Birma: Hilfen nach den Verwüstungen des Zyklon Nargis im Irrawaddy-Delta
Eine Nation in Trauer
Brief des Erzbischofs Charles Bo aus Rangun, Birma vom 16.06.2008
![]() |
| Erzbischof Charles Bo besucht das Irrawaddy-Delta |
Ein Monat ist vergangen seit Myanmar sein Gesicht verändert hat. Fast 150 000 unsrer Landsleute weilen nicht mehr unter uns.
In dieser Schicksalsnacht hat der tödliche Wirbelsturm Nargis die Landkarte von Myanmar in Rangun und im Irrawaddy-Delta völlig
verändert. Die Satellitenfotos zeigen in "Vorher-Nachher" Aufnahmen die Zerstörung ganzer Landstriche. Was aber keine Satellitenaufnahme
zeigen kann, sind die tiefen Wunden, die er in die Seelen unseres leidenden Volkes geschlagen hat.
Wir sind eine Nation in Trauer.
2,3 Millionen unsrer Bevölkerung tragen neue Namen: Flüchtlinge und Obdachlose. Und jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo
Sie diesen Bericht lesen, reihen sich Tausende Überlebende der grausamen Naturkatastrophe in Warteschlangen in ihren abgelegenen
Ortschaften um Hilfe zu erhalten.
Auch die Toten warten auf eine würdige Bestattung - In den Baumwipfeln, im Wasser liegend, in Büschen und auf den Straßen
warten diejenigen auf die ewige Ruhe, die die Katastrophe nicht überlebt haben.
Von allen Seiten sind wir als Kirche herausgefordert. Spezialteams von kirchlichen Hilfswerken, Kirchenmännern und Freiwilligen
arbeiteten Tag und Nacht in den am meisten betroffenen Gegenden. Tausende erhalten lebensrettende Unterstützung, Unterkunft
und andere grundlegende Hilfestellung.
Die Antwort auf das Erdbeben in China stellte für uns einen schmerzlichen Kontrast dar. Lange wird die Welt uns noch begleiten
müssen.
Die Aufmerksamkeit der Medien bei menschlichen Tragödien ist flink zur Stelle aber ebenso schnell wieder erloschen. Die humanitäre
Hilfe kann den Medien nicht folgen. Myanmar benötigt eine längere Begleitung und dauernde Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft.
Dieser Bericht, hoffe ich, wird den langen Marsch mit unserem Volk leichter machen.
--------------------------------------------------------------------------------------
Brief des Erzbischofs Charles Bo vom 10. Juni 2008
Der Erzbischof Charles Bo berichtet in einem Brief von seinem Besuch in den Dörfern des Irrawaddy-Deltas einen Monat nach der Katastrophe.
![]() |
| Viele der Kinder haben ihre Eltern nicht wiedergefunden. Die meisten sind schwer traumatisiert |
Am 2. Juni begann das neue Schuljahr in Myanmar. Und genau einen Monat ist es her, dass der Wirbelsturm Nargis über das Land
fegte.Für die vielen Kinder im Irrawaady-Delta aber gibt es keine Schulen mehr und auch keine Hoffnung, denn viele haben ihre
Eltern und ihr Zuhause verloren.
In der letzten Woche habe ich das Dorf Aima und andere Inseldörfer wie Pha-ya-lay-gone oder Pein-ne-gone, im Delta besucht.
Das Dörfchen Aima liegt in der Verwaltungsgemeinde von Labutta im Süden des Deltas und ist sehr schwer zu erreichen. Fast
zehn Stunden brauchten wir, um mit dem Boot dort hin zu kommen. Ich habe Familien angetroffen, die immer noch ums nackte Überleben
kämpfen müssen. Auf den Delta-Inseln sind alle Schulen zerstört.
Immer wenn die Nacht hereinbricht oder wenn es regnet, fangen die Kinder an zu weinen. In ihren Köpfen spukt noch der Schrecken
des Zyklons. Sie erleben dann jedes Mal das Trauma der Nacht vom 2. Mai aufs Neue. In diesen Dörfern sind die tiefen Wunden
mit Händen greifbar und sie brauchen lange Zeit um zu heilen.
Bis heute ist nur wenig Hilfe in diesen Gemeinden angekommen. In den ersten beiden Wochen kam die einzige Hilfe von der katholischen
Kirche. Man hat mir berichtet, dass die Bevölkerung ohne diese Hilfe nicht überlebt hätte. Die Regierung liefert derzeit nicht
mehr als zwei Portionen Reis pro Person und Tag aus und das reicht nicht zum Leben.
In einzelnen Fällen hat die Regierung die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Notunterkünfte zu verlassen und in ihre Dörfer
zurückzukehren. In vielen Dörfern gibt es jedoch keine Unterkünfte mehr, keine Nahrungsmittel und auch kein Trinkwasser. Die
Regierung hat den Betroffenen aber nur einige Küchengeräte zur Verfügung gestellt.
Meine Reise nach Aima zeigt, wie notwendig es ist, dass die katholische Kirche ihre Arbeit fortsetzt und den Katastrophenopfern
so gut wie möglich hilft. Bis heute konnten wir die Nahrungsmittel und Trinkwasser verteilen, Schutzplanen zur Verfügung stellen
und etwa 20 000 Menschen in der Gemeinde Labutta mit Medikamenten und Kochgeräten versorgen.
Wir müssen die Hilfe fortsetzen, vor allem um das Überleben zu sichern, und das Weiterleben zu ermöglichen. Die Menschen,
die ich angetroffen habe, sind bescheiden in ihren Bitten und verlangen nichts weiter als Nahrungsmittel und Unterkunft.
Der Beginn des neuen Schuljahrs erinnert uns daran, wie wichtig es ist, vor allem den Kinder zu helfen, die vom Zyklon Nargis
betroffen sind.
Die Kirche sollte alles tun, um zu ermöglichen, dass die Kinder wieder zu ihren Familien finden, dass sie Spielzeug bekommen
und Orte zum Spielen haben. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass sie so schnell wie möglich wieder in die Schule gehen können.
Für sie wird es umso schwerer, die Traumata zu überwinden, wenn sie nicht wieder in die Schule können und ihr normales Leben
weiterführen.
Diese jüngste Reise, die geprägt war von der Allgegenwart des Todes und der Zerstörung hat für mich die Notwendigkeit bewiesen,
dass wir die Widerstandskraft der Kinder stärken müssen.
Eine Frau namens Veronika hat mir erzählt, wie sie und ihr drei Monate altes Baby durch einen auf das Haus gestürzten Baum
eingeschlossen wurden. Als das Wasser im Haus stieg und stieg, begann sie, die Möbel übereinander zu türmen und darauf zu
klettern. Das Wasser aber stieg weiter und schließlich war sie nur noch mit ihrem Kopf und ihrem Baby über Wasser. Fast hatte
das Wasser das Dach des Hauses erreicht. So verharrte sie bis zum nächsten Tag. Und schließlich sank der Wasserspiegel, ganz
langsam, aber er sank.
Das erzählte mir Veronika und fügte hinzu: "Kein einziges mal hat mein Baby geweint".
Und ich habe die Geschichte eines fünfjährigen Kindes aus Lein-maw-gone gehört. Es war plötzlich ganz allein, als das Wasser
stieg, die Familie war weg und es konnte sich nicht alleine retten. Das Kind hielt sich an seinem Hund fest, der anfing zu
schwimmen. Stundenlang schwamm der Hund, solange, bis er festen Boden erreichte. Das Kind konnte sich mit Hilfe des Hundes
retten, aber leider starb der Hund vor Erschöpfung, nachdem beide in Sicherheit waren.
Nachdem ich die Menschen im Irrawaddy-Delta getroffen habe, und nachdem ich die Bedingungen erlebt habe, unter denen sie noch
einen Monat nach der Katastrophe leben müssen, schwanken meine Gefühle zwischen Hoffnung und tiefer Bedrückung.
Es gibt immer noch viel Leid und die Opfer brauchen Hilfe und Unterstützung um weiterzuleben. Dennoch bin ich hoffnungsvoll,
denn die Kirche kann viel dazu beitragen, die Not zu lindern. Mit dieser Geisteshaltung sollten wir nach vorne schauen und
zusammenarbeiten und den in Not Geratenen auf effiziente und bestmögliche Weise helfen.



