Mittelamerika  

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Haiti: Die Hilfen von Caritas international nach dem schweren Erdbeben

100 Tage nach dem Beben: Tagebuch aus Haiti von Christine Decker, Caritas international

Léogâne, 30. April 2010. Christine DeckerDie Fahrt geht heute nach Léogâne. Auf der Landkarte liegt Léogâne etwa 40 Kilometer von Port-au-Prince entfernt. Wir fahren um acht Uhr morgens los und brauchen für diese Strecke anderthalb Stunden. Auch für jemanden, der schon in vielen Krisengebieten unterwegs war, bietet sich ein Bild des Grauens. Dieses Grauen hat viele Gesichter: Es sind die unendlichen Berge von Schutt und Müll, die sich an den Straßenrändern türmen. Kilometerlang haben die Menschen den Schutt der durch das Erdbeben vom 12. Januar zerstörten Häuser als Mittelstreifen auf der Straße aufgehäuft. Aus diesem Schutt lugen hier und da die Reste ihrer Habseligkeiten hervor – ein Schuh, ein zerrissenes Hemd, Stuhlbeine. Es ist der Müll. Es sind die Straßen der Kloaken, die sich wie offene Wunden durch die Elendsquartiere ziehen. Es sind die mit Zelten und Zeltplanen durchsetzten Armenviertel, die sich endlos hinziehen bis kurz vor Léogâne. Und es sind die Menschen, die sich mit teilnahmslosen Gesichtern durch diese Hölle bewegen.

Im Stadion von Léogâne stützt und drängt sich ein Hüttchen neben dem anderen, zusammen gezimmert aus Holz, Wellblech, Kartonagen und Zeltplanen. Hier haben schätzungsweise 5000 Erdbebenopfer eine neue, menschenunwürdige Bleibe gefunden. Das Erdbeben hat die Stadt zu 80 bis 90 Prozent zerstört. Es sind die Existenzen von Zehntausenden Menschen, die hier in den Schuttbergen begraben liegen. Wir erreichen das Asile St. Vincent de Paul. Das Erdbeben hat einige der Gebäude des Heims zerstört. Zwölf Menschen fanden hier den Tod. Das Heim gleicht einer kleinen grünen Insel für Menschen, für die es schon vor dem Erdbeben im Januar keinen Platz gab: Altersverwirrte Frauen und Männer, die vergessen haben wie sie heißen und woher sie kommen, Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung, Sterbende.

Eines der wenigen Gebäude, die das Erdbeben unbeschadet überstanden haben, dient in diesen Tagen Caritas international, dem Hilfswerk der deutschen Caritas, als Lagerhaus. Schwester Claudette, die Leiterin des Heimes, hat das Haus zur sicheren Zwischenlagerung von Hilfsgütern zur Verfügung gestellt. Hier warten noch ein paar Dutzend Zelte und Zeltplanen darauf, in den nächsten Tagen verteilt zu werden. Sie sind für diejenigen reserviert, die sich bis jetzt nicht aus eigener Kraft helfen konnten.

Einige Kilometer weiter, in dem Örtchen Dufort, haben junge Freiwillige in den vergangenen Tagen geholfen, siebzig Zelte zu verteilen. Jetzt müssen diese noch aufgebaut werden. Wir begleiten die jungen Männer zu Fuß. Selbst mit dem Geländewagen wäre hier kaum ein Durchkommen. Der Weg führt steinig und im Zickzack zwischen den Häuschen der hier lebenden Bauern entlang. Schon vor dem Erdbeben haben sie von der Hand in den Mund gelebt. In den kleinen Hütten und Häuschen leben meist drei bis vier Generationen unter einem Dach. Es gibt keine Privatsphäre, kein fließendes Wasser, keinen Anschluss an die Elektrizitätsversorgung.

Als wir sie um die Mittagszeit treffen, haben Constantin, Benoit und ihre acht Freunde bereits sechs Stunden gearbeitet und zehn Familienzelte aufgebaut. Jedes Zelt hat eine Grundfläche von etwa 16 Quadratmetern. Eigentlich wollen sie zwanzig Zelte am Tag schaffen. Aber oft reicht der Platz neben den eingestürzten Hütten nicht aus, um die Leinen zu spannen. Dann ist Einfallsreichtum gefragt. Die Zelte sollen ihren neuen Besitzern Schutz in der Nacht bieten. Für die meisten von ihnen sind sie ein echter Luxus im Vergleich zu dem, was sie bisher bewohnten. Da ist der geistig und körperlich behinderte 15-jährige Junge, der in Begleitung seiner Tante kommt. Seine Mutter schämt sich für ihn und will sich nicht mit ihm zusammen zeigen. Da ist die Familie, die mit vier Generationen in einem winzigen Häuschen lebt. Bei dem Erdbeben stürzte es wie ein Kartenhäuschen in sich zusammen. Die 80-jährige Großmutter wurde von den einstürzenden Wänden getroffen. Der Schock war so groß, dass sie einen Schlaganfall erlitt. Seit dem 12. Januar liegt sie regungslos auf einer Matte. Ihr Blick schweift ins Leere. Ihr Enkel oder Urenkel ist Mitte zwanzig und hat bereits vier Kinder. Die beiden jüngsten, die zweijährigen Zwillinge Ruth und Michda sprechen kein Wort. Sie haben Entwicklungsstörungen durch einen Mangel an Förderung und Zuwendung.

Hoffnungsträger in diesem Elend sind die jungen Freiwilligen. Sie sind alle in Dufort aufgewachsen und studierten in Port-au-Prince Informatik, Telekommunikation, Ingenieurswesen. Im Juli 2009 gründeten sie einen kleinen Verein mit dem Ziel, sich für die soziale Entwicklung in ihrem Heimatort einzusetzen. Sie träumten davon, Perspektiven für sich dort zu schaffen, wo sie aufgewachsen sind, ihre Freunde und Familien haben. Das Erdbeben hat diese Träume für lange Zeit zunichte gemacht. Auch ihr Studium mussten alle von ihnen unterbrechen. Aber sie lassen sich nicht entmutigen. „Wissen sie, ob es in Deutschland Organisationen gibt, die uns Stipendien gewähren würden, damit wir unser Studium hier in Haiti beenden können“, fragt Benoit mit hoffnungsvollem Blick. Gleich darauf zieht er wieder die Liste hervor, auf der er die neuen Zeltbesitzerinnen und Besitzer erfasst hat. Jeder muss den Empfang bestätigen. Die Unterschrift ist in vielen Fällen nur ein Fingerabdruck. Eines ist für die zehn Freunde klar. An ihrer Vision für ein menschenwürdigeres Leben in ihrem Heimatdorf halten sie fest. Als nächstes wollen sie ihr erstes soziales Projekt ausarbeiten. Und vielleicht hilft ihnen Caritas international dabei, es auch umzusetzen.

Zeltstadt in Léogâne
Jeder freie Quadratmeter ist belegt. So wie hier, im Stadion von Léogâne, wo 5.000 Menschen Zuflucht gesucht haben
Foto: Christine Decker, Caritas international



 

Port-au-Prince, 28. April 2010.  Nach mehr als zehn Stunden Flug und mehreren Zwischenstopps haben wir am Montag Nachmittag Port-au-Prince erreicht. Schon aus der Vogelperspektive sehen wir die unzähligen Zeltplanen und Zelte, die sich blau, weiß und rot von der grauen Steinwüste der Stadt abheben. Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 hat das Stadtbild wenigstens von oben betrachtet verändert und auf makabere Weise bunter gemacht.

Wenig später tauchen wir mit dem Auto in das Verkehrschaos von Port-au-Prince ein. Das Leben geht weiter. Fliegende Händler verkaufen ihre Waren am Straßenrand. Autos und Lastwagen aller Alters- und Bauklassen fordern hupend ihren Weg durch Straßen voller Schlaglöcher. Überall stehen in den Häuserlücken und zwischen den Trümmern kleine und große Zelte, provisorische Zelte aus Planen. Unzählige Menschen haben in diesen Trümmerhaufen ihr Grab gefunden. Gräber, die jetzt von Planierraupen hin und hergeschoben werden und auf denen die Fundamente für den Wiederaufbau gelegt werden.

„Hier zu leben und zu arbeiten, ist extrem schwierig“, erklärt Mauro Ansaldi, der seit drei Monaten die Erdbebenhilfe der weltweiten Caritas hier in Port-au-Prince koordiniert. „Trotz der großen Präsenz internationaler Hilfsorganisationen, der UN-Organisationen und der amerikanischen Streitkräfte gelingt es kaum, die Hilfe zu den Menschen zu bringen, die sie am dringendsten benötigen.“ Noch immer gäbe es in den „informal settlements“, den übers ganze Stadtgebiet verteilten Behausungen der Ärmsten, Menschen, die nicht mal eine Zeltplane als Schutz und Hilfe erhalten hätten, erzählt Ansaldi.

Die Gründe sind vielschichtig. Das schwere Erdbeben vom 12. Januar 2010 hat mit Haiti ein Land getroffen, dessen Bewohner schon vorher in extremer Armut lebten. Die Menschen sind gezeichnet von den Erfahrungen der Entbehrung. Mehr als die Hälfte der Haitianer können nicht lesen und schreiben. Der Staat, Regierung und Behörden waren schon vor dem Erdbeben schwach. Haiti steht weit oben auf der Liste der korruptesten Länder weltweit. Es herrscht das Recht des Stärkeren.

„Vor diesem Hintergrund ist auch die Hilfe der Caritas nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Mauro Ansaldi. Das Soforthilfeprojekt der weltweiten Caritas mit einem Volumen von über 10 Millionen Euro wird in diesen Tagen abgeschlossen. „Wir haben damit 1,5 Millionen Menschen erreicht“, erklärt der Caritas-Mann. „Und wenn ich sage erreicht, dann meine ich, wir haben Hilfsgüter verteilt – Zelte, Zeltplanen, Trinkwasser und vieles mehr wie Seife, Wasserkanister, Medikamente…“

Doch das Ausmaß der Katastrophe aber sei so ungeheuer groß, so Ansaldi, dass trotz aller gemeinsamen Anstrengungen der vergangenen Wochen und Monate die sichtbaren Erfolge ausbleiben. „Und wenn ich bloß an den Wiederaufbau denke“, sagt Mauro Ansaldi mit heftiger Stimme. „In Port-au-Prince gibt es kein Bauland!“ Es gibt einfach keinen Platz, wo die Menschen, die jetzt hier auf jedem freien Quadratmeter kampieren, sich ein würdiges neues Dach über dem Kopf schaffen könnten.

Aber Ansaldi ist nicht der Mann, sich von diesen Realitäten entmutigen zu lassen. Die weltweite Caritas-Familie habe diese Herausforderung angenommen und würde sich ihr weiterhin stellen. Denn was am Ende zähle, sei doch nur der Einzelne, die Mutter mit ihren Kindern, die in all dem Elend eine Geste der Nächstenliebe erfahre.