Asien  

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Birma: Hilfen nach den Verwüstungen des Zyklon Nargis im Irrawaddy-Delta

Die Waisenkinder von Rangun

Reportage aus dem Katastrophengebiet in Birma

Nach dem Zyklon Nargis harrte der elfjährige Ko Ko Aung zwei Tage auf einem Baum aus / Jetzt hat er seine Brüder gefunden

Von Willi Germund

Kinder in Birma
Nach der Katastrophe auf sich allein gestellt: Kinder in Birma
Foto: REUTERS/Stringer (MYANMAR) alertnet.org

RANGUN. Das neue Zuhause des kleinen Ko Ko Aung ist eine Bastmatte in einem großen Saal. Dort schläft der elfjährige Junge, seit er vor zwei Tagen im buddhistischen Kloster Dekkhi Na Yon in Rangun angekommen ist. "Ich hatte solche Angst", sagt der Junge. Zwei Tage harrte er in der Krone eines Baumes in der Nähe seines Heimatdorfes Kokko aus. Dorthin hatte ihn die Welle geschwemmt, die während des Wirbelsturms Nargis den Ort ausradierte. Jetzt gehört Ko Ko Aung zu den Tausenden von Waisen, die die Naturkatastrophe im Irrawaddy-Delta Birmas forderte.

"Einmal", erzählt der Junge und zupft nervös an seinem Hemdchen, "bin ich heruntergestiegen. Aber da war niemand, dann bin ich wieder hochgeklettert." Der Junge rutscht auf dem Boden der Gebetshalle des Klosters herum. In einer Ecke haben die Mönche Säcke voller Kleider verstaut. Es sind Gaben der Gläubigen für die Überlebenden, die rund um Labutta leben, einer der am schlimmsten betroffenen Regionen des Irrawaddy-Deltas. Daneben stehen ein paar Säcke Reis. Sie sind für die 26 Waisen gedacht, die der Abt des Klosters, der 52-jährige U Utta Ra, mitgebracht hat. "Vor allem Kinder und Frauen sind ums Leben gekommen", berichtet der Mönch, der zwei Tage nach dem Wirbelsturm nach Kokko aufgebrochen ist, um in seinem Heimatdorf nach Überlebenden zu suchen.

Ko Ko Aung kletterte mit seinem Vater, der Mutter, den beiden Schwestern und seinem 14-jährigen Bruder Wai Yan Soe auf das Dach ihrer Hütte, nachdem die erste Flutwelle das Dorf überschwemmt hatte. Doch dann kam eine neue Welle. Wai Yan Soe wurde weggerissen. Dann verlor Ko Ko Aung den Halt. Der Junge erinnert sich nicht an viele Einzelheiten der furchtbaren Stunden, in denen er mit der Kraft der Verzweiflung gegen den Tod durch Ertrinken kämpfte. Sein von Schnittwunden übersäter Schädel ist stummer Zeuge des Überlebenskampfs. Mal wurde er von Baumstämmen verletzt, dann knallte er gegen Häuserreste. "Ich war so müde", sagt der Elfjährige. Dann kam die rettende Baumkrone. Als nach zwei Tagen endlich Menschen auftauchten, verließ Ko Ko Aung den Baum und folgte ihnen. Von seinem Heimatdorf Kokko war nichts mehr übrig.

Ko Ko Aung springt plötzlich auf und umarmt den 16-jährigen Novizen Shin Tiha. Der schlaksige Teenager in der safranfarbenen Kutte ist der älteste Bruder des Jungen. Vor vier Jahren kam er nach Rangun, um Mönch zu werden. Vor zwei Jahren hat er zum letzten Mal die Eltern und die beiden Schwestern gesehen, die beim Wirbelsturm auf Nimmerwiedersehen in den Fluten verschwanden. Jetzt ist er das Familienoberhaupt. Nach der Katastrophe war er gemeinsam mit seinem Abt in das Katastrophengebiet gefahren. Im Heimatdorf Kokko fanden die beiden nur Tote und die Kadaver von Wasserbüffeln. Der Mönch und sein Schüler kehrten nach Labutta zurück. Zuerst fanden sie den 14-jährigen Wai San Soe. Er war in einem Busch hängengeblieben, hatte sich einer Gruppe von Erwachsenen angeschlossen und war so in Labutta gelandet. Zwei Tage lang suchten sie nach Verwandten – bis ihnen plötzlich der elfjährige Ko Ko Aung über den Weg taumelte, der orientierungslos durch Labutta streunte. Jetzt sind die drei Brüder im Kloster Dekkhi Na Yon vereint.

Dreimal täglich teilen sie sich die Reismahlzeiten mit 26 anderen Waisen. Es gibt wieder so etwas wie eine Zukunft für die Jungen vom Land. Aber sie wissen auch: Ihre Eltern und Schwestern werden sie nie wiedersehen.

Nur 1000 der etwa 7000 Einwohner von Kokko haben die Katastrophe überlebt. Naing Sae gehört zu ihnen. Der 35- jährige Mann in einem weißen Unterhemd hat die drei Waisen unter seine Fittiche genommen. Tagsüber spielt er mit ihnen. Naing Sae hat seine zwei Kinder und eine Ehefrau verloren. Auch seine Mutter wurde von den Fluten mitgerissen Jetzt ist er im Kloster vorübergehend eine Art Ersatzvater für die drei Jungen aus seinem Heimatdorf.

Die drei Jungen, um die er sich kümmert, sind froh, einander wieder gefunden zu haben. Zärtlich wischt der elfjährige Ko Ko Aung seinem 14-jährigen Bruder Wai San Soe eine Träne von der Backe, als der Junge von der Katastrophe erzählt. Sie fassen sich an der Hand. Dann sagt Ko Ko Aung: "Ich möchte Mönch werden, wie mein großer Bruder." Den Schädel haben die beiden sich nach buddhistischer Art bereits scheren lassen. Abt U Utta Ra zögert. "Ich weiß noch nicht, was ich mit den Kindern machen soll. Vielleicht schicke ich sie auf eine Schule. Vielleicht werden wir die Waisen aber auch hier unterrichten."

15. Mai 2008
Mit freundlicher Genehmigung der Badischen Zeitung