Birma: Hilfen nach den Verwüstungen des Zyklon Nargis im Irrawaddy-Delta
Ein Ort ist nicht mehr als Ort erkennbar
Bericht eines birmanischen freiwilligen Helfers
Than* ist einer der vielen birmanischen Helfer, die sich aus eigenem Antrieb in die Notcamps im Katastrophengebiet aufgemacht haben, um ihren Landsleuten zu helfen. Manchmal ein hoffnungsloses Unterfangen, denn die Regierung hat die Notunterkünfte zwangsweise räumen lassen.
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| Auf engstem Raum zusammengepfercht: Die Katastrophenopfer in Birma |
Unser Team hat etwa 14 Stunden gebraucht, um den Einsatzort zu erreichen. Einer meiner Kollegen hatte vorher das Gebiet besucht,
um festzustellen, was am dringendsten gebraucht würde. Unsere Aufgabe war, die Hilfsgüter in den Camps mit Behelfsunterkünften
zu verteilen.
Bei unserer Ankunft in der ersten Notunterkunft fanden wir nur einige wenige Menschen vor. Es stellte sich heraus, dass dies
die Folge einer Anordnung der Regierung war: Alle von NGOs betreuten Camps müssen aufgelöst werden! Die dort lebenden Flüchtlingsfamilien
wurden gezwungen, in ihre Dörfer oder in die von der Regierung kontrollierten Camps zurückzukehren.
Jeder, der sich dieser Anordnung widersetzte, sollte inhaftiert werden. Eine Stunde hatte man den Menschen Zeit gegeben, ihre
Sachen zu packen. Dann mussten sie ohne jede Hilfe die Notunterkünfte verlassen.
Von einem der Camps, die wir besuchten, wurde in dem früheren Untersuchungsbericht gesagt, dass dort mehr als 300 Menschen
lebten. Als wir dort ankamen, trafen wir nur noch 53 Menschen an. Wir verteilten unsere Sachen und machten uns auf die Weiterreise
zu unserem nächsten Einsatzort.
In fast allen Notcamps, zu denen wir fuhren, bot sich das gleiche Bild. Die Menschen mussten dort weg und leben nun irgendwo
und irgendwie, gerade so, wie es geht.
Die Situation, in der sie sich augenblicklich befinden, ist nur schwer vorstellbar. Männer, Frauen und Kinder haben überall,
wo es ein Dach gibt, Zuflucht gesucht, ohne irgendwelche Trennwände voneinander. Es gibt auch kleinere Notunterkünfte, aus
Bambus zusammengezimmert und bedeckt mit Planen, die von Hilfsorganisationen bereitgestellt wurden, um vor dem starken Regen
und vor der Sonnenhitze zu schützen. Sie sind keine zehn Quadratmeter groß und jeweils drei Familien leben darin.
Lebensmittel sind knapp und sauberes Trinkwasser ist nur schwer zu bekommen, da die Quellen entweder zerstört oder verseucht
sind.
In der gleichen Nacht setzten wir uns zusammen und beratschlagten, was wir unter den gegebenen Umständen tun könnten. Wir
entschieden uns, den Flüchtlingen mit einem Boot in die Dörfer zu folgen und zu sehen, wie wir ihnen helfen können.
Überall sahen wir am Ufer angeschwemmte Körper. Schon seit einem Monat liegen sie dort. Bei diesem Anblick hielten wir alle
erschüttert inne. Vom Wasser aus sieht man, was von ganzen Dörfern übrig geblieben ist: Buchstäblich nichts, außer den Trümmern
von Häusern und Kokosnussbäumen.
Ein Ort ist nicht mehr als Ort erkennbar, weil die Häuser fehlen. Es heißt, dass in einigen Ortschaften gerade mal drei bis
vier Menschen überlebt haben und der Rest von ihnen entweder tot oder vermisst ist.
Die Überlebenden sind ohne irgendetwas zurückgekehrt: Ohne Essen, Wasser, Kleidung, Zufluchtsmöglichkeit und Kochgeschirr.
Eine der Ansiedlungen setzte sich aus zehn kleineren Dörfern zusammen, mit insgesamt 3 200 Menschen. Nur die Hälfte der Bevölkerung
hat überlebt. Das einzige Bauwerk, das noch zu Teilen stand, war ein Kloster. Die Dächer des Klosters allerdings waren weggeweht
und die Wände teilweise eingestürzt. Behelfsmäßig war es mit Planen Instand gesetzt. Zwanzig Menschen konnten hier einen trockenen
Platz finden. Eindeutig nicht genug für 1.300 Menschen die Schutz vor kalten Nächten und heißen Tagen suchen! Der Rest der
Dorfbewohner campiert in zwei Behelfsunterkünften.
Wir zogen weiter zu einem anderen Dorf mit etwa 15 Haushalten - ungefähr 400 Menschen. Jetzt leben dort nur noch 31. Die Lebensbedingungen
dieser 31 Überlebenden sind extrem schlecht. Das ganze Dorf ist zerstört. Hier steht nichts mehr: weder Häuser noch Bäume.
In und um das Dorf herum liegen immer noch die Leichen und die Luft riecht nach Verwesung.
Wir fanden ein gekentertes Boot in dem Fluss, der nur einige Meter vom Dorf entfernt vorbeifließt. Zusammen mit den Dorfbewohnern
untersuchten wir das Boot und fanden dort 53 menschliche Körper. Wir trugen sie ans Ufer, bereiteten ein provisorisches Grab
für sie, drehten das Boot um und benutzten es fortan als Transportfahrzeug, um die notwendige Versorgung herbeizuschaffen.
Wenn die Menschen dort nicht schleunigst Hilfe bekommen, werden sie verhungern oder an Krankheiten und Wassermangel sterben.
* Name aus Sicherheitsgründen geändert. Than ist ein Freiwilliger, der sich den Hilfsprojekten von Caritas Internationalis angeschlossen hat.
Juni 2008


