Asien  

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Birma: Hilfen nach den Verwüstungen des Zyklon Nargis im Irrawaddy-Delta

Seuchen sind vermeidbar

von Dr. med. Joost Butenop

Nach einer Flutkatastrophe wie in Birma liegt die Befürchtung nahe, dass Seuchen wie Denguefieber, Malaria oder Durchfallerkrankungen ausbrechen. Warum das keine zwingende Folge sein muss, erläutert die Bestandsaufnahme des Tropenmediziners, der für Caritas international und Malteser international in Birma war.

Überflutetes Land
Das überflutete Land ist eine Ideale Brutstätte für Bakterien und Mosquitos. Dennoch ist der Ausbruch von Seuchen vermeidbar
Foto: © Stringer / Reuters.alertnet.org

12. Juni 2008. Das Ausmaß der Zerstörung des Zyklons "Nargis" wird vermutlich nie ganz klar werden. Wie weitreichend und komplex aber die Folgen der Katastrophe sein können, zeigt ein Blick auf jene Faktoren, die die Gesundheit der Deltabewohner indirekt beeinflussen. Durch den Zyklon hat sich die Ökologie der Küstenregionen im weitverzweigten Irrawaddy Delta verändert. Ein Großteil der Region steht noch immer unter Wasser. Das behindert nicht nur die Rückkehr der Deltabewohner und erschwert die Hilfe von außen enorm, sondern es bietet auch ideale Brutbedingungen für Bakterien und Moskitos.

Auch die Insekten waren vom Sturm betroffen, ihre Populationsdichte hat sich zunächst reduziert. Allerdings haben die Mücken einen Reproduktionszyklus von ca. einer Woche, und Experten der Weltgesundheitsorganisation berechneten einen Zeitraum von etwa sechs Wochen, bis die Mücken wieder in großen Zahlen auf Blutsuche gehen werden. Verschiedene Arten der Gattung Anopheles sind die Überträger der Malaria. Normalerweise brauchen die Larven der Malariamücken langsam fließendes Süßwasser zum Brüten, wie es in der weit verzweigten Deltaregion der Fall ist. Durch die Flutwelle aberist Salzwasser tief in die Deltaregion gespült worden. Damit ist der Brutraum zunächst eingeschränkt. Eine Besonderheit in Südostasien stellt aber eine dieser Mückenarten dar, die auch in leicht salzhaltigem Wasser brüten kann: Anopheles Sundaicus hat sich auf die Küstenregionen der Region spezialisiert. In Asien hat sie in der Vergangenheit schon größere Ausbrüche der Malaria verursacht. "Eine Ausbreitung dieser Mückenart wird nun im Delta befürchtet", berichtet Dr. Masatoshi Nakamura, Entomologe bei der WHO.  

Mücken müssen sich erst selbst infizieren

Um aber die Malaria übertragen zu können, muss sich die Mücke zunächst selber mit Malaria infizieren, sprich von einem Erkrankten die Parasiten aufsaugen. Bislang dokumentierte die Deltaregion eine mittlere Durchseuchung an Malaria. Nicht die ganze Bevölkerung hat also einen  erworbenen Schutz durch Antikörper, im Vergleich zu Regionen mit hoher Durchseuchung in anderen Landesteilen. Zehntausende Menschen sind vor dem Sturm und auf der Suche nach Sicherheit und Hilfe nach Norden ins Landesinnere geflohen, vor allem auf höheren Grund. Dort wiederum ist die Malaria häufiger und es wird befürchtet, dass die Menschen nach ihrer Rückkehr ins Delta vermehrt Malaria einschleppen und ein größeres Reservoir für die Mücken bilden. Durch die Umsiedelung und Zusammenfügung der Delta-Bevölkerung in Lager steigt weiterhin die Gefahr der Übertragung.

Oft allerdings suchen sich die Anopheles Mücken nicht nur den Menschen für ihre Blutmahlzeit aus. Wildtiere und Schweine oder Ziegen sind ebenfalls Ziele der Insekten. Und die Mücken sind anpassungsfähig. Durch den Zyklon und die Überschwemmungen sind besonders die Populationen der Haustiere erfasst worden und fast alle in den Fluten verendet. Die Mücke passt sich dem innerhalb weniger Wochen an und schwenkt auf den Menschen um.

Das durch die Welle tief ins Land getragene Salzwasser wird sich nach Expertenmeinung durch anhaltende Regenfälle des gerade beginnenden Monsuns allmählich verdünnen. Dieser Prozess wird drei bis vier Monate dauern. Durch die zunächst im Brackwasser brütende Mücke ist die unmittelbare Malariagefahr erhöht, und durch die allmähliche Auswaschung des Salzwassers wird dann eine weitere Mückenart die frei werdende ökologische Nische schnell wieder füllen.

In Südostasien ist die gefährliche Form der Malaria Tropica weit verbreitet und macht in Myanmar fast 75% aller Malariafälle aus. Dies könnte verheerende Folgen für die Gesundheit der Deltabewohner haben.

Aufklärung tut Not

Zudem werden vermehrt Fälle an Durchfallerkrankungen im Delta dokumentiert. Das wundert nicht, ist doch in vielen Küstenorten die Trinkwasserversorgung, die weitgehend durch Brunnen gewährleistet wird, total zusammen gebrochen. Die etwa drei Meter hohe Welle, die mit dem Zyklon kam, hat viele Brunnen und Trinkwasserquellen versalzen. Um die Brunnen zu entsalzen müssten sie komplett geleert werden, damit das nachströmende Grundwasser und Regenwasser wieder genießbar ist. Viele Brunnen sind aber nicht ausreichend gesichert, so dass ihre Wände möglicherweise kollabieren würden, wenn der Wasserdruck plötzlich weg fällt.

Sowohl für die Malaria als auch für jegliche Form der Durchfallerkrankungen oder anderer Seuchenszenarien gilt es nun, im großen Stil Gesundheits- und Hygieneaufklärung durchzuführen, Moskitonetze und Seifen zu verteilen, Unterkunft und Ernährung sicher zu stellen, um genau diesen Szenarien vorzubeugen.  

Die Horrorszenarien großer Seuchen sind bisher ausgeblieben. Weder Epidemien wie die Malaria noch Ausbrüche von Durchfallerkrankungen wie Cholera oder auch Unterernährung sind bisher in großen Zahlen berichtet worden. Aber es ist zu früh für eine Entwarnung. Die Regenzeit hat gerade erst begonnen. Sie ist Segen und Fluch zugleich. Zum einen verhilft der Regen den Menschen im Delta Zugang zu einigermaßen sauberem Trinkwasser. Andererseits kommen mit den Regenmassen andere Probleme. Nicht nur fehlt es vielen Menschen an trockener Unterkunft, was die Ansteckung an Atemwegsinfektionen und Tuberkulose bedeuten kann. Auch die Helfer können unter anderem auch wegen des zunehmend schlechten Wetters nicht in alle Regionen des Deltas vordringen.

Dr. Joost Butenop ist Tropenmediziner am Missionsärztlichen Institut in Würzburg

Juni 2008