Haiti: Nachhaltiger Wiederaufbau
Mehr als reines Ingenieurwissen
Der Architekt Claus Hemker war für Caritas international als Bauexperte in Haiti, um dort die Wiederaufbaumaßnahmen zu koordinieren. Mit ihm sprach Alexander Bühler.
Alexander Bühler: Herr Hemker, was war Ihr erster Eindruck, als Sie die Innenstadt von Léogâne sahen?
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| Planungen für St. Vincent de Paul. Claus Hemker, Sr Claudette |
Claus Hemker: Betroffen! So ein Umfeld lässt auch jemanden, der viel in Katastrophengebieten arbeitet, nicht unberührt. Man sieht die Folgen
der Katastrophe und darf sich aber nicht dabei aufhalten.
Ich denke dann immer schon sehr pragmatisch in die Zukunft: Wo sind die Menschen, wie kann man sie mobilisieren, wohin mit
dem vielen Bauschutt... Jemand, der mich danach gesehen hat, sagte, mir sei der Schrecken noch immer ins Gesicht geschrieben.
Was würden Sie denn als eine der Hauptursachen für den Einsturz der Häuser sehen?
Dafür gibt es viele Gründe. Zunächst einmal der Grundriss der Häuser. Die wenigsten Gebäude sind erdbebenresistent entworfen:
sie sind nicht symmetrisch aufgebaut, die Baumassen sind unterschiedlich verteilt und die Baukonstruktion ist unterschiedlich
steif. Dann die Struktur der Häuser selbst. Viele dienten als Alters-Lebensversicherung, unten lebten die Besitzer oder ihre
Verwandten und um ein bisschen Einkommen zu schaffen, wurde hastig ein zweiter Stock drauf gesetzt, in dem dann Mieter leben
konnten. Aus Unkenntnis wurden die Regeln der Architektur und der Statik häufig nicht beachtet.
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| Aufräumen in Leogane |
| Foto: Joost Butenop, Caritas international |
Zum anderen war die Bausubstanz sicherlich selbst ein wichtiger Faktor. Wenn man an einem Betonbrocken aus den Trümmern reibt
oder fest zudrückt, zerbröselt er manchmal in der Hand. Der Meeressand, der meistens für den Beton verwendet wurde, ist salzhaltig
und hat den Baustahl im Beton angegriffen.
Sie haben bis vor kurzem in Haiti die Caritas international - Hilfe für den Wiederaufbau des Altenheims Asyl de Saint Vincent
geleitet. Was sind dort die Hauptprobleme?
In dem Heim haben 144 Menschen gelebt, von denen zwölf beim Erdbeben umgekommen sind. Die meisten der Überlebenden sind alte
Menschen, die mittlerweile unter einem provisorischen Dach leben. Nach der Katastrophe waren sie zunächst notdürftig in kleinen
Zelten untergebracht, was für sie eine echte Qual war - zwei alte Menschen haben diese Strapazen nach dem Erdbeben nicht überlebt.
Bei dem Beben sind zahlreiche Gebäude des Heims eingestürzt oder stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie könnten bei
einem der häufigen Nachbeben in sich zusammenbrechen. In einem ersten Schritt konnten wir ein paar erfahrene haitianische
Handwerker beauftragen, Gebäudeteile abzutragen oder mit Seilen und Stützbalken so abzusichern, dass sie nicht mehr einsturzgefährdet
sind. Hier konnten dann jene Patienten untergebracht werden, die am dringendsten einen Schutz vor Wind und Wetter brauchten.
Danach haben wir gemeinsam mit einem lokalen Statiker jedes einzelne Gebäude begutachtet, um herauszufinden, welche überhaupt
noch zu retten sind und welche abgerissen werden müssen.
Woran erkennt man, ob Gebäude einsturzgefährdet sind?
Wenn so viele Gebäude gleichzeitig begutachtet werden müssen, geht man in zwei Arbeitsschritten vor: Zunächst werden alle
öffentlichen Gebäude nach einen einheitlichen Verfahren oberflächlich begutachtet. Oberflächlich heißt: ein Baufachmann schaut
sich das Gebäude an, prüft die Schäden der einzelnen Bauteile und teilt die Gebäude in drei Kategorien ein: Kein wesentlicher
Schaden: kann genutzt werden; beschädigt: weitere Untersuchungen sind erforderlich; stark beschädigt oder teilweise eingestürzt:
Abbruch erforderlich.
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| Foto: Claus Hemker, Caritas interntional |
In einem zweiten Arbeitsschritt werden dann die konstruktiven Elemente eines Gebäudes, also das Fundament, die Stützen oder
tragende Wände, Balken und Dächer genauer untersucht. Das ist nicht ganz einfach, da häufig kleine Risse an der falschen Stelle
auf einen größeren Schaden hinweisen, als deutliche Kreuzrisse in nichttragenden Wänden. Das muss man dem Fachmann überlassen,
der erst die Konstruktion des Gebäudes analysiert und danach den Schaden einzelner Elemente beurteilt. Ganz wichtig ist auch
die Standortfrage: Wenn schlechter Baugrund oder eine gefährliche Hanglage die Hauptursache für einen größeren Schaden sind,
ist die Gefahr des Einsturzes bei einem Nachbeben besonders groß - und eine Sanierung des Gebäudes meist nicht möglich.
Anbieter von Fertighäusern oder Systembauten preisen ja immer wieder erdbebensichere Häuser an. Sind diese Häuser eine Option
für den Wiederaufbau in Haiti?
Dazu gibt es zwei Dinge zu bedenken: Zum einen ist Caritas international bemüht, und damit entsprechen wir auch dem Verhaltenskodex
der Humanitären Hilfe, dass möglichst viel Geld in den lokalen Markt geht, um verlorene Arbeitsplätze zu sichern und um die
lokalen Wirtschaftskreisläufe zu stärken. Das wäre hier nicht gegeben.
Ein zweiter Aspekt ist die Frage der kulturellen Angepasstheit solcher industrieller Produkte. Die Erdbebensicherheit ist
bei der Entscheidung nach Bauart und Hausform nur ein Kriterium. Sicher ein wichtiges, aber lange nicht das einzige. Um sinnvolle
Arbeit zu leisten, müssen wir die wirtschaftliche Zukunft und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Menschen in Haiti
mit bedenken.
Und wie sehen Sie die Zukunft des Wiederaufbaus?
Da ist noch viel zu tun. Jeden Tag tauchen neue Probleme auf. Wo kann man den Schutt aus den zerstörten Häusern abladen? Wie
kann man überhaupt den Abtransport organisieren? Alleine schon eine geeignete Zufahrt auf dem Gelände des Altenheims zu finden,
ist eine echte Herausforderung. Aber da muss man eben mit langsamen Schritten voran gehen. Wir dürfen auch die traumatischen
Erfahrungen der Menschen in Haiti nicht vergessen, und dass vieles in Haiti seine Zeit braucht. Wer dort nachhaltig Wiederaufbau
betreiben will, muss sich gedulden, mit anderen Akteuren abstimmen und vor allem den Menschen helfen, ihr Leben möglichst
bald wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Da ist weit mehr gefragt als nur Ingenieurwissen.
März 2010




