Naher Osten/ Nördliches Afrika  

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Ein eigenes Schulbuch erklärt Sundus die Welt

Istabrak Ismael hat lange gebraucht, um seinen Kummer über das Schicksal seiner Tochter zu überwinden: Sundus kam mit Down-Syndrom zur Welt. Seitdem die beiden Unterstützung im Caritas-Zentrum für behinderte Kinder und ihre Familien erhalten, hat sich für sie vieles verändert: Während Sundus sprechen, lesen und schreiben lernt, fasst ihr Vater Zuversicht und Selbstvertrauen.

Lesen lernen
Sundus lernt die arabischen Buchstaben
Foto: Caritas international

Sundus stützt sich mit den Ellenbogen auf den Tisch, ihr Zeigefinger fährt entlang der Striche, die leuchtend gelbe Bögen und Kringel über die Buchseite vor ihr ziehen. Eine steile Falte bildet sich zwischen den Augenbrauen der Neunjährigen, sie öffnet und schließt den Mund, ohne einen Laut vorzubringen. "Bu!", ruft sie nach einer Weile. Istabrak Ismael, ihr Vater, ein schwerer Mann, mit kurzem, grau gesprenkeltem Haar und Schnurbart, strahlt. "Richtig!", sagt der 51-Jährige. Sundus muss mehr Mühe und Zeit darauf verwenden, die arabischen Schriftzeichen zu lernen. Das Mädchen ist mit Down-Syndrom zur Welt gekommen.

Vater und Tochter sitzen in einem der Klassenzimmer des Zentrums, das Caritas international als Teil eines Hilfsprogramms für behinderte Kinder und ihre Familien aufgebaut hat. Istabrak Ismael kommt seit über einem Jahr mehrmals pro Woche mit seiner Tochter hierher. Hier hat er gelernt, wie er die Entwicklung seiner Tochter bestmöglich fördern kann.

Unter der Anleitung spezialisierter Fachkrägte hat er ein Schulbuch für sie gestaltet: Immer wieder ist er in das Internet-Café in seiner Siedlung gegangen, hat online nach Zeichnungen und Fotos gesucht, sie ausgedruckt und mit hingebungsvoller Sorgfalt in die Seiten geklebt. Sonnenuntergänge sind zu sehen, Bäume mit gelben Blättern, Tiger, Flugzeuge und Kinder mit lachenden oder weinenden Gesichtern. Mit Hilfe der Bilder erweitert Sundus ihr Vokabular, lernt nach und nach die Begriffe für Jahreszeiten, Gefühlszustände, Haushaltsgegenstände und Tierarten.

Lange Zeit konnte Istabrak Ismael die Behinderung seiner Tochter nur schwer ertragen. Er schüttelt sachte den Kopf und richtet seinen Blick auf Sundus, ein zartes, lebhaftes Mädchen mit wachen Augen und Stupsnase. Sie trägt ihre braunen Haare ordentlich zum Zopf gebunden und ein hellgrünes T-Shirt mit passendem Jäckchen. Die Sorge um die Perspektive dieses Mädchen in einer Gesellschaft, die von Krieg, Gewalt, Anarchie und Terrorismus geprägt ist, macht ihm noch immer zu schaffen.  Er wusste nicht, wie seine Familie die zusätzliche Kraft aufbringen sollte, ein behindertes Kind mitzutragen, in dieser Stadt, wo die meisten Menschen den nächsten Tag nur erreichen, wenn sie sich um sich selber kümmern. "Wir waren sehr traurig. Ich habe jeden Tag da gesessen, an sie gedacht und geweint", erzählt er. "Vor lauter Stress und Kummer habe ich einen Herzinfarkt erlitten."

Die Familie wohnt ganz in der Nähe des Zentrums, in dem zentralen Bagdader Mittelklasseviertel Karrada. Istabrak Ismaels Ehefrau arbeitet im öffentlichen Dienst. Sie kümmert sich nach Feierabend um das Mädchen, die beiden älteren Brüder helfen ab und an, sie zu betreuen. Den größten Anteil an ihrer Erziehung jedoch leistet ihr Vater. Istabrak Ismael führt einen kleinen Lebensmittelladen, seine Arbeitszeit kann er daher selbst einteilen. Er öffnet sein Geschäft nur noch in den Abendstunden. Sie müssen seither sparen, der Verdienstausfall hat die finanzielle Situation der Familie deutlich verschlechtert.

Die meisten Freunde und Bekannte haben sie verloren; wegen der Sicherheitslage verlassen die Menschen in Bagdad ohnehin nur ungern das Haus. Mit einem behinderten Kind sah sich die Familie zusätzlich marginalisiert. "Wir haben vollständig isoliert gelebt, Sundus hatte keine Freunde. Sie ist ein sehr stures, eigenwilliges Kind, die anderen meiden sie deswegen", schildert der Vater. So hat Sundus viel Zeit für sich alleine verbracht. Am liebsten spielt sie zu Hause mit ihren Puppen, oder sie stellt Musik an und tanzt dazu in ihrem Zimmer.

Sundus
Sundus mit ihrem Betreuer (links) und ihrem Vater (rechts)
Foto: Caritas international

Vieles hat sich verändert, seitdem Sundus und ihr Vater an dem Programm von Caritas international teilnehmen. Die Unterstützung der Betreuerinnen und der Austausch mit anderen betroffenen Familien haben Istabrak Ismael Selbstbewusstsein und Zuversicht gegeben. "Sie hat hier in dem Zentrum viele andere Kinder kennen gelernt. Ihr Verhalten ist viel sozialer geworden", erzählt er. "Früher war sie sehr zurückhaltend. Wenn sie jetzt an einen ihr fremden Ort kommt, läuft sie sofort auf die Menschen zu und küsst sie."

Auch ihre geistigen Fähigkeiten haben sich stark verbessert. Istabrak Ismael hat in den Kursen des Zentrums die Fähigkeit erworben, die Entwickling seiner Tochter anzuregen, ihre Kapazitäten auszuschöpfen und Schritt für Schritt zu erweitern. Ohnehin hat der Vater keine Alternative, als sich selbst um die Bildung seiner Tochter zu kümmern - es gibt im Irak keine spezialisierten Schulen für Kinder mit Behinderungen. Der systematische Unterricht zeigt längst Erfolge: Während Sundus noch vor einem Jahr kaum sprechen konnte, äußert sie mittlerweile mühelos Gefühle, Wünsche und Ideen in einfachen Sätzen. Auch Lesen und Schreiben hat sie gelernt, die meisten Buchstaben des Alphabets kennt sie bereits. "Sie möchte später Ärztin werden", lächelt ihr Vater. Sundus derweil blättert eifrig in ihrem Lehrbuch hin und her. Bei den Abbildungen der Tiere bleibt sie hängen. Sie tippt auf ein Foto nach dem anderen und sagt: "Hund! Löwe! Giraffe!"

Dezember 2009


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