Lateinamerika  

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Haiti: Die Hilfen von Caritas international nach dem schweren Erdbeben

Mit übereilten Schnellschüssen ist niemandem gedient

Der Wiederaufbau-Experte von Caritas international, Claus Hemker, sprach nach seinen ersten Eindrücken vor Ort mit Achim Reinke über die aktuelle Situation und die Hilfsmaßnahmen

Caritas international: Wie ist die Lage derzeit in Haiti?

Claus Hemker: Die Stimmung der Bevölkerung in Haiti ist, trotz der großen Not erstaunlich ruhig. Vermutlich liegt das daran, dass schon vor dem Erdbeben die Not der Menschen so enorm war und sie Improvisieren im Chaos gewöhnt waren. Auf der einen Seite ist derzeit wieder so etwas wie Alltag spürbar. Verkaufsstände schießen aus dem Boden, Geschäfte und Restaurants öffnen wieder. Es ist wieder Musik zu hören. Die Menschen haben Sehnsucht nach Normalität. Aber andererseits sehen Sie natürlich auch noch Erdbebenopfer, die entweder in den Trümmern nach ihren Habseligkeiten suchen oder lethargisch vor sich hin starren. Die Zerstörung und die Not der Menschen ist noch an jeder Ecke greifbar. Man darf nicht vergessen: Beim Erdbeben sind beinahe so viele Menschen ums Leben gekommen wie beim Tsunami 2004 in 14 Ländern zusammen.

Wo ist die Not am größten und was wird jetzt am dringendsten gebraucht?

Vorrangig ist es, die Hunderttausenden von Obdachlosen mit einigermaßen akzeptablen Notunterkünften zu versorgen. Denn schon jetzt hat es erste heftige Regen gegeben und Ende März beginnt kalendarisch die Regenzeit. Da müssen wir noch mehr Zelte und Zeltplanen herbeischaffen. Im Juni beginnt dann die Hurrikan-Saison, die US-Meteorologen zufolge schlimmer als üblich werden soll. 

Wie schreitet der Wiederaufbau voran und was konnte bisher erreicht werden?

Zur Zeit sind wir noch mitten in der Nothilfe: Lebensmittel verteilen sowie Kranke und Verletzte versorgen. Es wird noch gesichert und geräumt. Der Wiederaufbau steckt noch in den Anfängen. Aber Caritas hat z.B. Regionen identifiziert, wo Familienhäuser, Alten- und Behindertenheime sowie Schulen wieder aufgebaut werden sollen. Das wird aber seine Zeit brauchen, denn der Wiederaufbau darf nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg geschehen, sondern sollte mit ihnen gemeinsam geplant und umgesetzt werden. Denn wer wüsste besser, wie die Häuser aussehen sollen, die wir für sie bauen als die Betroffenen selbst. Es braucht ein durchdachtes Vorgehen. Mit übereilten Schnellschüssen ist niemandem gedient.

Wo gestaltet sich der Wiederaufbau als schwierig? Gibt es Behinderungen bei der Arbeit?

Es gibt unzählige große und kleine Probleme. Zum Beispiel sind die Eigentumsverhältnisse für ganz viele Grundstücke ungeklärt. Da wird es vielerorts Verhandlungen geben müssen, ehe der Startschuss für ein Bauprojekt gegeben werden kann. Es fehlen aber auch überall die Ansprechpartner der lokalen Verwaltungen, weil die Mitarbeiter ums Leben gekommen sind. Derzeit rauben zudem viele Kleinigkeiten viel Zeit. Das reicht von extrem langsamen Internetverbindungen, schlechten Telefonverbindungen und den täglichen Staus bis hin zu dem Mangel an Facharbeitern, Ingenieuren und großem Räumgerät sowie dem immer noch nicht funktionsfähigen Hafen von Port-au-Prince. 

In welchem Umfang ist die Bevölkerung in Haiti beteiligt beim Wiederaufbau und den Entscheidungen?

Wir legen zum einen natürlich großen Wert darauf, dass die Häuser erdbeben- und wirbelsturmsicher sind. Sonst ist die nächste Katastrophe vorprogrammiert. Da stimmen wir uns auch mit anderen Hilfsorganisationen, der UN und den staatlichen Stellen ab. Die entsprechenden Expertentreffen finden jetzt regelmäßig in Port-au-Prince statt. Zum anderen beziehen wir bei den Planungen und dem Bau der Gebäude die Betroffenen so weit wie möglich mit ein. Das unterscheidet uns als Caritas von einer Baufirma. Dadurch erreichen wir einen doppelten Effekt: Die Häuser werden so, wie sie den Bedürfnissen der Menschen entsprechen und werden als ihre eigene angenommen. Die Erdbebenopfer bekommen aber auch eine Aufgabe. Für viele ist das eine handfeste Hilfe, um über die Arbeit den Schmerz über den Verlust geliebter Menschen und das Trauma des Bebens hinwegzukommen.

Reicht das Geld oder muss weiter gespendet werden?

Die Solidarität der Caritas-Spender mit den Erdbebenopfern ist unglaublich groß. Das reicht von Uni-Konzerten in Rostock bis zum Brezelverkauf von Bäckern in Freiburg. Je mehr da jetzt zusammen kommt, desto größer ist die Chance, dass das furchtbare Erdbeben für die Menschen in Haiti zu einem Neuanfang werden kann.

22.Februar 2010