Haiti: Die Hilfen von Caritas international nach dem schweren Erdbeben
Tagebuch aus Haiti von Caritas-Projektleiter Jörg Kaiser
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18. Februar 2010. Es kann gar nicht oft genug wiederholt werden: Haiti war schon vor dem Erdbeben ein bettelarmes Land. Die Hungerunruhen
im Jahr 2008 waren deutlicher Ausdruck davon. Vier von fünf Einwohnern leben von weniger als zwei Dollar am Tag. Viele haben
den täglichen Kampf ums Überleben in den vergangenen Jahren nur durchgestanden, weil Verwandte im Ausland ihnen halfen. Das
muss auch bei der mittel- und langfristigen Hilfe immer mitbedacht werden. Sonst besteht die Gefahr, dass an den Ärmsten der
Armen die Hilfe vorbeigeht.
Denn: In den Elendsvierteln von Port-au-Prince wurde nach Beobachtungen der Hilfsorganisationen, anders als befürchtet, kaum
etwas zerstört. Die Holzhütten fingen die Erschütterungen des Bebens offenbar ohne Schaden zu nehmen ab; auch zu nennenswerten
Erdrutschen ist es nicht gekommen. Doch diese gute Nachricht macht uns als Caritas auch Sorgen. Denn: Wo nichts zerstört ist,
gibt es in der Regel für die Menschen nur Nothilfe wie Lebensmittel und Trinkwasser, aber keine oder nur wenig langfristige
Hilfe. Doch das wäre fatal.
Es darf nicht sein, dass die Ärmsten der Armen leer ausgehen, während die Hausbesitzer der Mittelschicht ihr Hab und Gut ersetzt
bekommen. Das wäre ungerecht und würde zu massiven sozialen Spannungen führen. Caritas wird die Spendengelder also auch in
den Elendsvierteln einsetzen. Ähnlich haben wir schon nach dem Tsunami nicht nur den direkt Betroffenen an der Küste geholfen,
sondern auch den Ärmsten, nicht direkt Betroffenen, im Hinterland. Mit sehr gutem Erfolg. Das ist auch in Haiti unser Ziel
sein.
Die unglaublich große Solidarität der Caritas-Spender mit den Erdbebenopfern erleichtert diese Aufgabe enorm. Ich höre von
Uni-Konzerten in Rostock, Spendenläufen von Schulklassen, den Kollekten der Gottesdienstbesucher und dem Brezelverkauf von
Bäckern in Freiburg. Von den großzügigen Spenden der Bistümer, Orden und Pfarreien ganz zu schweigen. Das beflügelt auch unsere
Arbeit vor Ort, weil wir merken, dass wir nicht allein stehen. Und weil wir tagtäglich erleben, wie dankbar die Erdbebenopfer
für die Hilfe sind. Je mehr da jetzt zusammen kommt, desto größer ist die Chance, dass das furchtbare Erdbeben für die Menschen
in Haiti zu einem Aufbruch in eine bessere Zeit werden kann. .
17. Februar 2010. Unser Bauexperte ist eingetroffen. Damit können wir schon jetzt die entscheidenden Weichen für den Wiederaufbau stellen.
Nach den ersten Ortsbegehungen in unserem Projektgebiet sagt er den Satz: „Ein Erdbeben tötet nicht, es sind die schlecht
gebauten Häuser, die die Menschen erschlagen.“
Seiner Ansicht nach hätte das Erdbeben nicht zwingend solch große Zerstörungen zur Folge haben müssen. Jahrzehntelange Armut
und politisches Chaos in Haiti sind jedoch auch am Bausektor nicht spurlos vorübergegangen. Viele Dinge haben zum Pfusch am
Bau beigetragen: Architekten, Bau-Ingenieure, Maurer und Schreiner haben Haiti aufgrund der Armut in den zurückliegenden Jahren
in Scharen verlassen. Das Bildungsniveau ist niedrig und die Analphabetenrate hoch. Baumaterialien sind oft nur in schlechter
Qualität oder nur zu für die Menschen unerschwinglichen Preisen zu bekommen. All das hat dazu beigetragen, dass bei dem Erdbeben
wesentlich mehr Menschen ums Leben gekommen sind als das in Westeuropa bei einem vergleichbaren Beben der Fall gewesen wäre.
In dem Alten- und Behindertenzentrum, das Caritas in Leogane wieder aufbauen wird, sind die Folgen der mangelhaften Bauausführung
gut zu beobachten. Die Liste der Schadensursachen, die wir im Zwischenbericht aufgelistet bekommen haben, ist lang: Von umfangreichen
Planungs- und Ausführungsfehlern, minderwertigen und ungeeigneten Baustoffen, mangelnder Baukontrolle, unsachgemäßen Erweiterungsbauten
und Ignoranz jeglicher Regeln des erdbebenresistenten Bauens ist da die Rede. Auch hier gilt der Satz: „Katastrophen werden
oft durch Armut erst katastrophal.“ 12 Menschen sind durch einstürzende Gebäude allein in dem Alten- und Behindertenzentrum
ums Leben gekommen. Wir fragen uns, wie viele noch leben könnten, wenn mehr Geld und besser ausgebildete Fachleute zur Verfügung
gestanden hätten.
Das Abtragen einsturzgefährdeter Bauteile hat nun höchste Wichtigkeit, weil die Sicherheitsabsperrungen von den Alten, Blinden
und geistig Behinderten, die derzeit provisorisch in kleinen Zelten auf dem Gelände des Zentrums untergebracht sind, nicht
wahrgenommen werden. Diese Arbeiten werden dort mit unserer Hilfe relativ schnell erledigt sein. In ganz Haiti werden die
Räumarbeiten jedoch wesentlich länger dauern. Nach den Erdbeben im Iran und in Peru, die deutlich geringere Schäden verursacht
hatten, waren die Menschen allein ein Jahr mit der Räumung von Trümmern und Bauschutt beschäftigt..
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| Zerstörtes Büro der Caritas Haiti |
| Foto: Rasmus Stern / Caritas international |
16. Februar 2010. Wenn ich durch die Stadt fahre und mit den Leuten spreche, erinnert mich hier vieles an meine vergangenen Einsätze in Afrika.
Die Menschen, das Lebensgefühl, das Klima. Als ich einem Vertreter der Europäischen Kommission für Humanitäre Hilfe, den ich
hier in Port-au-Prince getroffen habe, davon erzähle, erwidert der trocken: ‚Wir sind in Afrika’. Wahrscheinlich hat er recht.
Nachts gab es den ersten Regen, sechs Wochen vor Beginn der offiziellen Regenzeit. Es scheint einzutreten, was wir am meisten
befürchtet hatten. Und US-Meteorologen sagen schlimmere Wirbelstürme für die im Juni beginnende Hurrikan-Saison voraus als
üblich. Ein Gedanke geht mir durch den Kopf: Muss den Erdbebenopfern jetzt auch noch das Wetter das Leben schwer machen?
Nach so vielen Tagen auf Haiti könnte man vermuten, dass man sich an die Zerstörung und das Leid gewöhnt. Aber es ist jeden
Tag aufs Neue erschreckend. Wenn ich durch die Stadt fahre, sehe ich, dass z. B. wirklich ausnahmslos alle Ministeriumsgebäude
in Trümmern liegen. Damit ist auch die "nationale Erinnerung" abhanden gekommen. So zum Beispiel alle zentral gesammelten
Unterlagen der Finanzbehörden, Steuerunterlagen, die Dokumente des Bildungsministeriums usw. Ganz zu schweigen von den Mitarbeitern,
die bei dem Beben umkamen.
Von einer solchen Ausradierung der Grundlagen eines schon vorher schwachen Staates habe ich zuvor noch nicht gehört. Das wird
uns vermutlich bei der Klärung von Eigentumsverhältnissen noch einige Schwierigkeiten bereiten. Wie soll der Startschuss für
ein Bauprojekt gegeben werden, wenn nicht klar ist, wem das Grundstück gehört? Und das ist oft ungeklärt hier in Haiti. Besitzurkunden
sind nicht die Regel. Zumal die Ansprechpartner für etwaige Verhandlungen in vielen lokalen und staatlichen Verwaltungen beim
Erdbeben ums Leben gekommen sind. Wir werden sehen, wie das zu lösen ist.
Aber es gibt auch Lichtblicke. Wir haben ein Behinderten- und Grundschulzentrum in Leogane, unserem Hauptprojektgebiet, besucht.
Die Leiterin stellte sich schon nach kurzer Zeit als äußert organisiert heraus. Sie hat bereits erste Berechnungen für den
Wiederaufbau der zerstörten Gebäude von unterschiedlichen Bauingenieuren erstellen lassen und auch beim Rundgang durch das
Zentrum alle Details im Blick.
Es gibt viel zu tun: Drei Schlafsäle, die Gesundheitsstation, die Kapelle und die Grundschule sind komplett zerstört. Viel
Arbeit, die wir dank der Hilfe unserer Spender mit unserem Architekten nun schnell angehen werden.
15. Februar 2010. Die Stimmung der Bevölkerung in Haiti ist entgegen mancher Medienberichte erstaunlich ruhig und gelassen. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Menschen den Umgang mit der Not und das Improvisieren im Chaos schon vor dem Erdbeben gewöhnt waren. Viele versuchen wieder so etwas wie Alltag herzustellen. Verkaufsstände und kleine Märkte schießen aus dem Boden, Geschäfte öffnen ihre Türen. Hier und da ist sogar Musik zu hören. Der Sound der Stadt hat sich verändert seit dem Beben. Es muss einfach weitergehen. Ein populäres haitianisches Sprichwort sagt: "Es mag sein, dass wir einmal stolpern, aber wir werden nicht fallen."
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| Das Leben geht weiter |
| Foto: Joost Butenop / Caritas international |
Mit diesem Grundgefühl leben und arbeiten auch wir als Caritas-Team. Immer wieder fragen wir uns: Wie sollen 24 Stunden reichen,
um all die Dinge zu tun, die hier Tag für Tag so dringend notwendig sind, um das Leben der Menschen zu retten? Und das unter
diesen Umständen? Aber dann geht es doch. Irgendwie. Immer wieder. Ein kleines Beispiel nur: Vier Tage lang haben wir versucht,
den örtlichen Pfarrer in unserem Projektgebiet 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince zu treffen, um zu besprechen, wie
wir nach der Nothilfe gemeinsam den Wiederaufbau angehen wollen. Vier lange Tage haben wir immer wieder neue Anläufe unternommen.
Aber entweder funktionierte das Handy nicht oder das Telefonnetz war überlastet. Eine Kleinigkeit nur. Aber von diesen Kleinigkeiten
gibt es hunderte. Die Liste ist lang: Von den ständigen Staus bis zu den extrem langsamen Internetverbindungen. Es ist oft
zum Verzweifeln. Und plötzlich geht es dann doch - oft unerwartet - immer wieder voran. Wie mit unserem Pfarrer, den wir schließlich
doch noch trafen, wenn auch später als gehofft.
Gestern sprach ich mit einem haitianischen Arzt. Wir redeten über die vielen Menschen, die das Katastrophengebiet verlassen,
auf der Suche nach einem besseren Platz zum Leben. Mehrere Hunderttausend sollen es sein, die im Westen Haitis oder in der
Dominikanischen Republik ihr Glück versuchen. Mittlerweile, so berichtete mir der Arzt, seien aber viele bereits wieder auf
dem Rückmarsch nach Port-au-Prince, weil das, was sie am anderen Ende ihrer Reise vorfinden, noch hoffnungs- und aussichtsloser
sei als das, was sie hinter sich gelassen hätten. Angesichts dessen, was wir hier täglich an Not und Verzweiflung erleben,
ist das nur schwer vorstellbar.
Während wir noch täglich Lebensmittel verteilen und Kranke behandeln, werfen wir jetzt den Blick auch schon auf den Wiederaufbau.
Unserer Ansicht nach müssen wir die große Chance zum Neuanfang, die für das Land im Wiederaufbau liegt, in enger Partnerschaft
mit den Haitianern nutzen. Es war eine wichtige Lehre der Tsunami-Hilfe: dass ein langfristig erfolgreicher Wiederaufbau nur
gemeinsam mit den betroffenen Menschen gelingen kann. Bei allem, was wir tun, legen wir deshalb großen Wert darauf, uns eng
mit der Kirche und der Caritas Haiti abzustimmen. Dieser Weg ist zwar langwieriger und manchmal mühsamer als der schnelle
Alleingang verspricht aber langfristig die besseren Ergebnisse.
12. Februar 2010. Körper und Seele sind eine Einheit. Das eine kann ohne das andere nicht funktionieren. Deshalb ist es so wichtig, dass wir neben den körperlichen Verletzungen die seelischen Wunden der großenteils schwer traumatisierten Erdbebenopfer nicht vergessen. Diese Verletzungen sind nicht sichtbar, aber für die Betroffenen oftmals genau so belastend wie die körperlichen Wunden. Die psychologische Unterstützung für diese Menschen wird in den nächsten Wochen und Monaten für die Helfer deshalb ein immer wichtigeres Thema werden. Der Bedarf an erfahrenen Traumahelfern, die die Kultur gut kennen und der Landessprachen mächtig sind, ist riesig.
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| Notunterkünfte in Port-au-Prince |
| Foto: Conor O Loughlin / Caritas Internationalis |
Wir stellen das auch an den Mitarbeitern von Caritas und Kirche fest. Fast alle meiner haitianischen Kollegen haben Angehörige
verloren; zudem müssen sie sich seit dem 12. Januar mit einem Leben in Trümmern zurecht finden. Das ist eine schwer vorstellbare
Belastung. Viele mussten nach dem Beben selbst nach ihren Liebsten suchen – manchmal erfolgreich, noch öfter aber mit einem
traurigen Ergebnis. Die häufigen Nachbeben reißen ihnen zudem auch Wochen nach der Katastrophe noch immer täglich aufs Neue
buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. All das sind Erlebnisse, die sich nicht einfach abschütteln lassen.
Es gehört als internationale Caritas-Helfer auch zu unseren Aufgaben unseren haitianischen Kollegen aus ihrer Schockstarre
herauszuhelfen. Alle suchen Trost im Gebet, vielen hilft die tägliche Arbeit und das Gespräch mit Kollegen, manche benötigen
aber auch professionelle Hilfe von Psychologen. Zu diesem Zweck hat u. a. die Caritas Libanon erste Traumahelfer eingeflogen.
Weitere werden folgen.
Katholische Kirche und Caritas stehen vor einer unglaublichen Herausforderung in Haiti. Die Hoffnungen der Menschen sind immens.
Beide Institutionen mussten schon vor dem Beben in vielen Bereichen, wie zum Beispiel Hospitälern und Gesundheitsstationen,
den Staat ersetzen oder zumindest wesentlich ergänzen. Diese Aufgabe wird nun eher noch größer angesichts einer weitgehend
handlungsunfähigen Regierung. Da trifft uns alle besonders schwer, dass sich unter den Erdbebenopfern auch der weithin geschätzte
Erzbischof Josef Miot befand, einer der wenigen Hoffnungsträger, die das Land hatte.
9. Februar 2010. Gute und schlechte Nachrichten prasseln quasi stündlich auf mich ein, seit ich vor einigen Tagen Port-au-Prince erreicht habe. Eine der guten Nachrichten lautet: Es gibt vieles zu kaufen auf Haiti. Reis und Bohnen sind in größeren Mengen auf dem Markt vorhanden. Die schlechte Nachricht: Kein normaler Haitianer kann sich die Ware leisten, denn die Preise sind stark gestiegen. Kostete ein Sack Reis vor dem Erdbeben 160 haitianische Dollar sind es jetzt 300. Unerschwinglich für 95% der Menschen, zumal das Beben den allermeisten nicht nur geliebte Menschen und ihr Zuhause, sondern auch die Arbeitsstätte genommen hat.
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| Zelte für die Caritas-Mitarbeiter bei Caritas Haiti |
| Foto: Joost Butenop / Caritas international |
Für uns als Caritas bedeuten diese Meldungen zweierlei: Erstens werden wir Lebensmittel, so weit es eben möglich ist, auf dem lokalen Markt kaufen, um nicht durch Importe den heimischen Markt zu zerstören. Denn es wäre fatal, wenn sich für haitianische Bauern der Anbau nicht mehr lohnen würde, weil Lebensmittel aus Europa und den USA nichts kosten. Zweitens werden wir unsere Arbeit-gegen-Bargeld-Projekte ausbauen. Sprich: Wir wollen noch mehr Erdbebenopfer in der Beseitigung der Trümmer beschäftigen und sie dafür entlohnen. Damit sie zumindest das Nötigste für sich und ihre Familien kaufen können.
Davon würden dann indirekt auch die Kinder profitieren, denen es derzeit vielleicht am schlimmsten von allen Erdbebenopfern
geht. Die Zahl der verwaisten Kinder hat sich mehr als verdoppelt, es ist jetzt von einer Million unbegleiteten Jungen und
Mädchen die Rede. Eine furchtbare Zahl. Hinzu kommt, dass drei Viertel der Schulen in Port-au-Prince zerstört oder stark beschädigt
sind und noch mehrere Wochen der Unterricht ausfallen wird. Hier tut sich ein enormer Hilfsbedarf auf.
Wie ein Damoklesschwert hängt derzeit über all unseren Anstrengungen die Frage: Was wird mit der Regenzeit? Es beginnt bereits
jetzt, vor Beginn der kalendarischen Regenzeit, zu tröpfeln. Nicht auszudenken, was passiert, wenn erst ein tropisches Unwetter
auf die geschwächten Erdbebenopfer niedergeht. Wie sollen all die Menschen, die aus Angst vor Nachbeben derzeit ihr Nachtlager
auf dem nackten Asphalt der Straßen ausbreiten, bis dahin mit Notunterkünften versorgt werden? 700.000 Obdachlose gibt es.
Klar ist: Wir werden noch mehr Plastikplanen und Zelte verteilen müssen, um die Menschen vor der Nässe zu schützen. Sonst
drohen den ohnehin geschwächten Erdbebenopfern Krankheiten. Wir können nur hoffen, dass unsere Anstrengungen ausreichen werden,
um den Wettlauf mit der Regenzeit gewinnen.
6. Februar 2010. Gerade noch umgab mich die karibische Leichtigkeit der Dominikanischen Republik, wo ich vor 12 Stunde gelandet bin, jetzt schon trägt mich unser Bus vom Touristenparadies Kilometer um Kilometer weiter in Richtung Epizentrum der Katastrophe. In den Teil der Insel Hispanola, der von vielen Beobachtern seit dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar als "Vorhof der Hölle" bezeichnet wird.
Immer näher kommen wir den Gebieten, in denen meine Kollegen seit drei Wochen Tag und Nacht alles Menschenmögliche tun, um das Leid der Hungrigen, Durstigen und Verletzten zu lindern. Mit Lebensmitteln, mit Trinkwasser, mit Zeltplanen und Medikamenten. Ich komme als „Einwechselspieler“, der mit frischen Kräften den seit der Stunde Null im Einsatz befindlichen Caritas-Helfern ein kurzes Durchschnaufen ermöglichen soll, zugleich aber auch den Blick bereits auf den Wiederaufbau Haitis werfen soll. Damit die Katastrophe für das schwer getroffene Land zur Chance für einen Neuanfang werden kann.
Schon kurz nach Betreten haitianischen Bodens wird mir die Verzweiflung der Menschen drastisch vor Augen geführt. 14.000 Erdbebenopfer haben sich in Grenzstadt Fond Parisien geflüchtet, in der Hoffnung auf etwas Hilfe im Nachbarstaat. Auch hier muss und will Caritas helfen. Seit Tagen treiben wir die Planungen dafür voran, damit diese Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen bleiben, sprechen mit der EU und lokalen Behörden. Doch jetzt bleibt keine Zeit dafür. Ich muss weiter, weiter nach Port-au-Prince.
Dort empfängt mich das Chaos. Wie sollte es auch anders sein. Es gibt keine Katastrophe ohne Chaos. Das war nach dem Tsunami 2004 so, das war nach dem Erdbeben 2005 in Pakistan so, und es wird bei jeder ähnlich verheerenden Katastrophe so sein. Wie hat UN-Nothilfekoordinator John Holmes in diesen Tagen so richtig gesagt: „Jede Katastrophe bedeutet Chaos, denn das ist, was Katastrophen erzeugen.“ Die Kunst der Katastrophenhelfer besteht darin, schnell ordnende Schneisen in dieses Chaos zu schlagen. Immer wandelnd auf dem schmalen Grat zwischen schneller Hilfe einerseits und effektiver Hilfe andererseits. Die beste Hilfe ist sinnlos, wenn sie zu spät kommt. Aber auch schnelle Hilfe, die nicht die qualitativen Standards humanitärer Hilfe erfüllt, kann am Ziel vorbeigehen.
Schnell und effektiv zugleich zu helfen, das ist das Ziel, das die 80 Caritas-Helfer eint, auf die ich im Innenhof der Caritas
Haiti stoße. Zelt an Zelt arbeiten und schlafen hier unter freiem Himmel haitianische, holländische, schweizer, österreichische,
deutsche, amerikanische, französische, mexikanische und irische Helfer Seite an Seite. Beseelt von der Motivation, anzupacken
und zu helfen. Bischof Pierre Andre Dumas hat dafür die passende Sprache gefunden, als er sagte: „Wörter helfen einem hungrigen
Menschen nicht weiter.“






