Soziale Projekte in Sibirien
Interview mit Sr. Elisabeth Jakubowitz zum Thema HIV/Aids in Russland
Sr. Elisabeth Jakubowitz (48 Jahre alt) ist Aachener Franziskanerin und seit 13 Jahren in Sibirien. Sie leitet seit 2004 die Diözesancaritas des flächenmässig zweitgrössten Bistums der Welt. Die Caritas betreibt in Westsibirien mehr als 60 Projekte an 20 Standorten. Ein Projekt ist speziell der Arbeit mit HIV-Positiven gewidmet. Mit ihr sprach Anna Lehmann für die TAZ, Berlin.
TAZ: Sr. Elisabeth, die Caritas betreibt eine Beratungsstelle, die auch jungen Familien und Müttern, die mit HIV infiziert sind, weiterhilft. Aber das darf niemand wissen. Warum nicht?
Sr. Elisabeth: Die Diözesancaritas für Westsibirien koordiniert seit 1991 die sozialen Dienste der katholischen Kirche im flächenmässig zweitgrössten Bistum der Welt, mit einer West-Ost-Ausdehnung von mehr als 3.000 km und drei Zeitzonen. In diesem riesigen Gebiet arbeiten über 300 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter an 20 Standorten in mehr als 60 Projekten. Unsere Arbeit kommt in erster Linie den Menschen zugute, deren Probleme von Staat und Gesellschaft noch wenig beachtet werden. In Modellprojekten versuchen wir, in der praktischen Arbeit Möglichkeiten zu effektiver Hilfe zu erproben und auf das Problem aufmerksam zu machen.
Eines der Probleme, dem wir in den letzten Jahren grosse Beachtung schenken, ist die oft dramatische Situation von Schwangeren und jungen Müttern, die kein Einkommen, keinen Wohnraum und keine Unterstützung durch eine Familie haben. Der scheinbar unüberwindliche Berg von Problemen verschärft sich noch extrem, wenn die junge Mutter HIV-infiziert ist. HIV ist in Russland ein noch relativ neues Problem. Bis Mitte der neunziger Jahre gab es auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion noch kaum HIV-Infizierte. Heute gehört Russland weltweit zu den Ländern, in denen sich die Infektion am schnellsten ausbreitet. Da die Verbreitung von HIV im Anfangsstadium oft im Zusammenhang mit Drogenkonsum und Homosexualität steht, ist sie mit einem gesellschaftlichen Stigma behaftet. Und gerade dieses Stigma ist der Grund für die rasante Ausbreitung der Infektion. Aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung bis hin zu tätlichen Übergriffen, wagen Infizierte es selbst im engsten Familienkreis nicht, ihre schreckliche Diagnose zu nennen und mit ihrem Partner über den Schutz seiner Gesundheit zu sprechen. So verbreitet sich HIV nun mit rasantem Tempo in den Familien.
2006 haben wir mit Unterstützung von Caritas international in Prokopjewsk, einer Stadt im Osten unseres Bistums ein Krisenzentrum für Mütter mit Kleinkindern eröffnet. Zu diesem Zentrum gehören ein Mutter-Kind-Heim und eine Beratungsstelle. In unserem Bistum haben wir insgesamt 13 Mutter-Kind-Einrichtungen. Da Prokopjewsk einer der Regionen ist, in denen sich die HIV-Infektion besonders rasch verbreitet, hat die Arbeit mit HIV-infizierten Müttern Priorität in dieser Einrichtung. Sie gibt uns ausserdem die Möglichkeit, erste eigene Erfahrungen in dieser von Angst und Ausgrenzung besetzten Zone zu sammeln. Auf die Bitte und den Rat der MitarbeiterInnen des städtischen Aidszentrums und von HIV-Betroffenen selbst, stellen wir die Arbeit dieser Einrichtung jedoch ausschliesslich als Krisenzentrum für Mütter mit Kleinkindern dar. HIV-infizierte Mütter, die in einer Selbsthilfegruppe organisiert sind, haben uns erklärt, dass es für sie eine absolute Horrorvision wäre, vorübergehend in einer Einrichtung zu leben, von der im Ort bekannt wäre, das sie für HIV-Infizierte gedacht ist. Sie befürchten, dass diese Einrichtung überfallen und abgebrannt wird oder sie selbst mit Steinen beworfen und zusammengeschlagen werden.
Die gesellschaftliche Diskriminierung und die daraus entstehenden Ängste führen soweit, das HIV-infizierte Frauen sogar von nicht infizierten Mitbewohnerinnen im Heim gewalttätige Übergriffe mit Körperverletzung bis hin zu Totschlag befürchten. Ähnliche Fälle sind in der Bevölkerung aus Gefängnissen bekannt, wo teilweise HIV-infizierte Gefangene zu ihrer eigenen Sicherheit in gesonderten Abteilungen untergebracht werden. Als Caritasmitarbeiter sind wir zunächst einmal verpflichtet, diese Todesängste und das Sicherheitsbedürfnis der Frauen zu achten.
In welcher Situation sind die Frauen, wenn sie zu Ihnen kommen?
Die Situation von HIV-infizierten Müttern und ihren Kleinkindern ist oftmals dramatisch. Viele von ihnen sind sozial in keiner
Weise abgesichert und leben in wechselnden Partnerschaften. Meist sind sie in Heimen oder in asozialen Familien aufgewachsen.
Sie haben keine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung und kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Einerseits haben diese
Mütter kein Geld, um Wohnraum für sich und ihr Kind zu mieten und andererseits keine Vorstellung von einem Leben als Familie
und von den Bedürfnissen eines Kindes. Nicht wenige der jungen Mütter sind oder waren drogenabhängig. Ihre Lebensbedingungen
stellen eine erhebliche Gefahr für die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder dar. Auf Grund der kritischen sozialen
Situation junger Mütter werden Schwangere oft mit massivem Druck zum Schwangerschaftsabbruch bewegt, ungeachtet der seelischen
Folgen für die Frau.
Was würde es für die Mütter bedeuten, wenn sich herumspricht, dass sie AIDS-krank sind oder das Virus in sich tragen?
Obwohl es ungesetzlich ist, würden die meisten Arbeitgeber einer HIV-infizierten Mutter kündigen, oder die Kollegen würden sie so isolieren, das sie von selbst geht - ohne Chance auf einen anderen Arbeitsplatz. Nicht selten ergeht es ihnen wie Tanja. Sie ist 22 Jahre alt und lebte mit ihrer Mutter, die seit Jahren schwere Alkoholikerin und tuberkulosekrank ist, in einer baufälligen, nicht mehr beheizbaren Hütte. Der Prinz, mit dem sich Tanja ein normales Leben erträumt hatte, jagte sie weg, als sie schwanger wurde. Nach einigen Wochen stellte sich heraus, das er sie ausserdem mit HIV infiziert hatte. Die Infektion hatte er vor ihr verschwiegen.
Dank rechtzeitiger medikamentöser Behandlung kam die kleine Alesja zwar ohne HIV-Infektion zur Welt, doch die Unterernährung
und der emotionale Stress während der Schwangerschaft hatten die Gesundheit von Mutter und Kind erheblich geschwächt. Mit
einem schwachen Neugeborenen wagte Tanja nicht, im sibirischen Winter in die baufällige Hütte ihrer stets betrunkenen Mutter
zurückzukehren. Eine Freundin, selbst alleinerziehende Mutter, nahm sie zu sich in ihre Einraum-Wohnung auf. Ängstlich verschwieg
Tanja überall ihre HIV-Infektion. Doch aus Zufall hat es die Freundin eines Tages doch erfahren. Sie bat Tanja, sofort mit
Alesja ihre Wohnung zu verlassen, denn sie selbst habe schliesslich auch ein Kind und sie wolle auf keinen Fall dessen Gesundheit
gefährden. Es half keine Erklärung. Gegen die panische Angst der Freundin kam Tanja mit ihren Aufklärungsversuchen nicht an.
Wie gut sind ihre Chancen Medikamente und Behandlung zu erhalten?
Sei gut einem Jahr greift jetzt das international geförderte russische Regierungsprogramm und HIV-Infizierte können in den städtischen Aidszentren auch medikamentös behandelt werden. Besonders die rechtzeitige Behandlung während der Schwangerschaft ist ein Segen, denn sie reduziert erheblich das Infektionsrisiko für das Baby.
Wir hoffen sehr, das die Medikamente das Immunsystem der Mütter stabilisieren können, denn im normalen Alltag lauern überall
Tuberkulose und Hepatitis als tödliche Bedrohung für HIV-Infizierte. Beide Krankheiten sind in der Bevölkerung weit verbreitet.
Für Menschen mit einem schwachen Immunsystem sind sie eine enorme Gefahr. In den Tuberkulosekliniken und Infektionsstationen
sterben täglich junge Menschen an ihren Folgen. Meist sind sie jünger als 35 Jahre, nicht selten auch jünger als 20. Oft hinterlassen
sie kleine, unversorgte Kinder. Dieses menschliche Drama ist kaum in Worte zu fassen.
Ist HIV/Aids überhaupt ein Thema in der Gesellschaft oder wird es ignoriert?
Auf Grund der tödlichen Gefahr einerseits und der gesellschaftlichen Ausgrenzung andererseits, ist das Thema HIV/Aids von
enormen Ängsten besetzt. Ich denke, das viele Menschen versuchen einfach die Augen davor zu verschliessen und sich einzureden,
das es ihre Familie ja nicht betreffen kann, weil das ja ein Problem von Drogenabhängigen, Homosexuellen und Prostituierten
sei. Besonders fatal ist das völlig unzureichende Wissen und die oftmals absurde Vorstellung, wie HIV übertragen wird und
ein daraus resultierendes unsinniges Verhalten, das HIV-Betroffene im Alltag isoliert und emotional schwer verletzt. Leider
ziehen sich diese Unwissenheit und das Fehlverhalten noch durch alle gesellschaftlichen Schichten und Berufe hindurch und
betreffen selbst medizinisches Personal in Krankenhäusern und ambulanten Einrichtungen.
Wie gut sind die Menschen über die Krankheit und Präventionsmaßnahmen informiert?
In allen Städten gibt es inzwischen staatliche Aidszentren, in denen man auch anonym einen HIV-Test machen kann. Die medizinische Versorgung bessert sich zusehends, die Qualität der Beratung und Begleitung lässt jedoch in manchen Zentren noch zu wünschen übrig.
Präventation gehört mit zu den Hauptaufgaben dieser Zentren. In diesem Bereich arbeiten die meisten Zentren inzwischen eng zusammen mit gesellschaftlichen Initiativen und Vereinen, die in den letzten Jahren viel an Erfahrungen und Kompetenz gesammelt haben. Die meisten Organisationen haben sich in ihrem Engagement inzwischen auf bestimmte Zielgruppen spezialisiert - zum Beispiel auf Kinder und Jugendliche, Lehrer und Erzieher, Drogenabhäengige oder Prostituierte. Das sehe ich als gesunde Entwicklung an.
Auch wir als Caritas nutzen bewusst die vorhandenen Ressourcen und Erfahrungen anderer Organisationen. So haben wir bereits in allen Städten und Regionen Kontakte aufgenommen zu diesen Organisationen, in denen unsere 15 Kinderklubs arbeiten. Das sind sozialpädagogische Tageszentren für Kinder aus sozial erheblich gestörten Familien. Wir werden in Zukunft in unsere Zentren jugendliche ehrenamtliche Helfer der Organisationen einladen, die sich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert haben. Die Erfahrung hat bereits gezeigt, das Jugendliche selbst die besten Multiplikatoren sind unter Gleichaltrigen.
Erschwert wird die Prophylaxe jedoch durch die erschreckend desolate Situation der Familien. Acht von zehn Ehen werden geschieden. Ständig wechselnde Partnerschaften leisten natürlich nicht nur einen enormen Beitrag zur rasanten Verbreitung von HIV, sondern sind darüber hinaus eine der Ursachen für das stete Ansteigen der Zahl der Sozialwaisen. Die Anzahl der Kinder, die der Staat in seine Obhut nehmen muss, ist heute schon deutlich höher als am Ende des zweiten Weltkrieges und das trotz der Tatsache, das sich die wirtschaftliche Situation im Land und in den Familien in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Etwa 80% der Waisenkinder haben eine Familie.
Und genau hier setzt die Präventationsarbeit unserer Mutter-Kind-Einrichtungen der Caritas an. Überforderte junge Mütter brauchen komplexe Hilfe. Das beginnt damit, das sie sich emotional in ihrer neuen Rolle als Mutter zurechtfinden müssen, besonders dann, wenn sie selber niemals in ihrem Leben eine liebevolle und fürsorgliche Mutter erlebt haben. Das geht weiter mit elementaren Fähigkeiten in Haushaltsführung, Hygiene, Körperpflege, Umgang mit Geld und der Erledigung von Behördenwegen. Viele Mütter brauchen Hilfe bei der Entwicklung eigener realistischer Lebens-perspektiven, bei der Auswahl eines Berufes, der Suche nach einer Lehr- oder Arbeitsstelle. Und nicht zuletzt muss das Zusammenleben gelernt werden, denn meist sind es die falschen und unausgesprochenen Erwartungen und die Unfähigkeit zu- und abzugeben, die Partnerschaften zerbrechen lassen und Kinder zu Sozialwaisen machen. Eine gelungene Partnerschaft ist die beste HIV-Prophylaxe in jedem Land der Welt.
Unser Konzept als Caritas in Westsibirien ist in der HIV-Prävention neben der Arbeit mit den Risikogruppen "Mütter und Familien in Krisensituationen" und "Kinder und Jugendliche aus sozial gestörten Familien" vor allem auf die Überwindung der Stigmatisation und der gesellschaftlichen Ausgrenzung HIV-infizierter Menschen ausgerichtet. Hier wollen wir die menschlichen Ressourcen der vielen haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen der Caritas und der katholischen Pfarrgemeinden nutzen, um sie als Multiplikatoren zu schulen, die dann ihre vielseitigen beruflichen und persönlichen Kontakte auch dazu nutzen, richtige Informationen über HIV und Aids in der Gesellschaft zu verbreiten und Vorurteile zu überwinden. Mein Traum ist es, das unsere Pfarrgemeinden und Caritasstellen Orte sind, in denen HIV-infizierte Menschen und ihre Familien ein offenes Ohr, menschliche Zuwendung, kompetenten Rat und konkrete Hilfe finden, insbesondere auch dann, wenn die Krankheit gesiegt hat und die Familie langsam Abschied nehmen muss voneinander. Und ich hoffe, das sich diese Erfahrung ausbreitet wie Samenkörner und dazu beiträgt, die Gesellschaft menschlicher zu gestalten. Wenn das ein Stück weit gelingt, dann sind wir unserem Auftrag als Caritas gerecht geworden.
Unterstützt die Regierung ihre Arbeit?
Die russische Regierung ist sich ihrer Veranwortung im sozialen Bereich sehr bewusst und sie nimmt diese Verantwortung in
den letzten Jahren auch immer deutlicher war. Die Rolle von gesellschaftlichen und religiösen Organisationen als Vertreter
der Zivilgesellschaft und Partner für den Staat ist in diesem Prozess noch sehr neu. Beide Seiten lernen erst ganz allmählich
aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig mit ihren je eigenen Möglichkeiten zu ergänzen und zu unterstützen - zum Wohle
aller. Das ist ein Lernprozess, der nicht immer leicht ist, und der von beiden Seiten Achtung, Vertraün und Uneigennützigkeit
in den Zielen verlangt. Das sind Eigenschaften, die eben nicht immer bei allen Vertretern auf beiden Seiten in ausreichendem
Masse entwickelt sind. Und deshalb klappt die Zusammenarbeit in der einen Stadt oder Region gut und wir erleben sie wirklich
als Unterstützung, und in einer anderen Region klappt es eben noch nicht. Ich denke, hier gibt es insgesamt noch ein gutes
Entwicklungspotenzial.
TAZ, Die Tageszeitung, Januar 2008

