Haiti: Erste Nothilfe nach dem schweren Erdbeben
Der Arzt Dr. Joost Butenop berichtet aus Léogâne in Haiti
Traumatisierte Menschen brauchen psychologische Betreuung – Einzige Hoffnung ist internationale Hilfe
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| Joost Butenop in Léogane |
26.01.2010. Haiti ist nicht die erste Krisenregion, in der Dr. Joost Butenop hilft. Doch das, was der Arzt und Krisenexperte des Missionsärztlichen Instituts Würzburg in der zu 80 Prozent zerstörten Stadt Léogâne sieht, übertrifft alles bisher Erlebte: „Es sieht hier aus wie nach einem Krieg,
einfach unbegreiflich“, beschreibt er am Montag Abend am Telefon seine Eindrücke.
Die Menschen, die in das mobile Gesundheitszentrum kommen, das Caritas international in Léogâne aufgebaut hat, haben nicht
nur Prellungen, Knochenbrüche, Husten oder Durchfall.
Laut Butenop, der im Auftrag von Caritas international vor zehn Tagen in den Karibikstaat geflogen ist, leiden mehr als die
Hälfte der Patienten an psychosomatischen Krankheiten. „Viele sind traumatisiert, müssen mit Stress und Trauer fertig werden“,
berichtet er.
Die vielen Nachbeben, die die Region in den vergangenen Tagen immer wieder erschüttert haben, hat auch Butenop als „extrem
beängstigend“ empfunden. Dringend organisiert werden müsse psychologische Betreuung. Zuhören und sich für jeden Einzelnen
Zeit nehmen, laute die Devise.
Explodierende Preise
Der Krisenexperte ist optimistisch, dass sich jede auch noch so kleine Geste auszahlt. Als er in Léogâne ankam, habe er in versteinerte Gesichter geschaut. Kein Leben sei auf den Straßen zu spüren gewesen. Inzwischen sind die Menschen wieder entspannter, können wieder lächeln, beobachtet Butenop. „Das Land erwacht aus der Schockstarre.“ Die Bewohner von Léogâne , das laut Butenop noch schwerer getroffen wurde als die Hauptstadt Port-au-Prince, bekommenan kleinen Lebensmittelständen das Nötigste zu kaufen – sofern sie es sich leisten können angesichts explodierender Preise. Lebensmittel seien kaum erschwinglich, eine Cola „purer Luxus“.
Leben unter Bettlaken
Sorge bereitet dem Arzt auch die Unterbringung der Erdbebenopfer. „Die Menschen leben unter improvisierten Konstruktionen aus Bettlaken. Nachts wird es empfindlich kalt, tagsüber steigen die Temperaturen auf bis zu 35 Grad.“ Butenop schätzt, dass Frauen, Männer und Kinder in den nächsten zwei Jahren in ihren improvisierten Zelten leben müssen. Sollte in der Regenzeit ein Hurrikan die Region heimsuchen, wäre das die nächste Katastrophe, fürchtet er.
Derzeit ist Butenop mit seinen Caritas-Kollegen dabei, in Léogâne zwei weitere Gesundheitszentren aufzubauen. Neben der dringend notwendigen medizinischen Hilfe seien die Einrichtungen auch ein Signal an die Menschen, dass die Welt sie nicht vergessen hat. Schon vor der Katastrophe sei das Land bitterarm gewesen. Von ihrer Regierung hätten die Haitianer nichts zu erwarten. „Ihre einzige Hoffnung ist die internationale Hilfe, und dafür sind sie sehr dankbar.“

