Haiti: Obdachlos und ohnmächtig
Sechs Monate nach dem Erdbeben
Haiti, 12. Juli 2010, von Dr. Joost Butenop
Ein halbes Jahr ist vergangen, seit Haiti von dem dramatischen Jahrhundert-Erdbeben heimgesucht wurde. Der Caritas-Arzt Joost
Butenop, bereits zweimal direkt nach dem Erdbeben vor Ort im Einsatz, schreibt seine aktuellen Eindrücke ein halbes Jahr nach
der Katastrophe.
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| Zelte in Port-au-Prince |
| Foto: Joost Butenop |
Noch immer prägt die enorme Zerstörung das Stadtbild der Hauptstadt Port-au-Prince. Fast ein Drittel ihrer Bewohner – ca.
700.000 Menschen - sind seit sechs Monaten obdachlos, die Situation in den improvisierten Vertriebenenlagern ist vielerorts
desolat. Sie ist nun bereits zur traurigen Normalität für viele Menschen geworden. Zwar sind ausreichend Notunterkünfte, Nahrungsmittel
und Wasser vorhanden und die größeren Lager vergleichsweise gut organisiert. Ein Leben in Würde und Selbstentscheidung ist
zurzeit und vermutlich auf absehbare Zeit für viele Menschen nicht möglich. Auch die Regenzeit ist nun vorbei, zum Glück kam
es bisher zu keinen der befürchteten Epidemien. Der Regen hat aber die Lebensbedingungen vor allem in den Lagern auf eine
harte Probe gestellt. Die anfangs verteilten Plastikplanen und Zelte bieten durch die tropische Witterung nicht mehr lange
ausreichend Schutz und Unterkunft für die Obdachlosen des Bebens, eine dauerhafte Lösung ist für die Menschen in den Lagern
noch nicht in Sicht.
Leogane, eine Stadt der Größe Würzburgs und dem Epizentrum am nächsten, wurde zu 80 Prozent zerstört. Erst jetzt wird das
wahre Ausmaß der Zerstörungen hier wirklich sichtbar. Häuser, die dem Erdbeben vermeintlich standgehalten haben, werden nun
abgerissen, da sie in ihrer Statik nicht mehr reparabel waren. Bauingenieure haben jedes Haus der Stadt inspiziert und mit
einer Farbkodierung versehen. Ein rotes Kreuz bedeutet Abriss, ein gelber Kreis steht für Reparaturbedarf und ein grüner Haken
gibt das wichtige „ok“; diese Häuser sind nicht beschädigt und können ohne Gefahr wieder bewohnt werden.
Gesundheit ist wichtig für den Wiederaufbau
Der Gesundheitsposten der Caritas international in Leogane bekam den wichtigen grünen Haken. Als einzige Gesundheitseinrichtung der ganzen Stadt hat das Gebäude das Erdbeben überstanden. Selbst das große Distriktkrankenhaus Hopital St. Croix ist beschädigt worden und noch nicht wieder in Betrieb.
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| Gesundheitsstation in Léogane |
| Foto: Joost Butenop |
Seit dem Beben vor sechs Monaten hat das Caritas Team über 6.500 Menschen in den zwei Gesundheitsposten in Leogane behandelt.
Direkt nach dem Beben stand die Versorgung der teils schweren Verletzungen und Wunden im Vordergrund. Dr. Valerie Chadic,
Medizinische Koordinatorin der Caritas in Leogane und seit Anfang an dabei, beobachtet eine Veränderung im Krankheitsspektrum
seit der Katastrophe. Die häufigsten Erkrankungen sind derzeit Durchfälle, Atemwegsinfektionen, Hautinfektionen wie die Krätze,
und Malaria. Viele dieser Krankheitsbilder weisen auch darauf hin, dass die Lebensbedingungen der Menschen in den Lagern von
Leogane suboptimal sind. Hygienische Standards sind teils schlecht und verursachen Durchfälle und Hautinfektionen. Die Lebenbedingungen
in Zelten und unter Planen sowie der mangelnde Schutz vor Mücken, Feuchtigkeit und Sonne tragen ihren Teil bei. Vereinzelt
werden Typhusfälle berichtet. Dr. Chadic beobachtet auch eine Zunahme der unterernährten Kinder. Dies ist ein weiteres Indiz
für die schwierige Lage der Obdachlosen des Erdbebens.
Die beiden Gesundheitsposten der Caritas tragen durch die Behandlung von Patienten maßgeblich dazu bei, die Situation der
Menschen in Leogane zu verbessern. Ein Team von Gesundheitsarbeitern ist auch im Umkreis des Zentrums unterwegs um vor allem
in den Lagern Gesundheitsunterricht anzubieten sowie Seife und Moskitonetze zu verteilen. Dieser umfangreiche Ansatz zu Verbesserung
der allgemeinen Gesundheitssituation der betroffenen Menschen und zur Vorbeugung von Erkrankungen wird von der Caritas konsequent
verfolgt.
Der Blick geht nach vorn
Nachdem nun die erste Phase der akuten Nothilfe abgeschlossen ist, beginnt die Planung für den nachhaltigen Wiederaufbau. Angesichts des Ausmaßes fällt es noch immer schwer, die Prioritäten zu erkennen und „einfach“ anzufangen. Es gilt, so vieles gleichzeitig anzugehen. Ein Arbeitsschwerpunkt für Caritas international ist zunächst die weitere Unterstützung des einen Gesundheitspostens „Marie Jean“ im zentral gelegenen Stadtteil Ca-Ira. Er soll nun gemeinsam mit dem Partner Caritas Haiti zu einem Gesundheitszentrum ausgebaut werden. Der zweite Posten, bestehend aus zwei Zelten auf dem Grund der lokalen Pfarrei, ist inzwischen geschlossen worden, Personal und Patienten wechseln in das neu entstehende Gesundheitszentrum. Die Projektarbeit von Caritas international in Leogane ist jedoch umfangreicher.
Wiederaufbau im Pflegeheim Asyl St. Vincent de Paul
Schwester Claudette, Oberin des Alten- und Waisenheims St. Vincent de Paul, steht am Zaun der improvisiert aufgebauten Schulgebäude und beobachtet die Kinder beim Spielen in der großen Pause. Das Lachen der Kinder ist Balsam für die Seele der Schwester. Auch sie hat wieder das Lachen gelernt.
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| Schwester Claudette |
| Foto: Joost Butenop |
In diesem Schwerpunktprojekt der Caritas in Leogane sind fast alle Gebäude auf dem Gelände der Ordensgemeinschaft „Compagnons
de Jesus“ zerstört worden. Die improvisierten Schulgebäude aus Spanplatten erlauben, die Ausbildung der 300 Vor- und Grundschulkinder
wieder aufzunehmen. Schwester Claudette kennt jedes Kind mit Namen und weiß vom Schicksal aller deren Familien. Neben der
Schule bildet das Alten- und Pflegeheim das Herzstück der Arbeit der Ordensgemeinschaft. 118 alte Menschen und behinderte
Kinder sind hier untergebracht. Fast alle überlebten das Erdbeben unbeschadet, jedoch sind viele der Alten pflegebedürftig.
Die von der Caritas schnell rehabilitierten Pflegestationen brachten Schutz vor dem Regen und der Hitze und erlauben zunächst
ein menschenwürdiges Leben. Der Wideraufbau der Gebäude für die Bewohner ist geplant, die Baumaßnahmen haben begonnen.
Viel ist erreicht in den vergangenen sechs Monaten, und viel ist noch zu tun. Unter den Bedingungen vor Ort ist ein zügiges
Vorankommen der Hilfsprojekte immer wieder großen Herausforderungen ausgesetzt. Noch immer ist unser Partner Caritas Haiti
geschwächt durch die Eindrücke und personellen Verluste des Erdbebens, noch immer sind die Regierung und die Vereinten Nationen
nicht voll handlungsfähig. Im November stehen landesweit Wahlen an, deren Ausgang ungewiss ist. Caritas international wird
die Partner in dieser schwierigen Wiederaufbauphase auch langfristig begleiten und unterstützen.
von Joost Butenop, Haiti, Juli 2010




