Birma: Hilfen nach den Verwüstungen des Zyklon Nargis im Irrawaddy-Delta
Hilfe ist möglich!
Ein erfahrener medizinischer Berater* hat nach dem Zyklon die Caritas-Partnerprojekte in Birma besucht. Dazu gehören unter anderem auch die Gesundheitsprogramme des Malteser Hilfswerks im Irrawaddy-Delta. Nach seiner Rückkehr bot sich die Gelegenheit zu einem Gespräch. Das Interview führte Monika Hoffmann
Vor mehr als einem Monat hat der Zyklon zwischen 130.000 und 200.000 Menschen in den Tod gerissen. 2,4 Millionen sind von den Folgen betroffen. Warum ist es trotzdem so still geworden um Birma?
Nach wie vor ist es sehr schwer nach Birma einzureisen - und schon gar, sich dort zu bewegen. Es dringen nur bruchstückhaft Informationen nach außen und das hemmt natürlich auch das mediale Interesse. Dazu kommt, dass die Regierung allgegenwärtig ist - in jeder Beziehung.
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| Verteilung von Lebensmitteln im Irrawaddy-Delta. Wo noch keine Hilfe angekommen ist, ernähren sich die Menschen nur von Kokosnüssen |
Wie ist heute die Lage im Katastrophengebiet?
Klar ist, dass mindestens 130.000 Menschen umgekommen sind. Das ist die offizielle Regierungsangabe. Da kann man von weitaus
mehr Opfern ausgehen.
Nargis hat außer dem gewaltigen Sturm auch eine etwa 3,5 Meter hohe Flutwelle bis weit ins Landesinnere gespült. Das Deltagebiet
selbst liegt sehr tief und hat enorme Dimensionen. Und wo der Zyklon direkt auf die Küste traf, steht kein Haus mehr.
Schon vor der Katastrophe war das ein schwer erreichbares Gebiet mit seinen Tausenden von Kanälen und Inselchen. Weil das
Delta aber gleichzeitig mit seinem fruchtbaren Boden auch die Reiskammer Birmas ist, ist es auch dicht besiedelt. Trotzdem:
Den Leuten im betroffenen Gebiet ging es vor der Katastrophe auch schon nicht gut, es ist eine extrem arme ländliche Bevölkerung.
Viele Menschen haben schon vorher unter den Krankheiten gelitten, die sich in Sumpfgebieten schnell ausbreiten, wie Malaria
oder sporadisch auch die Cholera.
Wer vorher schon schwach war, wird doch eigentlich bei solch einer Naturkatastrophe noch schlimmer getroffen und ist noch anfälliger?
Schon, und es ist ja auch so, dass die Menschen unter extremem Mangel leiden. Zum Glück aber bietet die Natur hier eigentlich alles. Es muss zum Beispiel niemand verhungern, weil es Fische und genug Kokosnüsse gibt, die sind vitamin- und nährstoffreich, trotzdem ist das auf Dauer natürlich nicht genug. Der Reis fehlt als Nahrungs- und Einkommensquelle, denn die Ernte ist vollständig zerstört.
Und was ist mit der Trinkwasserversorgung?
Sauberes Wasser ist absolute Mangelware! Aber auch hier sind die Bedingungen nicht so extrem schlecht, wie man meinen könnte. Traditionell nutzt man im Delta das Flusswasser nicht zum Trinken. Es gibt überall Brunnen und Zisternengruben. Die sind allerdings durch die Flutwelle noch immer versalzen und das Wasser ist ungenießbar. Aber auch hier gilt: Hilfe ist möglich! Wenn man die Brunnen leer pumpt, können sie sich wieder mit Süßwasser füllen. Der Monsunregen, der gerade eingesetzt hat, erleichtert in dieser Hinsicht die Aufgabe - auch wenn er den Menschen im Delta ansonsten schwer zu schaffen macht. Der starke Regen wird die Versalzung nach und nach auswaschen, was aber schon noch bis zu zwei Monate dauern kann. Tatsächlich ist es auch so, dass im Wasser noch überall Leichen liegen. In Birma weder Tote nicht verbrannt, sondern beerdigt. Und dazu ist man im Moment kaum in der Lage. Die Menschen fangen allerorts das Regenwasser auf, was in der gerade beginnenden Monsunzeit in reichen Mengen verfügbar ist. Zwar ist es nicht ganz sicher, aber selten dermaßen verunreinigt, dass es zu Krankheiten führt.
Man hört immer wieder von der drohenden Gefahr von Seuchen, von Malaria, Durchfallerkrankungen, Cholera...
Die Gefahr besteht natürlich. Bislang ist es zum Glück noch nicht zu der Katastrophe nach der Katastrophe gekommen, denn auch
die Moskitos sind vom Zyklon betroffen.
Gebannt ist die Gefahr deshalb aber noch lange nicht, sondern nur aufgeschoben, denn die Mücken brüten bereits wieder.
Was die wasserbedingten Krankheiten betrifft, da treffen wir in Birma auch auf verhältnismäßig gute Bedingungen. Denn die
Menschen benutzen hier Latrinen - das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit, hier aber üblich. Und das schränkt die Gefahren
deutlich ein. Auf die leichte Schulter darf man die Bedrohung aber trotzdem auf keinen Fall nehmen.
| Mitarbeitende der Malteser bauen zusätzliche Latrinen |
Wie kommen die Menschen im Delta mit den Folgen der Katastrophe zurecht?
Neben all dem Elend und Mangel ist wohl eins am Schlimmsten: Die Menschen sind schwer traumatisiert. Sie haben überlebt, aber
in den Familien, in den Dörfern - überall sind Tote zu beklagen.
Sie haben den Horror überlebt, aber der Schrecken hat noch lange kein Ende gefunden. Hilfe, das Trauma zu bewältigen wird
eine der großen Aufgaben für die Helfer sein. Und die Helfer selbst leiden seelische Qualen mit all der Not, mit der sie hier
konfrontiert sind. Auch sie brauchen psychische Unterstützung.
Kommt denn inzwischen mehr Nothilfe in die Region?
Bei weitem nicht genug, und wer es natürlich sehr schwer hat, überhaupt ins Delta zu kommen, sind die "Weißnasen", also die
internationalen Helfer. Asiatische Organisationen haben es da etwas leichter. Sie schmuggeln sich einfach rein, sofern man
sie vom Aussehen her auch für Birmanen halten könnte. Und die Regierung akzeptiert auch eher Hilfe von asiatischen Nachbarländern,
wie Malaysia oder China.
Aber: Die Hilfe von lokalen Organisationen wird nicht behindert. Und die kann man nicht hoch genug einschätzen! Es gibt sehr
viele birmanische Hilfsorganisationen, wie eben auch die Malteser, die wir unterstützen. Und sie haben außerordentlich gut
qualifizierte Mitarbeiter/innen, Ärzte, Schwestern und andere Helfer in der Sozialarbeit oder Experten für die Wasserversorgung.
Auch die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung innerhalb des Landes ist enorm. Hier klappt dann auch häufiger die stillschweigende
Duldung durch lokale Offizielle, die die Vorschriften etwas laxer behandeln.
Es ist schwer, die abgelegenen Regionen überhaupt zu erreichen. In viele Gegenden kommt man nur mit hochseetauglichen Booten
und kann sich an Land nur mit Motorrädern fortbewegen. Um jetzt, nach den Überflutungen tatsächlich alle betroffenen Gebiete
zu erreichen bräuchte man Helikopter.
Und die gibt es nicht?
Nein, die wenigen, die man sieht, sind Militärmaschinen. Und man muss sich vorstellen: Um zum Beispiel von Rangun aus nach Labutta zu kommen braucht man schon vier Stunden. Von dort aus dann weitere sieben Stunden, um die vorgelagerte Insel Purain zu erreichen, wo die Projekte der Malteser international sind, die von Caritas unterstützt werden. Die Vereinten Nationen haben nach langen Verhandlungen inzwischen vier Helikopter im Einsatz. Zum Vergleich: Bei einer Katastrophe dieser Größenordnung bräuchte man in der ersten Akutphase große Transportflugzeuge, die im Minutentakt in der Hauptstadt landen, und entsprechend Mengen an Hubschraubern, die die Hilfsgüter dann weitertransportieren.
Was war Ihre Aufgabe in Birma?
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| Krankenhaus in Birma. Außerordentlich gut qualifizierte Schwestern und Ärzte arbeiten unter schwierigsten Bedingungen |
Ich habe im Auftrag von Caritas international Hilfsprojekte der lokalen Partner beraten. In erster Linie sind das Projekte
von den Malteser international auf der größten der Inseln Purain, die direkt in der Hauptmündung des Irrawaddy liegt. Die
Insel ist mit 90.000 Bewohnern dicht besiedelt, die Infrastruktur aber sehr schwach.
Ein einziges Krankenhaus im äußersten Norden hat bislang die gesamte Insel versorgt. Dort haben zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern
gearbeitet. Bei dem Zyklon haben zwei der Mitarbeitenden das Leben verloren.
Die birmanischen Malteser bauen hier Gesundheitsstationen und Ambulanzen an sechs verschiedenen Standorten auf. Zusätzlich
gibt es mobile Teams mit jeweils fünf bis sechs medizinischen Mitarbeitern.
* Name ist der Redaktion bekannt; aus Sicherheitsgründen anonymisiert.
Eine gekürzte Fassung des Interviews ist in der Zeitschrift neue caritas, Heft 12, 30. Juni 2008 erschienen.
Juni 2008



