Lateinamerika  

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Größer könnten die Unterschiede kaum sein

Eine Bilanz nach den schweren Erdbeben in Haiti und Chile

Vorbereitet auf ein Erdbeben war in Haiti niemand, während Chile als das Land mit der wirksamsten Katastrophenvorsorge gilt. So unterschieden sich auch die Auswirkungen der beiden schweren Erdbeben grundlegend. Andreas Lexer, der sowohl in Haiti als auch in Chile nach den Katastrophen im Einsatz war, sucht nach Erklärungen.

Port-au-Prince
Trümmer nach dem Erdbeben in Haiti / Port-au-Prince
Foto: Katie Orlinsky/ Caritas

In Haiti hat das Erdbeben vom 12. Januar mit der Stärke 7,2 verheerende Schäden angerichtet. Tausende Häuser sind zusammengestürzt, sehen aus, als hätte man mit der flachen Hand auf einen Kuchen geschlagen und habe damit Hunderttausende Menschen unter sich begraben. Von der Kathedrale stehen nur noch ein paar Reste, der Präsidentenpalast ist eingestürzt, Ministerien existieren nicht mehr.

In Chile war das Erdbeben anderthalb Monate später, am 27. Februar, noch stärker: Die Magnitude betrug 8,8 auf der Richterskala. Trotzdem hat die Zerstörung durch das Erdbeben nicht die gleiche Dimension erreicht wie in Haiti. „Das Erdbeben hat hier überhaupt keinen Schaden angerichtet“, erzählt mir ein Mann, mit dem ich in der Stadt Dichato gesprochen hab. Viele Häuser waren hier aus Holz. Eine Bauweise, die auch ein sehr starkes Beben übersteht.

Überall, wo dagegen mit Adobe gebaut wurde, waren die Schäden dramatisch. Adobe, der getrocknete Lehm, mit dem Südamerika traditionell viele Häuser errichtet werden, hat keinerlei Stabilität und Flexibilität. In der 300.000 Einwohner Talca, wo ich zwei Tage verbringen durfte, sind große Teile des Stadtzentrums zerstört. Der Anblick erinnert mich an Haiti. Kollabierte Häuser, umgeworfene Mauern, große Mengen an Schutt in den Straßen. Talca liegt östlich von Concepcíon im Landesinneren und ist wohl eine der vom Erdbeben am meisten zerstörten Städte.

Wissen, wenn es Zeit ist zu flüchten

Der wahre Schaden in Chile entstand aber durch den Tsunami, der dem Erdbeben folgten. Bis zu fünf Wellen sind über die Küstenstädte hereingebrochen, haben alles mit sich gerissen. In Dichato, wo ich mit dem Mann spreche, steht kein Haus mehr, riesige Mengen Schlamm liegen heute auf den Straßen und Gebäude wurden als ganzes mehrere Hundert Meter weit landeinwärts geschleudert. Durch den Tsunami entstand hier der wahre Schaden, entlang tausend Kilometer Küstenlinie. Die Zerstörung von Gebäuden in Chile - 1,5 Millionen haben hier ihr Haus verloren - übertrifft jene in Haiti, wo 1,2 Millionen obdachlos geworden sind.

Auf der anderen Seite steht das menschliche Leid. In Haiti liegen sind schätzungsweise 300.000 Tote zu beklagen, in Chile hingegen erreicht diese Zahl kaum die Tausend. Ganz ohne Zynismus: Die Chilenen hatten Glück im Unglück.

Nach den Tsunamiwellen
Der Tsunami richtete in Chile die größten Schäden an
Foto: Katie Orlinsky/Caritas

Das Erdbeben um 3:34 Uhr morgens war eine Warnung, hat die Menschen aus dem Schlaf gerissen. Schon 1960 wurde in Valdivia das schwerste jemals verzeichnete Erdbeben mit der Stärke 9,5 gemessen. Schon damals wurden große Teile der Regionen, die auch heute betroffen sind, von einer Tsunami-Welle überschwemmt. 5.000 Menschenleben hat das Meer damals gefordert. Diese tragischen Momente sind den Menschen in Erinnerung. „Wir haben hier eine Tsunami-Kultur und wissen genau, wann es Zeit ist, zu flüchten“, hat mir der Nothilfe-Koordinator der Caritas, Juan Precht erklärt. „Chile wurde immer als das Land Lateinamerikas angesehen, das am besten auf Erdbeben vorbereitet ist. Die Kinder hier lernen auf speziellen Übungen, sich in Sicherheit zu bringen, bevor sie überhaupt lesen und schreiben können. Die Bauvorschriften sind streng. Die Anleitung für das Verhalten in einer Katastrophe ist ein dickes Buch, das alle möglichen Szenarien für Erdbeben beinhaltet, die hier ein Teil des Alltags sind“, schreibt etwa die New York Times.

Die Menschen in Chile haben sich daran gehalten: Sofort nach dem Erdbeben sind sie losgelaufen und haben sich in Sicherheit gebracht. Gerade noch rechtzeitig, zwanzig Minuten später sind die ersten Wellen über das Land gerollt.

In Chile blieb die Infrastruktur fast unbeschadet

In Haiti hingegen fand das letzte große Erdbeben vor 240 Jahren statt, auch damals wurde ganz Port-au-Prince zerstört. Wie damals hat auch das aktuelle Beben die Menschen vollkommen überraschend getroffen. Vorbereitet auf die Katastrophe war niemand.

HIlfsgüter der Caritas Chile
HIlfsgüter der Caritas Chile
Foto: Caritas/Andreas Lexer

Obgleich in beiden Ländern die Hilfseinsätze nach den Katastrophen schnell anliefen, könnten die Unterschiede bei der Katastrophenhilfe kaum größer sein. Chile gilt als sehr viel höher entwickelt, obwohl auch hier vor allem in den ländlichen Gebieten die Armut weit verbreitet ist. Doch die politischen und zivilen Strukturen waren vom Erdbeben nicht betroffen. Großes Gerät, Hilfsmannschaften, Luftbrücken, Logistik über Land konnten die Chilenen selbst organisieren. Auch Nahrungsmittel sind im Land selbst ausreichend vorhanden. Und obwohl die Regierung nach wenigen Tagen um internationale Hilfe bat, etwa um Wasseraufbereitung, Feldspitäler, Satellitentelefone und Generatoren, werden sie größtenteils in der Lage sein, den Ablauf der Nothilfe selbst in die Hand zu nehmen.

Auch aufgrund von Tausenden Freiwilligen, oft Schüler und Studenten, aber auch direkt Betroffenen, die helfen, Lebensmittelpakete zu schnüren oder sie anschließend zu verteilen. Schon nach wenigen Tagen konnte allein die Caritas 104.000 Familien mit Lebensmittel für mehrere Tage versorgt, Evaluierungen, wer für ein Übergangshaus aus Holz in Frage kommt, waren schon weit fortgeschritten, ein erster Prototyp für ein solches Holzhaus stand bereits.

Haiti war komplett außer Gefecht gesetzt

In Haiti hingegen, dem ärmsten Land auf der nördlichen Halbkugel, waren diese Strukturen schon vorher nicht vorhanden. Es gibt keine Armee, auf deren Strukturen und Personal man zurückgreifen könnte. Das politische Management wurde durch die Zerstörung ihrer Infrastruktur außer Gefecht gesetzt. Schweres Bergegerät, genügend Ausbildung und Erfahrung im Umgang mit Katastrophen sind so gut wie nicht vorhanden.

Traumatisierte Erdbebenopfer
Traumatisierte Erdbebenopfer in Haiti
Foto: Sara A. Fajardo/Caritas

Die Menschen hungerten hier schon vor dem Erdbeben, im Land waren nicht genügend Lebensmittel, um die Ärmsten der Armen und die am stärksten betroffenen ausreichend zu versorgen, von Zelten oder Planen für die Unterbringung ganz zu schweigen. Wasseraufbereitung existierte nicht, ebenso war die Krankenversorgung für die Hunderttausend Verletzten, von denen mindestens 10.000 amputiert wurden, schwach. Zusätzlich war gerade in den ersten Tagen nach dem Beben eine enorme Traumatisierung der Bevölkerung zu spüren, eine Apathie.

In Haiti mussten Strukturen und Hilfsgüter von internationalen Organisationen importiert werden, während sie in Chile im Land selbst vorhanden waren. Diese Tatsache gilt bis heute. Deswegen liegt der große Fokus nach wie vor auf Haiti. Chile wird finanzielle Unterstützung brauchen, sich im Endeffekt aber zu einem großen Teil selbst helfen. Haiti hingegen wäre ohne die Hilfe internationaler Organisationen nicht in der Lage, mit den Folgen der Katastrophe fertig zu werden. Das wird auch noch eine lange Zeit so bleiben.

März 2010
Andreas Lexer