Caritas Drogen - Konferenz vom 21.-23. Januar 2009  

Aufbruch zu neuen Antworten

Bericht über den Caritas Drogenkongress 

Die Anbauflächen weiten sich stetig aus, das Angebot an illegalen Drogen wie Kokain und Heroin wächst weltweit und die Konsumentenzahlen in den Produzenten- und Transitländern steigen - die Bilanz der vergangenen UN-Drogendekade 1998-2008 ist miserabel. Das wichtigste Ziel, eine Welt ohne Drogen zu schaffen, wurde weit verfehlt. Über alternative Drogenkonzepte, Möglichkeiten der Prävention und den Ausbau der eigenen Netzwerke diskutierten in Berlin Experten aus Amerika, Europa und Asien auf Initiative der Caritas International. 

Mechanisch greift die Frau nach dem Becker mit Limonade und dem Stück Brot, das ihr Libia Mina Tello reicht. Tello ist ein "Samariter der Straße" und schiebt regelmäßig den mit Getränken und belegten Broten schwer beladenen Rollkarren durch die heruntergekommen Straßen von Calvario. Calvario, so heißt das im Zentrum von Cali gelegene Stadtviertel, in das sich die Polizei nur in Zugstärke hineintraut. Hier, nur einen Steinwurf von der prächtigen Plaza de Caycedo entfernt, hat sich die offene Drogenszene der Zwei-Millionen-Metropole angesiedelt. Basuco, ein Kokainderivat, Crack, Klebstoff und Co. sind rund um die Uhr zu haben und werden oft gleich auf offener Straße konsumiert.

"Rund 5000 Menschen, darunter auch Familien, leben in Calvario und Elend und Gewalt prägen das Leben", erklärt die Freiwillige, die sich seit mehreren Jahren bei den Samaritern der Straße engagiert. "Wir versuchen zu helfen - nicht nur mit Brot und Brause, sondern auch mit Schlafplätzen, Kinderhort und Drogentherapie", erklärt sie. Für die Samariter, als Stiftung vom Erzbistum Cali gegründet, arbeiten derzeit rund sechshundert Freiwillige, denn die Stadt schließt die Augen angesichts der Drogenmisere. Nichts Ungewöhnliches in Kolumbien und auch in der Hauptstadt Bogotá oder der Kaffeestadt Pereira ist dieses Phänomen zu beobachten. "Konkrete Hilfsangebote für Drogenabhängige und aufsuchende Sozialarbeit sind noch selten" analysiert Angela Tello. Die Drogenexpertin arbeitet seit rund zehn Jahren bei einer der wichtigsten Hilfseinrichtungen des Landes, bei der Corporación Viviendo und hat gemeinsam mit zahlreichen Kollegen ein landesweites Netzwerk aufgebaut. Unterstützt wird das Netzwerk von Caritas international, dem Hilfswerk der deutschen Caritas.

"Soziale Integration statt gesellschaftliche Ausgrenzung ist der zentrale Ansatz unserer Arbeit", erklärt die engagierte Frau und streicht sich eine dunkle widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn. Arbeitslosigkeit, Flucht vor dem nach wie vor tobenden Bürgerkrieg, der die Leute ohne Mittel in die Städte treibt und die soziale Misere in den Flüchtlingsvierteln am Rande der großen Städte wie Cali sind wesentliche Ursachen für den steigenden Konsum von legalen wie illegalen Drogen in Kolumbien, erklärt Tello. Aus ihrem Heimatland ist sie gemeinsam mit einer ganzen Reihe von Kollegen und Experten zur Drogenkonferenz der Caritas international nach Berlin an die Alice Salomon Hochschule gekommen. Über die eigenen Erfahrungen berichten, auf Probleme aufmerksam machen und die Kräfte mit Experten aus Nachbarländern und anderen Kontinenten bündeln, um neue alternative Konzepte zu entwickeln, das sind ihre ganz persönlichen Konferenzziele.

Billig und nahezu problemlos zu bekommen sind die Drogen nicht nur in Kolumbien sondern auch in vielen der so genannten Transitländer an den Routen gen USA und Europa. Daran hat der mit großer Härte geführte Drogenkrieg unter der Regie der USA kaum etwas geändert. Das Angebot an Kokain und Heroin ist weltweit eher gewachsen denn gesunken, so Ricardo Vargas. Der kolumbianische Soziologe, der unter anderem für das Amsterdamer Transnational Institute arbeitet, gehört zu den international bekannten Drogenexperten. "Verbessertes Saatgut, der Einsatz von Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel und die Arbeit der Bauern haben dazu geführt, dass die Hektarerträge heute deutlich höher sind als noch zu Beginn der 90er Jahre" erklärt er. Obendrein sind die Drogenhändler nicht nur in Kolumbien dazu übergegangen ihre Lieferanten, Handlanger und Zwischenhändler in Drogen zu bezahlen, wodurch der Konsum in den Produktions- wie Transitländern deutlich zugenommen hat.  

 "Drogenkonsum ist ein Sozialproblem" 

Dadurch ist die gängige Einteilung in Produzenten-, Transit- und Konsumentenländer weit gehend hinfällig. Längst steigen die Konsumentenzahlen im Süden stärker als im Norden. Gerade erst hat man in Afghanistan damit begonnen Gesundheitseinrichtungen für die Betreuung von Drogenabhängigen aufzubauen, so Dr. Abdullah Wardak. Er ist der verantwortliche Direktor im Gesundheitsministerium in Kabul und weist darauf hin, dass es in Afghanistan zwar auch traditionelle Konsumenten gibt, aber das Gros der von Opium und Heroin Abhängigen, zusammen etwa 200.000 Menschen, schwer traumatisiert sind. Obendrein kommen viele der Rückkehrer aus den Flüchtlingslagern im Iran als Abhängige zurück. Für die gibt es kaum Hilfsangebote und Verelendung ist eine direkte Folge.  

Die schwierige Situation in Afghanistan, wo trotz aller Militärpräsenz rund 95 Prozent des Opiums gewonnen werden, ist nur ein prägnantes Beispiel für den steigenden Konsum von Opium und Heroin in der Region. So häufen sich die Berichte über den rapide steigenden Opium und Heroinkonsum im Iran und Indien. Ohnehin leben von den 13 Millionen Menschen, die an der Nadel hängen, laut internationalen Studien 54 Prozent in Asien. "Ein triftiger Grund, weshalb die internationale Drogenpolitik viel umfangreicher gefördert werden muss", mahnt Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der deutschen Bundesregierung. Die Einrichtung von Hilfssystemen zur Schadensreduzierung werde nicht nur entlang der Drogenrouten immer wichtiger, auch bei der Prävention müsse mehr getan werden.  

Eine Einschätzung, die viele der Experten auf der Konferenz teilen. Dabei kommt der Prävention eine zentrale Rolle zu. Doch selbst in Europa ist man sich bei der Wahl der Präventionsmodelle noch nicht einig, obgleich aufsuchende Sozialarbeit bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen die besten Ergebnisse gebracht hat. Das sind zumindest die Ergebnisse der Analysen von Gregor Burkhart von der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA). Vorraussetzung für nachhaltige Effekte von Prävention sind jedoch neben einem funktionierenden Bildungssystem mit integrativem Charakter auch lokale Entwicklungsansätze und -perspektiven, betont Mehboob Dada von der UNESCO. "Zentrale Herausforderung ist es tragfähige Alternativen zu schaffen". Das ist in den reichen Ländern des Nordens nicht anders als in den ärmeren des Südens, denn vielen Jugendlichen fehlt es an Perspektiven. "Mit billigen Slogans wie Just say no" kommt man da nicht weiter", mahnt Carlos Arturo Carvajal. Für den Experten des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung ist der steigende "Drogenkonsum ein globales Sozialproblem".  

Der Preis des Drogenkriegs 

Als solche ist es bisher aber kaum wahrgenommen worden. Unstrittig ist, dass man sich in den letzten zehn Jahren vor allem auf die Strafverfolgung konzentriert hat und nach amerikanischen Vorbild den "War on Drugs" mit dem Ziel der drogenfreien Welt geführt hat. "Nicht nur Kolumbien auch in Mexiko bezahlen wir dafür einen hohen Preis, denn es hat tiefe Einschnitte in unsere in der Verfassung verbrieften Rechte gegeben", kritisiert Juan Machín, Drogenexperte der Caritas Mexiko. "Genützt hat es aber nichts, denn derzeit tobt der Drogenkrieg in Mexiko mit nie da gewesener Intensität und vielfältigen Verletzungen der Menschenrechte".  

Handfeste Gründe die bisherige Internationale Drogenpolitik auf den Prüfstand zu stellen. Sie müsse humaner und präventiver werden, appelliert der Präsident des deutschen Caritasverbandes Prälat Dr. Peter Neher an die Verantwortlichen auf internationaler Ebene. Das ist auch der Grundtenor der "Erklärung von Berlin". Ein Appell der rund einhundertzwanzig Konferenzteilnehmer aus aller Welt an die UN-Drogenexperten in Wien, die im März die Ziele der nächsten Drogendekade festlegen werden, auch zivilgesellschaftlichen Organisationen bei der Gestaltung der Drogenpolitik zu beteiligen. An denen führt in vielen Ländern ohnehin kein Weg vorbei. Wie das Beispiel der Samariter der Straße aus Cali zeigt.

Januar 2009