Lateinamerika  

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Haiti: Hilfe für die Opfer des schweren Erdbebens

Traumatisiert sind alle

Der Arzt und Katastrophenhilfe-Experte Dr. Joost Butenop vom Missionsärztlichen Institut Würzburg war im Auftrag von Caritas international in Haiti, um den Aufbau der Ambulanzen von Caritas international zu organisieren. Mit ihm sprach Monika Hoffmann.

Caritas international: Was sind mittelfristig die größten Probleme für die humanitäre Hilfe in Haiti?

Joost Butenop vor der Caritas-Ambulanz
Joost Butenop vor der Caritas-Ambulanz

Dr. Joost Butenop: Das lässt sich gar nicht so einfach abgrenzen, die Probleme sind extrem vielschichtig. Es gab in Haiti schon vor dem Erdbeben keine funktionierenden Strukturen – ob Gesundheit, Bildung, Verkehr, Energieversorgung oder Ernährung. Die Menschen hier leben schon lange in bitterer Armut und jetzt potenzieren sich die Probleme auf allen Ebenen.

Haiti hat auf dem amerikanischen Doppel-Kontinent zum Beispiel mit fünf Prozent die höchste Rate an HIV/Aids. Die Patienten, die unter Behandlung sind, werden nun alle schon seit drei Wochen nicht mehr versorgt und haben keine Medikamente mehr bekommen.

Oder die strukturelle Armut: Durch die hohe Zahl an Schwerverletzten werden noch viel mehr Menschen an den Rand gedrängt und können nicht mal mehr ihr tägliches Überleben organisieren. Die Langzeitfolgen sind noch unüberschaubar.

Fast jede Schule und jeder Kindergarten ist kollabiert. Das waren zum großen Teil staatliche Gebäude mit entsprechend schlechter Bausubstanz. Es ist noch nicht absehbar, wann und wie das Bildungssystem wieder aufgebaut werden kann.

Wer organisiert im Moment die vielen internationalen Helfer in Haiti?

Die Regierung war vorher schon schwach und nun sind staatliche Strukturen faktisch nicht mehr existent. Die gesamte Koordination und Logistik der Hilfsmaßnahmen liegt in den Händen internationaler Organisationen wie den Vereinten Nationen – und die haben ebenfalls mit den Folgen des Erdbebens zu kämpfen und sind damit überfordert.

Ohne die Unterstützung des amerikanischen Militärs und der Blauhelme hätte in den ersten beiden Wochen wohl kaum etwas funktioniert. Die Logistik der US-Armee, die vor allem die Hilfsgüterflüge und -transporte organisiert, ist hervorragend. Und die Verteilungsaktionen könnten ohne die Blauhelme nur vollkommen ungeordnet stattfinden. In Haiti gibt es praktisch keine verlässlichen Ordnungskräfte mehr und die Blauhelme haben mit ihrem robusten Friedensmandat deren Aufgaben teils mit übernommen. Auch bei den Hilfsgüter-Verteilungen der Caritas, die zum Glück alle friedlich und relativ geordnet verlaufen sind, haben uns Blauhelmsoldaten begleitet. Die Gefahr, dass Transporte einfach gestürmt werden, ist sehr groß.

Die Suche nach Überlebenden ist nach zwei Wochen eingestellt worden. Werden inzwischen die Trümmer beseitigt?

Räumung mit schwerem Gerät
Räumung mit schwerem Gerät

Da herrscht an vielen Stellen das pure Chaos. Im Moment sind im großen Umfang Aufräumarbeiten mit schwerem Räumgerät im Gange. Angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen aber hat die mangelnde Koordination unweigerlich dazu geführt, dass viele Standards der Katastrophenhilfe nicht eingehalten werden. Die Leichen, die noch immer unter den Trümmern liegen, werden nun nicht mehr geborgen, geschweige denn registriert. Vielfach wissen die Überlebenden nicht, ob ihre vermissten Verwandten tot sind, oder sich noch retten konnten – sie haben keinerlei Gewissheit darüber und sie können ihre Toten nicht begraben und betrauern.

Wie gut sind die Überlebenden drei Wochen nach dem Erdbeben versorgt?

Insgesamt ist doch erstaunlich viel erreicht. Die Wasserversorgung ist vielerorts relativ gut, auch die größten Engpässe bei den Lebensmitteln sind allmählich beseitigt. Caritas kann sogar wieder auf den lokalen Märkten Lebensmittel beschaffen. Auch die medizinische Hilfe ist zu großen Teilen gesichert. Zum Glück gibt es inzwischen eine ausreichende traumatologische Versorgung für die unzähligen Schwerverletzten.

Fast vollständig fehlt bisher psychologische Hilfe für die traumatisierten Opfer. Und traumatisiert sind alle. In den ersten Tagen nach der Katastrophe hat man keine Rufe, kein Lachen gehört, die Menschen waren vollkommen paralysiert. Im Laufe der Zeit ist die Schockstarre wieder einer gewissen Betriebsamkeit gewichen. Längerfristig aber muss für die Trauer und Ängste Raum gegeben werden. Psychischer Schmerz dieses Ausmaßes macht definitiv krank und kann auch behandelt werden.

3. Februar 2010

Hören Sie hier auch das Interview des Südwestrundfunks mit Dr. Joost Butenop [weiter...]