiesen worden, die für eine solche Partnerschaft überhaupt in Frage kommen. Es gibt ein enormes Überangebot. Die Hilfsorganisationen stehen jetzt unter Druck, konkrete Projekte zu benennen. Wir können dies aber überhaupt nicht leisten. Jetzt schon gibt es Orte, an denen sich die Hilfsorganisationen gegenseitig im Weg stehen, weil alle die "schönen" Projekte machen wollen: Krankenhäuser beispielsweise oder Waisenhäuser. Alle wollen jetzt auch noch maßgeschneiderte Partnerschafts-Projekte haben, die zu ihrem eigenen Profil und Anliegen passen: Schule zu Schule, Kommune zu Kommune. Auch hier sehe ich das Problem, dass nicht nach dem Bedarf, sondern nach dem Angebot agiert wird.
Was lässt sich aus dieser internationalen Hilfsaktion jetzt schon für die Zukunft lernen? Muss beispielsweise die Koordinierung, auch das Zusammenspiel zwischen staatlicher Hilfe und Nichtregierungsorganisationen verbessert werden?
Die Koordinierung ist nicht so schlecht, wie sie dargestellt wird. Es gibt ja durchaus erprobte und etablierte Mechanismen und Strukturen, in Deutschland etwa den beim Auswärtigen Amt angesiedelten "Koordinierungsausschuss humanitäre Hilfe". Die Zusammenarbeit von staatlichen Stellen und Hilfsorganisationen hat sich vielfach bewährt. Wichtiger ist natürlich die Koordinierung vor Ort, dort wo die Hilfe erfolgt. Die Organisationen, die Erfahrung haben, lassen sich auch in solche Mechanismen einbinden. Nur gibt es leider so viele selbsternannte humanitäre Helfer, die von solcher Zusammenarbeit nichts wissen, sie auch nicht wollen oder sie auch gar nicht leisten können.
Bei den zahlreichen TV-Spendengalas nach dem Tsunami wurden gerade solche Aktionen als beispielhaft gefeiert ...
Wir hatten in den ersten Wochen nach der Flut sehr viele Anfragen, wo Privatleute irgendetwas gesammelt hatten und dann heftig Druck ausübten, wir sollten das Gesammelte gefälligst in das Katastrophengebiet schaffen: Das reicht von einigen Tonnen Pilzsuppe über Gebrauchtkleidung bis hin zu unbrauchbaren Medikamenten mit Beipackzetteln in deutscher Sprache. Oft war es kaum zu vermitteln, dass wir den Hilfsbedarf erst mit den zuständigen Stellen vor Ort abklären müssen. Dieses Problem hatten wir bisher bei allen großen Katastrophen. Es mag zynisch klingen, aber zum Glück war die Tsunami-Katastrophe weit genug weg, so dass man nicht selbst mit dem Lastwagen hinfahren kann.
Die von der Flutkatastrophe stark betroffenen Länder wie Indonesien oder Sri Lanka sind durch langjährige politische, ethnische und auch religiöse Spannungen geprägt. Ein Land mit der Wirtschafts- und Finanzkraft Indiens sollte eigentlich in der Lage sein, den von der Katastrophe Betroffenen selbst zu helfen. Verlängert die Hilfe von außen nicht auch politische Unrechtstrukturen und andere Krisen?
Ohne gleich auf die spezifische Situation in den einzelnen Ländern einzugehen - es ist eine in Fachkreisen viel und lange schon diskutierte Frage, ob Nothilfe Konflikte, Kriege oder Unrechtssituationen verlängert. Unter den humanitären Hilfsorganisationen gilt: "do not harm", richte keinen Schaden mit der Hilfe an! Das ist ein hehres Prinzip. Konkret aber trägt Hilfe natürlich manchmal auch dazu bei, bestimmte Unrechtsstrukturen zu verfestigen, Konflikte zu verlängern, manches gar erst aus dem Lot zu bringen. Etwas anderes zu behaupten, wäre schlicht naiv. Wir können nicht so tun, als fände unsere Hilfe im luftleeren Raum statt, als beeinflusse sie nicht die politischen, sozialen, religiösen Verhältnisse.
Sie agieren als kirchliche Hilfsorganisation in einer Region, in der sich die Christen in einer deutlichen Minderheitenposition befinden, Christen, wie beispielsweise im Fall Indonesiens, auch unter interreligiösen Spannungen leiden. Sie kommen gerade von einem Besuch ihrer Partner in Indonesien zurück. Wie verhält sich die Caritas, wie verhalten sich andere christliche Hilfsorganisationen dort?
Im Falle von Sumatra hat uns der Nuntius sehr eindrücklich darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass wir unsere Hilfe unter rein humanitären Prinzipien leisten. Wir dürfen nicht in die Fall tappen, in einem muslimischen Umfeld als christliche Hilfsorganisation die christliche Identität allzu sehr vor uns her zu tragen. Allzu forsches Auftreten würde das ohnehin fragile Verhältnis der Muslime und der christlichen Minderheit weiter gefährden. Wir werden von muslimischer Seite sehr, sehr genau beobachtet, ob wir die Hilfe beispielsweise für irgendwelche missionarischen Aktivitäten nutzen. Entsprechend machen uns auch einzelne, sehr ungeschickte Aktionen von christlichen Gruppen Sorgen, weil sie die gesamte Hilfe der christlichen Organisationen in Misskredit bringen.
Die Bedürftigen, denen Sie helfen, sind überwiegend Moslems ...
Aber natürlich schließen wir die Christen nicht aus. Wir unterscheiden eben nicht. Kriterium unserer Hilfe ist allein, wer ist von der Katastrophe betroffen, wer hat seine Existenz verloren?
"Über die Katastrophenhilfe hinaus braucht es den langfristigen Kampf gegen die Armut"
Wie vermeiden Sie konkret ein von den Muslimen als allzu forsch verstandenes Auftreten?
Wir verzichten beispielsweise sehr bewusst auf das Caritas-Logo mit dem breiten roten Kreuz, weil dies eben als Provokation missverstanden werden könnte. Auf der anderen Seite haben wir im Rahmen der Hilfe durch das weltweite Caritasnetzwerk Gebetsausrüstungen für Muslime finanziert, weil viele durch die Flut beispielsweise ihre Gebetsteppiche verloren haben. Wir hoffen, dass so eine Aktion zumindest von den gesprächsbereiten Muslimen als Geste verstanden wird.
Stößt ein solches Vorgehen aber umgekehrt nicht wieder auf Unverständnis bei Ihren Partnern vor Ort, oder auch bei Ihren Spendern hierzulande?
Unter unseren Spendern gibt es sicher den ein oder anderen, der das nicht gut findet, uns dafür auch abstraft. Wir haben das auch schon bei unserer Afghanistan-Hilfe erlebt: Noch in der Ära der Taliban hatten wir seinerzeit Unterricht für Mädchen in Koranschulen finanziert. Die Koranschulen waren der einzige Rahmen, in dem Schulunterricht für Mädchen überhaupt möglich war. Auch unseren Partnern ist dieser strikt humanitäre Ansatz nicht leicht zu vermitteln - gerade dort, wo die Kirche sich in einer Minderheitenposition befindet. Natürlich gibt es da auch Stimmen, die eine entschiedene Bevorzugung der Katholiken wünschen. Gerade deshalb ist es für uns als ausländische Organisation wichtig, wenn sich beispielsweise der Nuntius hinter unser Vorgehen stellt. Es ist unser Grundprinzip, zu helfen ohne jede Unterscheidung von Hautfarbe, Religion oder politischer Gesinnung. Das müssen wir auch gegen Widerstände in der lokalen Kirche durchhalten.
Die enorme Hilfs- und Spendenbereitschaft wurde nicht nur als Ausdruck eines neuen weltweiten Solidaritätsbewusstseins gefeiert, sondern auch als entwicklungspolitische Zäsur, als entwicklungspolitisches Schlüsselerlebnis. Teilen Sie diese Hoffnung?
Sicherlich hat sich angesichts der großen Not eine hohe Bereitschaft zu weltweiter Solidarität gezeigt. Ob daraus auch die Erkenntnis wächst, dass wir langfristige Strukturveränderungen in der Weltwirtschaft brauchen, neue Impulse in der internationalen Armutsbekämpfung, in der Frage des Schuldenerlasses - da bin ich sehr skeptisch. Lassen Sie uns abwarten, ob den vielen Worten jetzt überhaupt auch Taten folgen. Wir haben als international agierende Hilfsorganisationen in den letzten Jahren zu viele Enttäuschungen erlebt. Vor fünf Jahren haben die Staaten auf der Ebene der Vereinten Nationen die sogenannten Millenium development goals verkündet, die gemeinsame Anstrengung zur Halbierung der weltweiten Armut bis zum Jahr 2015 mit weitreichenden Maßnahmen im Bildungs- und Gesundheitsbereich. Deutschland hat sich dieser Aktion natürlich angeschlossen. Bislang aber sehe ich auch hierzulande noch kein überzeugendes Signal, wie diese Milleniums-Ziele erreicht werden sollen. Schaut man sich nur die nackten Zahlen an - etwa den aktuellen Entwicklungsetat - so sind wir noch sehr weit weg von dem, was wir uns vorgenommen haben.
Auch wenn der Tsunami nicht für den großen entwicklungspolitischen Durchbruch sorgen wird - ergeben sich für die einschlägig engagierten Hilfsorganisationen nicht doch auch neue Chancen für ihr Lobbyarbeit oder eine verstärke Bewusstseinsarbeit? Lässt sich nicht doch noch - so zynisch das klingen mag - der Katastrophe eine Chance abgewinnen?
Vielleicht hat diese schreckliche Katastrophe dazu geführt, dass viele, auch bei uns, nachdenklicher geworden sind, etwa was die Verletzbarkeit durch solche Katastrophen angeht. Die Katastrophe hat gerade bei uns ja sicherlich auch eine solche Aufmerksamkeit gefunden, weil viele Deutsche unmittelbar betroffen waren, weil viele Deutsche die Region als Touristen kannten. Ebenso hoffe ich, dass über die Katastrophe hinaus, die wirtschaftliche, soziale und politische Lage in den betroffenen Ländern nicht in Vergessenheit gerät, die große Armut vor allem in Indien und Sumatra. So könnte deutlich werden, dass es über die kurzfristige Katastrophenhilfe hinaus den langfristigen Kampf gegen strukturelle Armut braucht.
HERDER KORRESPONDENZ 59 3/2005



