Haiti: Erste Nothilfe nach dem schweren Erdbeben
Solidarität und Nächstenliebe – ein Zeichen der Hoffnung inmitten der Katastrophe. Eindrücke aus Léogâne
Ein Bericht von Conor O’Loughlin, Mitarbeiter des internationalen Caritas-Netzwerks
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| Vorbereitungen zur Verteilung von Lebensmitteln |
28. Januar 2010. Die Caritas Haiti hat ein einfaches Gebäude im Zentrum der Hauptstadt, in dessen Eisengerüst das Caritas-Logo – ein einfaches
Kreuz, von dessen Zentrum aus sich Lichtstrahlen ausbreiten – verankert ist. Anstelle von Fenstern aus Glas sind kleine, senkrechte
Holzleisten in das Mauerwerk eingefügt und lassen warme Luft in die Räume.
Auf dem Parkplatz vor dem Haus ist jetzt kein Platz mehr für Autos: Dort stehen jetzt Zelte, die humanitären Helfern von Caritas-Organisationen
aus aller Welt Platz zum Schlafen bieten. Das Schicksal der Menschen auf Haiti zu verbessern, stellte für die Caritas Haiti
schon immer ein großes Problem dar. Zwei Drittel der Bewohner der Insel leben von weniger als zwei Dollar pro Tag. Wiederum
die Hälfte von jenen muss mit gerade mal einem Dollar täglich überleben.
Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Das bedeutet nicht nur, dass es die Ärmsten der Ärmsten getroffen hat.
Es heißt auch, dass es sehr viel schwieriger als gewöhnlich sein wird, wieder normale Lebensbedingungen herzustellen. Wie
denn will man es sich mit zwei Dollar pro Tag leisten können, sein Haus wieder aufzubauen? Wie soll man wieder sein Einkommen
erwirtschaften?
Unsere Partnerorganisation, die Caritas Haiti, deren Angestellte alle Haitianer sind, begann wenige Stunden nach dem Erdbeben
mit Hilfsmaßnahmen. Zelte und Grund-Nahrungsmittel wurden sofort an die am schwersten betroffenen Familien ausgegeben, als
man in Europa noch gar nicht richtig registriert hatte, was geschehen war. Wenn man bedenkt, dass die meisten Angestellten
der Caritas Haiti selbst betroffen waren und Verluste innerhalb ihrer Familien und Verwandtschaft hinnehmen mussten, ist deren
Engagement wahrhaft bewundernswert.
Die Katastrophe liegt jetzt zwei Wochen zurück und das Medieninteresse erlischt allmählich. Die Caritas aber arbeitet weiter
mit voller Energie. Jeden Morgen rücken die Teams der unserer Leute vor Ort aus, um in den 200 Gesundheitszentren und Krankenhäusern
die Not zu lindern, für Wasser, Nahrung und Hygiene der am schlimmsten betroffen Opfer von Port-au-Prince und der näheren
Umgebung zu sorgen.
Diese Woche haben Mitarbeiter des internationalen Caritas-Netzwerks unter anderem Nahrungsmittel-Rationen für 14 Tage an 50.000
Menschen verteilt, die in einem Camp auf einem Golfplatz im Zentrum von Port-au-Prince untergebracht sind. Den Unkenrufen
mancher Medien zum Trotz verlief die Verteilung geordnet und friedlich; die Hilfsgüter wurden dankbar, ohne das geringste
Anzeichen von gewalttätigen Auseinandersetzungen oder irgendeiner Missstimmung entgegengenommen.
Als die Menschen Schlange standen, schien diese Stimmung nicht so recht zu ihren schrecklichen Erfahrungen zu passen. Als
die Sonne unterging, sangen und lachten jene, deren Häuser eingefallen und deren Leben zerstört sind – aus Dank, dass sie
wenigstens überlebt haben und zu essen und zu trinken haben und in der Hoffnung, dass – nachdem das Schlimmste geschehen ist
– es nur mehr besser werden kann.
Man kann in Versuchung geraten zu fragen, wo denn Gott sei, wenn Disaster wie jenes von Haiti Menschen so verheerend treffen.
Vielleicht aber ist Gott auch in der Hoffnung, der Solidarität und Nächstenliebe innerhalb schwerer Stunden zu finden. Die
Menschen sind zusammengekommen, um einander in einer der schlimmsten Katastrophen der Geschichte zu helfen. Daher geben die
Menschen auf Haiti nicht auf und hoffen auf eine Zukunft, die sie aufbauen – miteinander und füreinander.
Beitrag von Conor O’Loughlin
Kurzporträts von Opfern des Erdbebens
Ruth Schoeffl, Mitarbeiterin im internationalen Caritas-Netzwerk, sprach mit Erdbebenopfern in der Stadt Léogâne, in der Caritas international aktiv hilft
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| Marie Pheda |
| Foto: Caritas |
Pheda Marie
Marie wurde verletzt, als sie während des Erdbebens mit ihrem kleinen Sohn aus dem Haus lief. Sie entkam mit nichts außer
dem, was sie am Leib trug.
Ihr Arm wurde von medizinischen Helfern behandelt, aber sie und ihr Sohn mussten die letzten Tage ohne Schutz, ohne Decken
im Freien schlafen. Marie sorgte sich um die Gesundheit ihres Sohns, da sie nur unreines Leitungswasser trinken konnten.
Jetzt, nachdem ihr erklärt wurde, wie sie mit Chlortabletten das Wasser reinigen könne, empfindet sie mehr Sicherheit. Sie
baut sich nun auch eine Notunterkunft und wartet sehnsüchtig darauf, dass ihr Mann wieder auftaucht.
Moni Marion
Moni Marion studiert Kommunikations-Wissenschaften im 4. Semester und arbeitet auf Haiti für einen Lokalsender. Als das Erdbeben die Insel erschütterte, war er gerade auf dem Heimweg von seinem Studium. Das rettete ihm das Leben. Aber das Haus, in dem er wohnte, ist vollkommen zerstört, so wie 90 Prozent der Häuser von Léogâne. Aller Besitz, der ihm geblieben ist, beschränkt sich das, was er auf dem Heimweg von der Universität bei sich trug. Er will nicht nur da sitzen und warten, bis Hilfe von anderen kommt. Daher hilft er Caritas jetzt als Übersetzer in den Verteiler-Zentren. Sein größter Wunsch ist, dass die Universität bald wieder öffnet und er seinen Masters-Abschluss machen kann.
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| Etienne Sourette |
| Foto: Caritas |
Etienne Sourette
Sie schlafen alle im Freien im Zentrum der Stadt, dort, wo einst die Bank im Stadt-Zentrum der Staat: Etienne Sourette, ihre
kleine Schwester, ihre Mutter, ihre zwei Kinder und ihr Mann.
Ihr Haus ist völlig zerstört und sie wagen es gar nicht mehr hinzugehen, weil sie Angst vor Nachbeben haben. Heute hat Etienne
Decken bekommen, eine Abdeckplane, ein Seil, Tabletten, um das Wasser zu reinigen und zwei Eimer.
Suxe Bienvenue
Frau Bienvenue musste die letzten acht Tage auf der Straße schlafen. Sie hat alles verloren und nicht genügend zu essen und
zu trinken. "Ich teile mir das bisschen Wasser, das ich habe, sehr gut ein und nehme vor dem Schlafengehen immer einen kleinen
Schluck", erzählt sie. Mit den Abdeckplanen, die sie von Caritas erhalten hat, wird sie mit ihrem Sohn eine Notunterkunft
nahe am Marktplatz aufbauen. Sie hat niemanden auf der Insel, zu dem sie sonst gehen könnte, da sie ihr ganzes Leben nur in
Léogâne verbracht hat.
von Ruth Schoeffl
Wenn Wasser zum Luxus wird
Michelle Hough, Mitarbeiterin im internationalen Caritas-Netzwerk, schildert uns heute ihre persönlichen Eindrücke aus Haiti. Bericht vom 26.1.2010
Wieder kein Wasser heute morgen. Wieder nur ein „Bad“ mit einem Eimer Wasser. Seltsam, wie so etwas, das ich in Europa für ganz selbstverständlich halte – fließendes Wasser, eine warme Dusche, kalte Getränke – hier auf Haiti zum Luxus wird. Für die Menschen, die draußen auf der Straße übernachten müssen, wird alles hier noch weit schwieriger.
Bei einem starken Erdbeben können die unterirdischen Erdstöße Wasser-Rohre zerstören und so die Versorgung unterbrechen. Vergangene Woche wurde mir erzählt, dass vor dem Erdbeben Teile Haitis nicht über Leitungen mit Wasser versorgt wurde, sondern dass Wasser-Tanks per Lastwagen angeliefert wurden. Daher weiß ich noch nicht, welchen Einschnitt die Wasserrohr-Brüche hier wirklich bedeuten. Auf jeden Fall haben viele Menschen im totalen Chaos nach dem Erdbeben keinen Zugang zu Wasser gehabt.
Heute bin ich dabei, als Caritas einen riesigen Wasser-Tank in einem Camp installiert. Ein seltsames Ding, eine riesige Wasserblase, sieht aus wie ein überdimensionales blaues Wasserbett. Der Tank fasst 15.000 Liter Wasser – genug, um 1000 Menschen täglich zu versorgen.
Während ich den Männern im Camp zusehe, wie sie einen entsprechenden Hohlraum ausgraben, kann ich mit einem medizinischen Helfer sprechen. Er erzählt mir, mit welchen Fällen er und seine Kolleg(inn)en in dem Gesundheits-Zentrum, das aufgebaut wurde, derzeit am meisten zu tun haben: durch Dehydrierung verursachte Kopfschmerzen und Magenprobleme, die auf den Genuss unreinen Wassers zurückzuführen sind.
Ich frage mich, welche Auswirkung das Erdbeben langfristig auf den Gesundheitszustand der Menschen auf Haiti haben wird. Viele haben nicht ausreichend Wasser, viele haben kein ausreichendes Essen und sie leben in einem Zustand von ständigem Stress und Ungewissheit.
Michelle Hough




