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Mobile Sozialhilfe für Straßenkinder in Sibirien

Soziale Projekte in Sibirien

Statt Straßenkinder in Heimen unterzubringen, bemüht sich die Caritas Russland, den Kontakt zwischen den Kindern und ihren Eltern wiederzubeleben - oder die Kinder darin zu unterstützen, ihr Leben selbstständig zu meistern.

Jana,  Erzieherin Tatjana,  Mutter Irina
Jana, ein Mädchen aus dem Kinderklub mit der Erzieherin Tatjana und ihrer Mutter Irina
Foto: Susanne Staets

Das soziale Gefälle Russlands wirkt sich in Sibirien besonders drastisch auf die Situation vieler Kinder und Jugendlichen aus. Die Abgelegenheit der Städte und das extreme Klima erschweren das Leben derer, die über keine finanziellen Mitteln und familiäre Geborgenheit verfügen. Die Straßenkinder leiden besonders unter diesen Bedingungen: Im bitterkalten sibirischen Winter übernachten sie oft in Hausgängen, Kellergeschossen oder auf Baustellen - mit ein paar Zeitungen als Unterlage. 

Die Caritas Russland hat ein Konzept entwickelt, das Straßenkinder darin unterstützt, sich aktiv selber in die Gesellschaft zu integrieren. Durch mobile soziale Jugendarbeit werden die Straßenkinder indivuell gestärkt. Bewusst wird auf den teuren Bau und kostenintensiven Unterhalt von Kinderheimen verzichtet. An mehreren Standorten in Westsibirien hat die Caritas Zentren eröffnet, in denen geschultes Fachpersonal die Kinder betreut. Derzeit sind das in zehn Kinderzentren täglich mindestens 230 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis achtzehn Jahren.

Die Kinder und Jugendlichen erhalten in diesen Zentren warme Mahlzeiten, Schulbetreuung, medizinische Hilfe und emotionale Zuwendung. Pilotcharakter hat dieses Projekt durch den sogenannten sozial-räumlichen Ansatz: Die Caritas-Mitarbeiter/innen vor Ort kümmern sich um einen intensiven Kontakt mit den Eltern und Schulen der Jugendlichen sowie mit den Behörden. Vorrangiges Ziel ist die Wiederaufnahme der Kinder und Jugendlichen in ihre (Groß-) Familien oder ihre Begleitung in die Selbständigkeit. Um dies zu erreichen, helfen die Mitarbeiter/innen den Jugendlichen auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

"Früher war mir alles egal. Heute weiß ich, dass ich meine Ziele erreichen kann." Maria ist vierzehn Jahre alt. Von ihren Eltern wurde sie zum Betteln gezwungen, sie schnüffelte Klebstoff und war sehr aggressiv. Seit einem Jahr kommt sie nun regelmäßig ins Zentrum für Straßenkinder der Caritas Russland und hat sich seither sehr verändert: Heute weiß sie, dass sie nach der Schule einen Beruf erlernen will, in dem sie mit Menschen zu tun hat. Sie hilft im Zentrum mit und kümmert sich um die Neuankömmlinge. 

Normalität leben

Neu ist das "Familienzimmer", ein geschützer Raum in den Kinderzentren, in dem Eltern und Kinder in gewaltfreier Umgebung gemeinsam ihre Freizeit verbringen können. Wenn hier das "Familienkino" mit gesellschaftskritischen Spielfilmen läuft, finden Gespräche über eigene Ängste und Bedürfnisse statt. Mit der Feier von Familienfesten machen Eltern und Kinder die Erfahrung, dass sie ihre Freizeit auch ohne Alkoholkonsum verbringen können.

In sozialrechtlichen und psychologischen Fragen beraten die Caritasmitarbeiter/innen die Familien individuell, zudem informieren sie über staatliche Sozialleistungen, gesetzliche Regelungen, steuerlichen Vergünstigungen oder kostenlose juristische Beratungen. Sie geben Hinweise, wie die Familien eigenständig etwas an ihrer schwierigen sozialen Situation verändern können.

Jedes Zentrum verfolgt eigene Schwerpunkte. Dazu gehören Kochkurse und Sommerlager oder auch Trainings zur Persönlichkeitsentwicklung, Workshops zur Gewaltprävention und die Betreuung traumatisierter Kinder in Slavjanka und Tomsk. Die Kinder und Jugendlichen werden dazu angeleitet, sich aktiv an Initiativen zum Schutz der Rechte und Interessen von Kindern aus sozial benachteiligten Familien zu beteiligen. Um die gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern, organisieren die Kinderzentren runde Tische, Tage der offenen Tür und Konferenzen. Sie gehen in Schulen und Kindergärten, um sich dort vorzustellen - um Kontakte aufzubauen und nicht unsichtbar zu bleiben. Die Kinder und Jugendlichen beiteiligen sich aktiv an Stadtfesten und an ökologischen und sozialen Aktionen.

Lesen Sie mehr zu den Kinderklubs in der Reportage: Kojla und das Marmeladenbrot [weiter...]

Oktober 2011

Mit 200 Euro kann ein Kinderzentrum einen Monat lang Lebensmittel für Kochkurse einkaufen. In den Kursen lernen Kinder und Jugendliche, sich gesund zu ernähren.

Mit 700 Euro kann ein Zentrum ein zweiwöchiges Sommerlager für Kinder und Jugendliche organisieren. Freizeitangebote sorgen auf dem Sommerlager für das Wohl der Kinder, die hier soziales Miteinander erleben, das ihnen in ihrer täglichen Not ums Überleben auf der Straße fehlt.