"Es gab genug Krieg, wir wollen nur Frieden"
30 Jahre nach dem Einmarsch der Roten Khmer gibt es im kambodschanischen Phnom Penh einen zaghaften Neuanfang
Von Uta Jungmann (Text) und Wolfgang Radtke (Fotos)
Sie stehen immer noch, die fünf Türme von Angkor Wat - die Wahrzeichen der riesigen Tempelstadt mitten im kambodschanischen
Dschungel. Die Türme sollen die Spitzen des Berges Meru darstellen: Das von den Göttern bewohnte Zentrum der Welt, das die
Ordnung im Kosmos aufrecht erhält. "Unser nationaler Schatz", sagt Sam Ol Nuth, ein einheimischer Bewunderer. "Ihn zu zerstören,
haben nicht einmal die Soldaten Pol Pots gewagt."
14 Jahre ist Sam Ol alt, als in Kambodscha die Herrschaft der Roten Khmer beginnt: Am 17. April 1975 marschieren sie in die
Hauptstadt Phnom Penh ein. "Sieg", "Freiheit", "Friede" rufen die Leute den ersten Soldaten zu, als sich herum spricht, dass
der ungeliebte Staatschef Lon Nol vertrieben ist. Doch die Roten Khmer sehen an ihnen vorbei. Schwarz gekleidet, gehen sie
stumm hintereinander her - viele von ihnen erst 16, 17 Jahre alt. Finster schauen sie drein.
Der Jubel kehrt sich in Entsetzen um
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| Gartenarbeit in Or Sanguth: Viele der ehemaligen Roten Khmer müssen mit Krücken leben |
Die Jubelschreie verhallen. Die Städter ahnen nichts Gutes von den Roten Khmer, die aus der kommunistisch beeinflussten Guerilla
unter dem radikalen Anführer Pol Pot in den Provinzen entstanden sind. "Sie kamen", seufzt Sam Ol, "um Sklaven aus uns zu
machen". Und befahlen sofort Ungeheuerliches: Binnen 48 Stunden müssen die zwei Millionen Einwohner Phnom Penhs ihre Stadt
verlassen. Angeblich, weil die USA Bombenangriffe planen, als Rache für den Umsturz. "Alle wurden aufs Land getrieben", empört
sich Sam Ol. "Sogar Alte, Kranke und Schwangere." Wer nicht folgt, wird erschossen. Bald ist Phnom Penh fast menschenleer.
Eine Geisterstadt, in der bloß 20 000 Angehörige der Roten Khmer wohnen. Die Städter werden in die westlich gelegene Provinz
Battambang deportiert. Hier sollen sie künftig leben. Als ein Volk von Reispflanzern und so, wie sich die Kader um Pol Pot
ihren Steinzeit-Kommunismus denken.
"Familien wurden auseinander gerissen und auf Lager verteilt", erinnert sich Sam Ol. Geld und Besitz sind abgeschafft, sogar
die Uhr muss jeder abgeben. Maschinen werden zerstört, die Spitzhacke fürs Feld genügt. Töpfe, Pfannen? Wozu, wenn es Gemeinschaftsküchen
gibt. Auch Menschen werden vernichtet: In den "Killing Fields", den Todesfeldern, wird ermordet, wer als regimefeindlich gilt,
nicht hart genug arbeitet, unerlaubt Früchte von den Bäumen isst oder auch nur betet. Meist erschlagen die Täter ihre Opfer
mit Hacke oder Schaufel - sie wollen Gewehrkugeln sparen. Blind den geheimen Regeln der Parteiorganisation Angka folgend,
der gesichtslosen "Gestapo" Pol Pots, wüten sie gegen ihre Landsleute. 1,7 Millionen Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung,
fallen Zwangsarbeit, Mord oder Krankheiten zum Opfer, bis vietnamesische Einheiten 1979 das Land besetzen.
Viele Jahre grausamen Hunger gelitten
Wer den Terror überlebt, leidet jahrelang unter grausamem Hunger, der sie innerlich schier zerreißt. "Wir durften nur abends
essen", erinnert sich Sam Ol. "Eine Schale Reisbrei, nach zehn Stunden schwerer Feldarbeit." Völlig entkräftet kehrt er nach
Phnom Penh zurück: Auf der Suche nach seiner Familie und etwas Essbaren in der Stadt ohne Strom und Wasser. "Wer einen Diamantring
fand, hat ihn weggeschmissen", entsinnt er sich. "Man konnte ihn nicht essen." Bis heute achtet der Mann bei Überlandfahrten
darauf, dass er für sich und seine Begleiter genug Brot im Auto hat. Als Direktor von Caritas Cambodia kämpft er zudem für
ein besseres Leben seiner Landsleute. Niemals wieder sollen sie Hunger leiden müssen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter
Weg in dem geplagten Land: Auf den Einmarsch Vietnams folgt ein Bürgerkrieg, in dem die Roten Khmer und Guerilla-Verbände
anderer Parteien erst gegen die Besatzer und später um die eigene Macht im Land ringen - trotz UN-Friedensplan.
1998 geht der Bürgerkrieg zu Ende. Nach dem Tod Pol Pots geben die letzten Roten Khmer auf. Der frühere König, Prinz Sihanouk,
wird Staatsoberhaupt, und nach freien Wahlen entsteht eine Koalitions-Regierung unter dem bis heute amtierenden Premierminister
Hun Sen. Doch die seelischen Wunden nach 23 Jahren Terror, Krieg und Unruhen heilen nur langsam: Zumal ein Sondertribunal
über die Schergen Pol Pots und ihre Verbrechen noch aussteht. Auch wirtschaftlich geht es schleppend voran, verrottete Straßen
müssen erneuert werden. Vor allem auf dem Land kommen die Menschen kaum über die Runden. Gegen die Not setzt Caritas-Leiter
Sam Ol auf einen Neuanfang: Mit Maßnahmen für Bedürftige gleich welcher Partei, ob Veteranen oder Zivilisten. Finanziell unterstützt
wird das übergreifende Hilfsprogramm vom katholischen Hilfswerk Misereor in Aachen. "Unter dem Krieg hat doch fast jeder gelitten",
überlegt Sam Ol. "Auch die Soldaten der Roten Khmer, die ihre Beine und Arme verloren haben, und oft jeden psychischen Halt."
Um die Kriegsversehrten kümmert er sich zum Beispiel im westlichen Distrikt Samlot. Rund 4000 frühere Anhänger der Guerilla
leben dort mit ihren Familien. Sie zählten zum Fußvolk der Roten Khmer: die Männer als Soldaten, die Frauen als Trägerinnen,
die Essen oder Munition an die Front schleppten.
Die Minen erinnern immer noch an den Krieg
Nach dem Waffenstillstand blieben sie in ihrer einstigen Hochburg - ein gefährliches Gebiet, weil Soldaten aller Parteien
dort Landminen vergraben haben. "Wir wussten, wie riskant das war", fasst Veteran Kim Mong Kri den Minen-Wahn zusammen. "Aber
wir wollten uns schützen und waren froh, wenn der Feind darauf trat, und traurig, wenn sich einer von uns verletzte." Noch
heute müssen die Kinder deshalb nahe bei den Hütten spielen.
Ein Opfer der tückischen Fallen ist hingegen der 47-jährige Kim Mong selbst geworden, er verlor vor 15 Jahren ein Bein. Seinerzeit
zog es den Mann zur Roten Khmer, weil er ohne eigenes Land in seinem Dorf nicht viel zu sagen hatte. "Doch mit dem Gewehr
in der Hand - da war ich wer", seufzt er. "Ich hoffte auf ein Stück Land und glaubte, dass die Armen statt der Reichen regieren
sollten." Heute bedauert Kim Mong "all das Töten und Sterben".
Inzwischen wohnt er im Dorf Or Sanguth, wo sich er sich mit staatlicher Hilfe vor sechs Jahren angesiedelt hat: In einer Gemeinschaft,
deren 558 Bewohner zuvor verstreut im Dschungel lebten. "Da war jeder auf sich gestellt, und das Essen reichte nie", klagt
Kim Mong. Erst im Dorf hat der Veteran gelernt, wie man Kompost herstellt, Beete für Spinat anlegt und Felder bestellt. Kopfzerbrechen
bereiten ihm nur die Minen: "Das Dorf ist sauber", sagt er. "Aber die Felder nicht ganz - doch entweder wir wagen es oder
haben keine Ernte." Er freut sich, dass die Caritas jetzt seinen Leuten das Geld für einen Motorpflug vorstreckt. Abzahlen
wollen sie ihn mit den Einkünften, die die Männer im Dorf als Kesselmacher verdienen: mit Krügen, Eimern und Gießkannen, die
sie aus Blech zusammen löten. Die Gefäße sind auf dem Markt gefragt. Sie halten Trinkwasser frisch.
Neu lernen in Nachbarschaft zu leben
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| Als Kesselmacher verdienen viele Dorfbewohner ihr Geld |
Einen solchen Kessel hat sich auch Bauer Mey Yam in Baan geleistet, obwohl er sonst nicht viel mit den Veteranen aus dem nächsten Distrikt zu schaffen haben will: Zu lange hat seine Familie in Angst vor Übergriffen der Guerilla gelebt, zu oft sind sie geflohen. Heute ist Mey Yam einfach froh, dass sein Gemüse ungestört gedeiht und Ruhe um seine Hütte herrscht. "Wir haben von der Caritas Saatgut für den Anbau von Reis und Erdnüssen bekommen und Fische für unsere Zucht", berichtet der Bauer. "Damit wurde alles besser, und meine Familie leidet keinen Hunger mehr." Und die Nachbarn, die Roten Khmer-Veteranen? Er sagt nur: "Keiner soll mehr den anderen erniedrigen. Wir müssen lernen, nebeneinander zu leben." Beinahe scheint es Bauer Mey Yam so, als ordneten die Mächte des Berges Meru allmählich wieder das Leben in seiner Heimat. "Es gab genug Krieg, wir wollen nur Frieden", fügt er hinzu. Und setzt ein Lächeln auf, beinahe so unergründlich und weise wie das der Götter von Angkor.
Februar 2006
Mit freundlicher Genehmigung: kna-bild


