Flutkatastrophe in Pakistan
Gewaltige Versorgungsprobleme nach dem Ernteausfall
Der Katastrophenhelfer von Caritas international, Frank Falkenburg, in einem Interview zu den Fortschritten in der Nothilfe für die Flutopfer in Pakistan.
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| Frank Falkenburg |
Caritas international: In den meisten Gebieten Pakistans sind die Wassermassen nun abgeflossen. Wie ist das Ausmaß der Zerstörungen?
Frank Falkenburg: Gewaltig. Vor allem im Süden des Landes sind noch immer weite Gebiete überflutet. Aufgrund des lehmigen Untergrunds und erneuter Regenfälle können die Wassermassen kaum abfließen und müssen langsam verdunsten. 1,9 Millionen Familien haben ihre Häuser verloren, insgesamt sind mehr als 12 Millionen Menschen auf externe Hilfe angewiesen. Laut Schätzungen gibt es eine Milliarde Dollar Schäden durch Ernteausfälle – das zeigt, wie groß das Versorgungsproblem werden kann. Auch viele Schulen und Gesundheitseinrichtungen sind zerstört.
Bei diesen Dimensionen fällt der Anfang sicherlich schwer. Wo setzt Caritas international an?
Zunächst haben wir gemeinsam mit unseren lokalen Partnern akute Nothilfe geleistet, es werden Lebensmittel, Hygieneartikeln und Dinge für den Haushaltsbedarf verteilt. Zudem erhalten die Menschen Notunterkünfte in Form von Zelten und einfachen Hütten mit Bambusgerüsten. Wir leisten medizinische Nothilfe, denn viele Menschen haben keinen Zugang zu Krankenhäusern und Gesundheitsstationen. Wir müssen oftmals improvisieren und in mobilen Stationen arbeiten. Viele Menschen leiden unter Haut- und Atemwegserkrankungen wegen der Hitze, der Feuchtigkeit und der Insekten. Auch Durchfallerkrankungen und mangelnde Ernährung sind nach wie vor häufig anzutreffen - vor allem bei Kleinkindern. Parallel zu dieser Nothilfe beginnen unsere Partner mit den Planungen für den Wiederaufbau.
Wo soll der Wiederaufbau beginnen?
Wir kooperieren mit verschiedenen Partnern im ganzen Land. Im Norden planen wir zusammen mit pakistanischen Organisationen und mit der niederländischen Caritas den Wiederaufbau bzw. den Bau von Kliniken und Gesundheitszentren. Außerdem helfen wir beim Wiederaufbau von Unterkünften für afghanische Flüchtlinge, die schon sehr lange in Pakistan leben, aber als Ausländer keine Hilfen vom pakistanischen Staat erhalten. Im Süden sind die Planungen noch nicht so weit, weil es dort noch darum geht, das Ausmaß der Zerstörungen zu prüfen und dann den Hilfebedarf zu ermessen. Voraussichtlich wird es auch hier um den Wiederaufbau von Häusern und Infrastruktur, aber auch um Hilfen für die Landwirtschaft gehen. Spätestens im November beginnt die Zeit der Aussaat, und hier werden die betroffenen Familien Unterstützung erhalten. Außerdem hat ein Großteil der Bauern sein Vieh verloren, dies stellt oftmals den einzigen Besitz der Familien dar.
Die Caritas hat den Anspruch, nachhaltig zu helfen. Nach einem Erdbeben achtet man vor allem auf erdbebensicheres Bauen. Was aber kann man als Vorsorge tun, um gegen solche Fluten wie in Pakistan besser gewappnet zu sein?
Katastrophenvorsorge ist keine rein technische Angelegenheit, solche Wassermassen sind nicht allein durch Dämme zu stoppen. Ein funktionierendes Warnsystem ist wichtig, damit sich die Menschen rechtzeitig in Sicherheit bringen können. So sind in Pakistan zwar erste Warnungen bereits am 20. Juli ausgesprochen worden, sie sind aber nicht ernst genug genommen worden. Man hat die Dimension der Regenfälle unterschätzt. Andererseits wissen sich viele Menschen in der Region zu helfen, weil Überschwemmungen kleineren Ausmaßes häufig sind. Beim Wiederaufbau kommt es dann darauf an, stabiler zu bauen. Denn in vielen Orten stehen noch die solide errichteten Gebäude wie Moscheen oder Schulen, während einfache Lehmhäuser komplett fort gespült wurden.
Wie werden Sie als Mitarbeiter einer christlichen Organisation in einem vorwiegend muslimischen Land akzeptiert?
Sehr gut. Sicherlich ist es für die Kollegen muslimischer Hilfsorganisationen manchmal einfacher, einen Zugang zu den Menschen zu finden. Aber als Helfer werden wir freudig begrüßt, nicht selten sogar mit kleinen Zeremonien, um den Dank auszudrücken. Es ist wichtig zu zeigen, dass wir unabhängig von Religions- oder ethnischer Zugehörigkeit jedem helfen, der Hilfe bedarf. Vielleicht kann dies alles auch dazu beitragen, dass das Verständnis füreinander wächst. So kooperieren wir auch mit Organisationen, die Friedensarbeit leisten und Muslime, Hindus und Christen in so genannten Friedensdörfern zusammen bringen.
Immer wieder ist in den Medien von großen Sicherheitsproblemen in Pakistan die Rede. Wie ist die Lage vor Ort?
In Islamabad ist es für uns als ausländische Hilfskräfte weitgehend sicher. Niemand kann 100prozentige Sicherheit garantieren, aber es gibt zurzeit keine Anzeichen für eine außergewöhnliche Gefährdung. Anders sieht es außerhalb der Hauptstadt aus. Im Norden des Landes gerade im Bereich der Stammesgebiete bewegen wir uns möglichst unauffällig, meiden die Nähe zu Militär und Polizei, nutzen unauffällige Fahrzeuge. Wir wollen zeigen: Hier sind zivile und neutrale Helfer unterwegs. Im Süden dagegen ist oftmals eine polizeiliche Begleitung vorgeschrieben. Das hilft zwar beim Verteilen der Hilfsgüter, macht aber das Agieren im Hintergrund schwieriger. Insgesamt sind die Gefahren allerdings überschaubar, man muss die Grundregeln beachten und etwa Hinweise und Warnungen der lokalen Bevölkerung ernst nehmen.
Wie geht es nun weiter?
Wir planen zurzeit im Krisenstab von Caritas international in Freiburg die vordringlichen Hilfen und die Projekte zum Wiederaufbau. Unmittelbar danach werde ich wieder nach Pakistan reisen, um die Arbeit fortzusetzen. Es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns.
28. September 2010


