Asien  

Spende

Pakistan: Die Hilfen von Caritas international nach den schweren Überschwemmungen

Tagebuch aus Pakistan von Caritas-Mitarbeiter Øle Schmidt

Öle Schmidt
Øle Schmidt
Foto: Daniel Schmitt

SONNTAG, 12. September


Inshalla – So Gott will!

"Was macht Michael Ballacks Verletzung? Oder sprechen alle nur noch über Thomas Müller?" Der Arzt Naveed Muhammad ist gut gelaunt. Und gut informiert über den deutschen Fußball. Entschlossen streckt er mir seine Hand entgegen. In der Basisgesundheitsstation der Caritas herrscht unterdessen dichtes Gedränge. Frauen und Kinder warten auf die Behandlung bei dem 28-jährigen Arzt, dem es sichtlich Freude bereitet, anderen zu helfen. Nur ich kann mich noch immer nicht an den Anblick von Frauen gewöhnen, die unter einer Burka gefangen sind.

Mit meinem Kollegen Frank Falkenburg und Ayesha Shaukat von unserem pakistanischen Partner ICMC bin ich in Utmanzai, im Distrikt Charsadda. Hier leben etwa 270 afghanische Familien, die in den achtziger Jahren vor den sowjetischen Invasionstruppen geflohen sind. Sie leben unter einfachsten Bedingungen, die meisten von ihnen in selbstgebauten Lehmhütten. Bis auch hier die Flut kam und alles verschlang.

Als die Dorfbewohner uns herumführen, bietet sich uns ein Bild der Verwüstung. Die zerstörten Fundamente der wenigen Steinhäuser erinnern an offene Knochenbrüche, Bäume und Masten sind umgeknickt, Möbel zerstört. Überall verstreut liegt unbrauchbare Kleidung, vom Wasser wieder freigegeben. Allein die Kinder können dem neuen Leben etwas Positives abgewinnen, bis ihre Schule wieder aufgebaut ist, nutzen sie die Ruinen als Abenteuerspielplatz.

Mädchen vor Gesundheitsstation
Mädchen warten vor der Gesundheitsstation
Foto: Caritas international

Hier in Utmansai hat die Flut die Ärmsten der Armen erwischt. Zwar sind die afghanischen Familien als Flüchtlinge in Pakistan geduldet, die von der Regierung angekündigte Hilfe zum Wiederaufbau allerdings werden sie nicht erhalten. Auch in ihrer früheren Heimat haben sie keine Perspektive, sie sind Gefangene zwischen den Welten. Deshalb engagiert die Caritas sich genau hier. Etwa bei der Basisgesundheitsversorgung. An sechs Tagen in der Woche sind ein Arzt, eine Krankenschwester und eine Hebamme für die Menschen da. Etwa beim Wiederaufbau. Bevor der Winter einbricht, entstehen die kleinen Übergangshäuser. Toiletten und Nasszellen sind in Planung, so wie auch ein Damm am Fluss, zum Schutz vor künftigen Überflutungen.

Ein Dorfältester mahnt uns, das Gebiet zügig zu verlassen, "zu unserer Sicherheit", wie er sagt. In den vergangenen Tagen gab es wieder Anschläge, auch in Pehawar, ganz hier in der Nähe, unweit der afghanischen Grenze.

Sicherheitspolitik heißt in diesen Tagen für uns, bei Besuchen den Überraschungseffekt zu nutzen, und wieder verschwunden zu sein, bevor es sich herumgesprochen hat, dass wir da sind. Doktor Naveed Muhammad verabschiedet uns. Ich erinnere ihn daran, dass wir uns bald wieder sehen, zur Grundsteinlegung der neuen Übergangshäuser. "Inshalla", sagt er, und schaut mich lange an – "So Gott will".

 

DIENSTAG, 7. September


Die Dorfbewohner retten sich auf den Friedhof

Am frühen Morgen kommt das Okay des Sicherheitsexperten, nach vielen Telefonaten und Mails. Trotz der schwierigen Lage können wir ein Dorf im Distrikt Nowshera besuchen, im Nordwesten Pakistans. Die lokale Hilfsorganisation NCIDE betreibt dort mit Unterstützung der Caritas das Peace Village for Flood Victims. In dieser Zeltstadt für Flutopfer leben etwa 200 Familien.

Es ging alles rasend schnell, damals, vor fünf Wochen. Der Fluss steigt innerhalb von Minuten um mehrere Meter, die Flutwelle spült die meisten der Häuser weg. Die Menschen retten sich auf den höchsten Punkt des Dorfes – den Friedhof. Welch Ironie des Schicksals.

Majida Razvi
Majida Razvi (rechts) und ihre Tochter
Foto: Caritas international

Ein Mitarbeiter von NCIDE empfängt uns mit Wasser und Saft. Weil der Fastenmonat Ramadan noch nicht beendet ist, verkneifen wir uns das Trinken. Die Sonne brennt unerbittlich auf meinen Kopf, selbst im Schatten lässt es sich kaum aushalten. Wir besuchen eine Mutter und ihre Tochter, die mit Verwandten in einem Zelt der Caritas leben – auf etwa sechs Quadratmetern. Obwohl Stoffzelte ausgegeben worden sind, ist es darin heiß und stickig. Die etwa 50 Grad lassen unseren Schweiß in Strömen rinnen, überall sind Fliegen. Majida Razvi ist Anfang sechzig, ihr Gesicht ist zerfurcht, die großen Tränensäcke machen es schwer zu erkennen, ob ihre Augen geöffnet sind. Sie erzählt mir ihre Geschichte.

Als das reißende Wasser in der Nacht kommt, nimmt es Majida Razvi alles, was sie besitzt, ein paar bescheidende Möbel und das kleine Lehmhaus. Vorher schon war ihr Leben nicht einfach. Weil sie keine feste Arbeit finden kann, ist sie auf die Unterstützung von Verwandten angewiesen. Nachdem ihr Mann sie verlässt, bettelt sie manchmal, um ihre Tochter ernähren zu können. Wie kann es jetzt weiter gehen für sie und ihre Tochter? "Ich weiß es nicht", antwortet Majida Razvi apathisch, "wir werden zurück gehen, und versuchen ein neues Haus zu bauen. Ohne die Unterstützung aus anderen Ländern werden wir es wohl nicht schaffen." Ich weiß nicht, was ich sagen soll, kenne selbst keine Antworten. Das Zelt ist gefüllt mit großer Traurigkeit.

 

SONNTAG, 5. September
Die Sicherheitslage spitzt sich zu

Als wir morgens das Hotel verlassen, sehen wir, dass es Zeit ist, eine andere, weniger prominente Unterkunft zu suchen. Vier Sicherheitsmänner bauen Barrieren um den Eingangsbereich an der Straße auf. Diese grauen Betonklötze sollen verhindern, dass eine Wagenladung mit Sprengstoff uns Gästen zu nahe kommt. Ich hole tief Luft. Unser Hotel, inmitten des belebten Jinnah Market mit westlichen Geschäften und Restaurants ist ein so genanntes High Profile Target, ein Anschlagsziel. Der unausgesprochene Pakt der nationalen Versöhnung, mit Beginn der Flutkatastrophe, ist schon wieder Geschichte, seit einer Woche wird Pakistan nun auch von einer Welle der Gewalt überzogen.

In der Achtmillionen-Metropole Lahore zünden vermutlich sunnitische Selbstmordattentäter drei Bomben in einer Schiitischen Prozession, sie reißen 27 Menschen mit in den Tod. In Peschawar wird in der Nähe einer Polizeipatrouille eine Bombe fern gezündet, ein Beamter stirbt. In einem Dorf bei Miranshah schlagen Raketen einer US-Drohne ein. Nach amerikanischen Geheimdienstangaben werden sechs islamistische Extremisten getötet. In Quetta zündet ein Selbstmordattentäter seinen Sprengsatz in einer Prozession von Schiiten. 58 Gläubige sterben. Die traurige Bilanz einer Woche in Pakistan.

Tagsüber erlebe ich die Gefahr als unwirklich, auch wenn sie subtil immer präsent ist. Meine Anspannung entlädt sich nachts, in schrägen Träumen und oberflächlichem Schlaf. An Taschenkontrollen und die Sprengstoff-Schleusen vor unserem Hotel haben wir uns nach zehn Tagen gewöhnt, morgendliche Sicherheitsbriefings sind zur Routine geworden, SMS mit neuen Anschlagsmeldungen lesen wir nebenbei. Auch wir haben uns einrichten müssen, in diesem Land, das von Armut, Naturkatastrophen und dem Terror einer verschwindend kleinen Minderheit geschunden ist.

Achim, ein deutscher Sicherheitschef von OCHA, der Organisation der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, ermahnt uns in seinem Büro, die bekannten Sicherheitsregeln unbedingt einzuhalten: große Menschenmengen zu meiden und uns von Polizei und Militärkonvois fern zu halten.

Am Nachmittag gehe ich mit meinem Caritas-Kollegen Frank Falkenburg in die Buchhandlung, wir kaufen Papier, Ordner und einen Locher. Für unser kleines Büro in Islamabad, das wir gestern bezogen haben. Das Leben in Pakistan geht weiter, so merkwürdig es sich angesichts dieses Schreckensszenarios anhört. Die Not und die Verzweifelung der Millionen Flutopfer geht weiter, so wie auch die Hilfe der Caritas und der vielen anderen Organisationen. Sie muss weiter gehen, denn sonst würde die große Mehrheit der warmherzigen und neugierigen Pakistanis dafür bestraft, dass eine verschwindend kleine Minderheit Religion mit Terrorismus verwechselt.

 

DONNERSTAG, 2. September
Besuch in einem abgelegenen Krankenhaus

Es fühlt sich seltsam an, seit drei Tagen haben wir keinen Weißen mehr gesehen. Offensichtlich haben die westlichen Hilfsorganisationen Shangla vergessen. Der Distrikt im Swat-Tal gilt als gefährlich, hier verläuft die Frontlinie zwischen den militanten Taliban und der pakistanischen Armee. Wie alle anderen um uns herum tragen wir traditionelle Kleidung, ein langes Gewand über einer weit geschnittenen Hose. So zeigen wir unseren Respekt vor der Kultur, gleichzeitig vergrößert es unsere Sicherheit.

Swattal
Von den Flutwellen in zwei Hälften gerissenes Krankenhaus im Swattal
Foto: Caritas international

Rachid, unser Fahrer, lächelt freundlich an jedem militärischen Checkpoint, nach dem fünften haben wir das einzige funktionsfähige Krankenhaus der Region erreicht. Der Arzt Joost Butenop und ich wollen uns dort ein Bild über die Versorgung machen, sehen, wie das Krankenhaus gezielt unterstützt werden kann. Schließlich ist es für die schwer Verletzten, die in den mobilen Caritas-Stationen nicht behandelt werden können, die letzte Zuflucht.

Während die zweite Klinik von der gewalttätigen Flutwelle in zwei Stücke gerissen worden ist, hat das Wasser hier nur kleine Schäden angerichtet. Der Leiter des Krankenhauses begrüßt uns. Noch nie bin ich mit soviel Dankbarkeit und Gastfreundschaft aufgenommen worden wie in Pakistan. Ich blicke in wache Augen, spüre offene Herzen. Das mediale Bild von feindselig gestimmten Moslems verblasst, wir begegnen Menschen.

Ich bin geschockt von den schlechten hygienischen Bedingungen, die Zimmer sind grau und trostlos. Nachdem wir in den vergangenen Tagen nur Männer und Kinder auf der Straße gesehen haben, sprechen wir nun mit einer Ärztin. Die Situation für Frauen und Kinder sei besonders dramatisch. Sie schiebt ihren Schleier kurz zur Seite und sagt: "Unser größtes Problem ist die Armut, die gab es auch schon vor der Flut." Viele der Menschen hier im Swat-Tal sind verzweifelt. Erst bebt im Jahr 2005 die Erde, dann marschieren die Taliban ein, jetzt kommt die mörderische Flutwelle.

Nach weiteren Fußmärschen über unwegsames Gelände bin ich erschöpft. Doch meine Müdigkeit verfliegt schnell, als mir der Arzt Ahmed Mamoon seine Geschichte erzählt. Er ist einer der unzähligen Helden der vergangenen Wochen. Nur drei Tage nach der Flut kehrt er mit anderen Mitarbeitern der Caritas-Gesundheitsstation in das Swat-Tal zurück, nach acht Stunden Fußmarsch über die Berge, da die Region von der Außenwelt abgeschnitten ist. Medikamente und Wasser transportieren sie auf Eseln. Ahmed und seine Männer treffen lange vor der Armee ein.

 

MONTAG, 30. August
Medizinische Caritas-Hilfe in Pakistans Hochgebirgsregion 

Wir passieren eine gefährlich unterspülte Brücke, Strommasten liegen auf dem schlammigen Weg, umgeknickt wie Streichhölzer. "Dies ist eine der ganz wenigen Brücken, die nicht von den Fluten weggerissen ist. Wir können uns glücklich schätzen, dass sie uns noch trägt." Ahmed Mamoon lächelt, doch beim Blick aus dem Fenster unseres Wagens wird der 35-jährige Arzt, einer unserer pakistanischen Partner hier im Norden des Landes sehr ernst, er schweigt. Die Zerstörungen im ganzen Land sind kaum in Worte zu fassen.

Butenop
Der Caritas-Arzt Joost Butenop im Gespräch mit einer Mutter
Foto: Caritas international

Gemeinsam mit dem Caritas-Arzt Joost Butenop sind wir auf dem Weg in den Distrikt Shanglah, in das Swat-Tal im Norden Pakistans. Während in einigen Gebieten Südpakistans erst jetzt die Flutwelle ankommt, ist hier das Wasser größtenteils schon wieder abgeflossen. Sichtbar wird nun die Katastrophe hinter der Katastrophe. Das Wasser hat Häuser und Felder verschlungen, Straßen und Telefonmasten zerstört. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, an einigen Stellen sieht es wie nach einem Krieg aus. Viele Menschen fangen wieder bei Null an, wobei das Leben hier schon vor der Flut sehr schwierig war.

Als selbst der schlammige Weg zu Ende ist, weil ihn die Fluten mit sich gerissen haben, müssen wir zu Fuß weiter. Nach einer Stunde Marsch erreichen wir endlich Damori. Diese letzte Gesundheitsstation im Norden Shanglas wurde schon vor der Katastrophe von der Caritas unterstützt. Jetzt ist sie für Viele die einzige Anlaufstelle, denn die Menschen hier sind von den beiden Krankenhäusern der Region abgeschnitten. Sie leben im Niemandsland, zumindest was die Gesundheitsversorgung angeht. 50 Menschen warten geduldig vor der mobilen Station, die in einer geschlossenen Schule untergebracht ist, auf eine kurze Konsultation bei dem Arzt. Dr. Umar, 26, arbeitet seit der Flutkatastrophe hier. Während er ein kleines Mädchen behandelt, klagt er über die zunehmenden Erkrankungen der Haut und der Atemwege hier in Shangla. Die Menschen seien traumatisiert, viele kämpften mit Magenschleimhautentzündungen und Depressionen. Vor mir sitzt Umer Zada. Der große, schlanke Minenarbeiter ist still, seine Augen sind leer. "Ich habe meine Frau und mein Haus verloren. Nun kümmere ich mich alleine um die drei Kinder, wir müssen bei Verwandten leben." Umer Zada macht eine lange Pause. "Was soll ich sagen, es ist eine Prüfung Gottes. Ich bin sehr traurig."


MITTWOCH, 25.08.10

Ankunft in schwülwarmem Regen
"Es darf nicht sein, dass Menschen wegen ihres Glaubens oder wegen der Politik ihrer Regierung von Hilfe ausgeschlossen werden. Schließlich liebt Gott alle Menschen!" Ohne es zu wollen, hat Kemal, unser kurdischer Taxifahrer, den Grundsatz der Caritashilfe in Krisenregionen ausgesprochen: Wichtig ist nicht, woran du glaubst, wichtig ist, was du brauchst – zum Überleben, zum Leben. Als ich bezahle, gestikuliert Kemal immer noch entschlossen. Mit dem Arzt Joost Butenop und dem Katastrophenhelfer Frank Falkenburg bin ich auf dem Weg nach Pakistan. Um zu sehen, was die Menschen derzeit am dringendsten brauchen, um weitere Hilfe auf den Weg zu bringen, um mit anzupacken bei der Verteilung von Lebensmitteln und Medikamenten, bei der Übergabe von Zelten und Hygieneartikeln. Die Hilfe der Caritas konzentriert sich in diesen Tagen vor allem auf zweierlei: Einer Hungernot vorzubeugen, und dem Ausbruch von Seuchen. Denn obwohl ein großer Teil Pakistans unter Wasser steht, wird Wasser so dringend gebraucht. Sauberes Wasser. Trinkwasser. Auf unserem Zwischenstopp in Abu Dhabi wird mein Mikrofon nach Sprengstoff untersucht, die Situation ist sehr angespannt in Pakistan.

"Herzlich Willkommen, verehrte Spender!" Die Dankbarkeit der Pakistanis für die Hilfe der internationalen Gemeinschaft erreicht uns schon vor der Passkontrolle auf dem internationalen Flughafen Benazir Bhutto – niedergeschrieben auf einem handgemalten Schild. Islamabad empfängt uns mit Regen und schwüler Hitze, obwohl es weit nach Mitternacht ist. Die Zeit drängt, es bleiben uns vier Stunden Schlaf, dann fahren wir in das Büro der internationalen Caritasfamilie, um uns mit den Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt abzustimmen, wo wir am meisten gebraucht werden.