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Haiti: Erste Nothilfe nach dem schweren Erdbeben
Eindrücke aus Haiti - Tagebuch von unserem Caritas international-Kollegen Alexander Bühler
Alexander Bühler war gemeinsam mit dem Katastrophenhilfekoordinator Friedrich Kircher und dem Arzt Joost Butenop direkt nach dem Erdbeben in Haiti, um die Hilfen der Caritas Haiti zu unterstützen.
Rückblick auf den Einsatz in Haiti. Hamburg, 2. Februar 2010. Knappe 10 Tage war ich nur in Haiti und doch scheint es mir, als sei ich viel länger dort gewesen. Die Probleme, die mit
und durch das katastrophale Erdbeben zutage getreten sind, sind gewaltig: Ein Staatswesen, das kaum noch existiert oder sich
gerade mühsam aufrappelt, hunderttausende Menschen, die versuchen, irgendwie zu überleben und zutiefst traumatisiert sind.
Tag für Tag bin ich am Schutt der Ruinen vorbei gefahren, immer wieder mit dem Gedanken, dass dort vielleicht noch Menschen
oder vielmehr ihre sterblichen Überreste begraben liegen.
Als ich vor knapp 10 Tagen Port-au-Prince in Richtung Dominikanische Republik (und damit Heimflug) verließ, sah ich mir noch
mal genau die bunten Busse an, die dort bunt bemalt verkehren; die wenigen Geschäfte, die gerade wieder eröffneten; die Märkte,
deren Lebensmittel für viele Haitianer unerschwinglich teuer sind.
Die Straße zur Grenze führt an einem See entlang, vorbei an kargen Berghängen. Das letzte Stück bis zur Grenze bei Malpasse
ist von einem Steinbruch gezeichnet, der Kontraste hervorruft, wie sie stärker kaum sein könnten: Links der strahlend blaue
See, in dem einige vom Staub komplett geweißte Baumstümpfe stecken, rechts blanker, weißer Felsen. Nach der Grenze schließlich
auf dominikanischer Seite ein Leben, wie ich es mir nach Port-au-Prince kaum noch vorstellen konnte: Eisdielen, Kneipen, laute
Musik, normal geöffnete Geschäfte. Tatsächlich trennt die Grenze völliges Elend von einem Dritte-Welt-Staat im Normalzustand.
Die Dominikaner sind sich darüber im Klaren und versuchen, so gut es geht, zu helfen. Immer wieder schicken sie Lastwagen
voller Nahrungsmittel und anderer Hilfsgüter über die Grenze und behandeln in den Krankenhäuser Haitianer.
Haiti ist auf Jahre hinaus auf die Hilfe der internationalen Gemeinschaft angewiesen. Das Erdbeben hat diese Gesellschaft
bis in die Grundfesten erschüttert und vieles zerstört, was vorher mühsam aufgebaut worden ist. Im Moment ist noch Nothilfe,
wie die Caritas sie mit der Verteilung von Zelten, Planen und Nahrungsmitteln leistet, angesagt. Vor allem, weil die Regenzeit
naht, in der die Menschen Unterschlupf suchen müssen.
Bis ich wieder nach Haiti komme, wird wohl einige Zeit vergehen, doch ich freue mich schon wieder, die Menschen dort wiederzutreffen
und zu sehen, wie der Wiederaufbau und das Caritas-Projekt in Léogâne voranschreiten.
Port-au-Prince, 24. Januar 2010. Mühsam quält sich das Auto der Caritas durch den Müll. Überall liegen hier an einem kleinen Bach beinhohe Berge mit alten Plastikflaschen und Plastiktüten.
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| Nancy Guisiere |
| Foto: Alex Bühler, Caritas international |
Das Wasser ist unter den Müllbergen kaum zu sehen. Ein paar Schweine wühlen hier begeistert, finden immer wieder essbare Abfälle.
Und doch versorgt das Rinnsal tausende Menschen mit dem lebensnotwendigen Nass.
Auf der Ladefläche des Trucks liegt ein großer blauer Plastikbehälter, ein transportierbarer Wasserbehälter. "15.000 Liter
passen hier rein", sagt Adán, ein guatemaltekischer Caritas-Mitarbeiter. Er ist extra wegen der Erdbebenkatastrophe eingeflogen
worden, weil er sich mit Wasserversorgung auskennt. Und diese Kenntnisse werden dringend benötigt. Denn das Erdbeben hat auch
die Wasserleitungen zerstört.
"Ich wohne dahinten" sagt die 25-Jährige Nancy Guisier und zeigt auf die Wellblechhütten-Siedlung Acra. Sie ist mit ihrer sieben-köpfigen
Familie nach dem Erdbeben hierhergezogen, weil ihr Haus zusammenzubrechen drohte. „Wir müssen das Wasser aus dem Bach zum
Glück nicht verwenden, mein Vater hat oben auf dem Dach einen kleinen Wassertank installiert. Aber viele andere haben kein
Wasser, weil Wasser teuer ist."
Währenddessen hat das Caritas-Team mit den Gemeindeleitern von Acra gesprochen. Begeistert von der Aussicht, Trinkwasser zu
bekommen, bauen sie eine Plattform für den Wassertank auf. Männer füllen Schubkarren mit Steinen, mit denen der Untergrund
befestigt wird, Kinder tragen mit allem, was sich zum Tragen verwenden lässt, Erde herbei.
Es dauert keine zwei Stunden, dann ist der Platz für den Wassertank fertig gebaut. Er liegt etwas erhöht, damit das Wasser
durch Rohre zu einer tiefer gelegenen Abfüllstelle fließen kann. Immerhin, meint Nancy, ist der Wassermangel jetzt für viele
gelöst. 1000 bis 3000 Menschen können einen Tag mit dem Wasser aus diesem Wassertank zurecht kommen. Nur Nahrungsmittel, sagt
sie, bleibe weiterhin ein Problem: „Vorher haben wir manchmal dreimal täglich gegessen, jetzt ist es nur noch einmal." Und
jetzt ist es manchmal nur Reis oder Spaghetti.
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| Geduldiges Schlangestehen |
| Foto: Alexander Bühler/ Caritas international |
Port-au-Prince, 21. Januar 2010. Mit lautem Getöse landet die DC8 der Meridian-Fluglinie auf dem Flughafen von Port au Prince. In ihrem Bauch 35 Tonnen Hilfsgüter
der Caritas und der Diakonie für Haiti. Noch ist es Nacht, die Stadt liegt in tiefster Dunkelheit. Nur am Flughafen sind die
Flutlichter an, es herrscht Hochbetrieb. Alle 15 Minuten startet oder landet ein Flugzeug.
Zusammen mit freiwilligen Helfern der Caritas und der Diakonie werden drei Laster der UN-Mission auf Haiti mit medizinischer
Ausrüstung, Decken, Plastikplanen, und Zelten beladen. Ein ganzer Konvoi unter dem militärischen Schutz argentinischer UN-Truppen
macht sich auf den Weg nach Léogâne, das zu 80 Prozent zerstört ist.
Ein paar Stunden später ist nahe dem Hauptplatz eine Verteilungsstelle der Caritas in Léogâne, der Stadt 40 Kilometer entfernt
von Port-au-Prince alles aufgebaut: Eine Station teilt Decken aus, eine andere Plastikplanen, eine andere wiederum gibt Plastikbehälter
für Wasser aus. Der örtliche Pfarrer hat 50 Helfer gefunden, die bereit sind zu helfen.
Vor dem abgesicherten Platz wartet schon eine Menschenmenge, es hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass etwas verteilt
werden soll. Die Menschen wissen noch nicht genau was, aber nachdem sie tagelang unter Sternenhimmel auf dem Hauptplatz von
Léogâne kampiert haben, sind sie dankbar für jede Hilfe.
Als am Nachmittag die ersten Mütter hereingelassen werden, die für ihre Familien Hilfsgüter holen wollen, sieht man auf ihren
Gesichtern tiefe Erleichterung. Sie sind froh, es in den gesicherten Bereich geschafft zu haben. Die UN-Soldaten versuchen
vorsichtig, die verzweifelte Menschenmenge in Zaum zu halten – keine leichte Aufgabe, denn viele von ihnen sind verzweifelt.
Knappe zwei Stunden später ist alles verteilt, der Platz ist wie ausgefegt und die Caritas-Mitarbeiter liegen einander im
Arm, weil alles so gut geklappt hat. Der medizinische Leiter, Dr. Joost Butenop, freut sich, dass ausgerechnet an diesem Tag
alles wie am Schnürchen gelaufen ist. "Das war doch super!" ruft und strahlt über das ganze Gesicht. Auf dem Weg zurück, hinten
auf der Ladefläche der UN-Laster ist ihm die Freude noch den ganzen Weg über anzusehen. Und das Lächeln weicht ihm trotz der
vielen tiefen Schlaglöcher nicht mehr aus dem Gesicht.
Port-au-Prince, 20. Januar 2010. Bis zum vergangenen Dienstag um 16:53 Uhr, bis zum Erdbeben, war der Golfclub Pétionville einer der exklusivsten Orte in Port-au-Prince. Immer noch sieht man dem Club seine Noblesse an, die großen Polstersessel sehen gemütlich aus. Doch dazwischen liegen überall Trümmerstücke.
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| Verteilung von Nothilfe |
| Foto: Alexander Bühler, Caritas international |
Ein Hubschrauber nach dem anderen knattert im Tiefflug über den riesigen Talkessel von Port au Prince. Von Pétionville sind
sie gut zu sehen, sie halten direkt auf den Hügel des Vororts zu.
Die Stadt selbst liegt im Staubdunst, der durch den Wind von den Ruinen aufgewirbelt wird; riesige Rauchwolken steigen durch
den Müll auf, der überall verbrannt wird. Auf dem gegenüberliegenden Hügel sind Häuser zu erkennen, die zusammengesackt sind.
Überall lagern kleine Gruppen amerikanischer Soldaten, sie haben im ehemaligen Golfclub einen Stützpunkt eingerichtet - und
nun sollen sie dafür Sorge tragen, dass die Caritas eine Lebensmittelverteilung sicher durchführen kann. Schon am Morgen haben
sie eine Barriere aus den kunstvoll verschnörkelten Gartenstühlen des Clubs gebildet, zwischen denen sie unbewaffnet Wache
halten. Niemand unbefugtes soll sich an die Lebensmittel ranschleichen können. Weiter unten, im Tal unterhalb des Golfclubs,
haben tausende Flüchtlinge ihr Lager aufgeschlagen. Soviel wie möglich von ihnen sollen heute eine Mahlzeit und Trinkwasser
bekommen. Bisher wurden sie von der amerikanischen Armee versorgt, doch denen sind mittlerweile die Rationen für sie ausgegangen.
Gegen Mittag ist es soweit, die ersten der sieben Caritas-Laster sind angekommen. Diszipliniert stellen sich die Soldaten
auf, bilden eine Kette, werfen einander die vier Liter Pakete mit Wasserflaschen zu, bis sich unten im Tal Flaschen und Nahrungsmittel
stapeln. Tausende Essensrationen und Wasser-Flaschen sollen heute ausgegeben werden. Die Nahrungsmittel stecken in Plastikeimern,
die sich auch eignen, Habseligkeiten oder Wasser zu transportieren. Gleichzeitig lassen sie sich wegen des wiederverschließbaren
Deckels auch zur Lagerung von Essen verwenden. Doch das wichtigste ist das Essen darin: Müsli-Riegel, Nudeln, Tomatensoße
in Dosen, Sardinen und einiges mehr. Vier Tage lang soll eine Familie davon und anderen Lebensmitteln leben können.
Auf eines dieser tausend Essenspakete wartet die 45-Jährige Estephane Belsilien. Vor dem Erdbeben hatte sie ein kleines Geschäft,
von dem ihr nichts mehr geblieben ist. Sie hofft, dass sie mit den Essenspaketen vielleicht vielleicht einige Tage lang ihre
Familie versorgen kann. Sieben Kinder hat sie, die alle zur Schule gingen und gerade nochmal mit dem Leben davon gekommen
sind.
Eine Stunde später hat die 32-Jährige Wana Rocher ihr Lebensmittelpaket und Wasser bekommen. Die Kosmetikerin, die durch das
Erdbeben ihre Arbeit verloren hat, eilt damit zu ihrem Zelt: Vier Pfähle, über die nachts ein Bettlaken gespannt wird. Mehr
hat sie nicht, um sich und ihre zwei kleinen Kinder zu schützen. Doch zum Glück ist es noch nicht Regenzeit, zum Glück hat
es seit einer Woche nicht mehr geregnet.
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| Der Kindergarten "Joyeux Soleil" |
| Foto: Alex Bühler |
Port-au-Prince, 18. Januar 2010. "Ich brauche sofort Hilfe!" Mit diesen Worten kam Oscar, einer der mexikanischen Bergungsfachleute, die von der Caritas hier nach Haiti eingeflogen wurden, auf meine Kollegen von der Caritas und mich zu. Vor dem Tor des Caritas-Hauses hatte sich eine Frau an ihn gewandt, hatte ihm erzählt, dass im Ort Carrefour ein Waisenhaus eingestürzt sei und viele Kinder unter sich begraben hätte. Die Hilferufe von dort würden immer schwächer werden, und niemand habe bisher dort gesucht. Oscar war sehr beunruhigt, denn je mehr Zeit vergeht, desto geringer werden die Chancen, Überlebende zu finden. Dazu kam, dass sein Bergungsteam gestern bei zwölf Überlebenden, die sie in Trümmern gefunden hatten, Amputationen vornehmen musste und kaum Medikamente zur Verfügung hatte.
Wir schleusten ihn in die morgendliche Runde der Caritas-Verantwortlichen ein, denen er von der Notlage erzählte, die wiederum für ihn Medikamente und Ärzte organisierten. Doch wie sollte er ein Bergungsteam zum Waisenhaus bekommen? Die Caritas organisierte ein Auto, mit dem er schnell zum Flughafen gebracht wurde, wo die meisten Bergungsteams aller Nationen lagern. Doch hier stieß er auf Granit, kaum hatte er ein Team zusammengestellt, das schnell aufbrechen sollte, wurde alles von der UN abgeblasen. Alle Teams wurden zurückbeordert, alle Soldaten abgezogen.
Tatsächlich wird die Sicherheitslage immer prekärer, denn nach wie vor gelangt viel zu wenig Hilfe zu den Menschen. Immerhin
kamen heute fünf Lastwagen mit medizinischer Ausrüstung und Essen aus Santo Domingo in Port au Prince an - ihre Fracht wird
so schnell wie möglich an die Menschen ausgegeben werden. Zusätzlich hat die Caritas der Dominikanischen Republik 15 Lastwagen
mit Hilfsgütern nach Haiti geschickt. Doch für die knapp drei Millionen Hilfsbedürftigen ist noch viel mehr nötig - doch selbst
wenn es gelingt, genügend Hilfsgüter aufzubringen, stellen sich dutzende logistischer Fragen.
Am Nachmittag fuhr ich durch ein vornehmeres Viertel der Stadt. Plötzlich entdeckte ich eine Menschenmenge, die geduldig in
der heißen Sonne ausharrte. Wie man mir erklärte, standen sie vor der Ruine eines Supermarkts. Wenn die Bergungsteams, die
hier nach Überlebenden suchten, verschwunden seien, würden sie sich selbst durch den Schutt wühlen. Nicht aus Nächstenliebe,
um Menschen zu retten, sondern um das Bargeld, das hier vielleicht zu finden sei, an sich zu nehmen. Diese Menschen haben
oft nicht nur ihre Angehörigen, sondern auch ihr gesamtes Hab und Gut in den Trümmern ihrer Häuser verloren. Aber sie brauchen
Geld, um sich auf dem Markt mit Lebensmitteln zu versorgen, um zu überleben. Die Menschen verzweifeln am Mangel, denn die
wenigen Tanklaster, die ständig unterwegs sind, um die Menschen mit Wasser zu versorgen, reichen bei weitem nicht aus. Oft
schöpfen sie das Wasser von der Straße aus den geborstenen Wasserrohren aus, um es zu trinken. Gesundheitlich gerade angesichts
der vielen Leichen höchst bedenklich, aber für die armen Menschen hier eine der wenigen Wasserquellen.
"Ich habe zum ersten Mal seit der Katastrophe etwas zu essen bekommen," sagt sie zufrieden. Oft helfen sich die Erdbeben-Flüchtlinge
sich untereinander, wer etwas zu essen hat, gibt seinem Nachbarn, der nichts hat, etwas ab.
Port-au-Prince, Samstag, 16.01.2009. Wir sind heute in das Dorf Petit Goave aufgebrochen, das zirka 40 Kilometer von Port-au-Prince entfernt liegt. Wir hielten
an einer Schule, die zusammengebrochen war. Zum Glück hatte ich eine dieser Mundbinden dabei, die man hier immer öfter sieht.
Im Eingangsbereich flogen einige Schulhefte herum, ein Mädchen stand mit Mundbinde herum. Und ich nahm diesen eigenartigen
süßlichen, schweren Geruch wahr, der sich förmlich in die Nase bohrt. Verwesungsgeruch. Im Schulhof, der sehr aufgeräumt wirkte,
in dem nur noch ein verlassenes Auto stand, lagen die aufgedunsenen Leichen zweier Frauen, ihre Augen standen noch offen.
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| "Welcome The US Marine - We need help" steht auf dem Schild. Unt darunter die Warnung "Dead Bodies" |
| Foto: Alex Bühler |
Doch es waren nicht nur sie, deren Geruch ich wahrnahm - das Mädchen hielt mir Fotos von Kindern und Jugendlichen entgegen und erklärte mir, dass die eine Frau ihre Tante gewesen sei und unter den Ruinen noch viele weitere Schulkinder begraben lägen. Ihre Leichen wird man wohl nie bergen.
Auf dem Rückweg machten wir Halt in Léogâne. Die Straße zum Hauptplatz war wegen eines heruntergestürzten Stromkabels nicht
passierbar, wir mussten zu Fuß an zerstörten Banken, Kirchen, Wohnhäusern vorbei. Überall standen oder saßen die Menschen
auf der Straße, haben sich in ihr Schicksal ergeben.
Léogâne, wo kaum Hilfsorganisationen aktiv sind, ist den Vereinten Nationen zufolge zu 70-80 Prozent zerstört, hier musste
man an vielen Stellen den Mundschutz tragen. Auf dem großen Hauptplatz hatten sich viele Menschen versammelt. Hier stieg Rauch
von vielen Feuern auf, auf denen Essen zubereitet wurde. Manche zimmerten sich eine Wellblechhütte zurecht, andere legten
sich zum Schlafen einfach auf eine Decke, weil sie nichts anderes mehr haben.
Wie überall ist die Verwaltung völlig überfordert, weder Polizei noch Katastrophenschutz sind präsent. Auf dem Weg aus Leongane
legten sich bereits viele zum Schlafen auf die Straße, die nur durch weiße Steine blockiert ist - ein Zeichen, das hier alle
mittlerweile kennen.
Danach fuhren wir weiter, raus an der Stadt, vorbei an vielen Ruinen. Immer wieder Häuser, die zusammengesackt waren. Zwischendurch
kaufte der Fahrer des anderen Autos, mit dem der Direktor der Caritas Haiti fuhr, an einem Stand etwas zu essen.
Flüchtlinge kampierten dort in Zelten, direkt neben dem idyllisch blauen Meer - und neben einer Ruine. Auch hier nahm ich
wieder diesen unverwechselbaren Geruch war. Die Menschen scheinen sich fast daran gewöhnt zu haben.
Zurück in der Stadt herrschte fast völlige Dunkelheit, ab und zu leuchtete ein Auto auf, das durch die Steinmassen wie von einer Riesenhand zerdrückt aussah. Und zurück im Gästehaus der Caritas Haiti haben wir eben Schüsse gehört - aber bisher sind die Unruhen ausgeblieben, von denen man hier fast ausgeht, da langsam aber sicher die Nahrungsmittel und lebenswichtige Dinge wie Treibstoff ausgehen. Noch drei Tage sollen die Treibstoffreserven dauern, dann wird es interessant.







