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Die Lage in Pakistan ist noch immer dramatisch 

Interview mit Joost Butenop, Arzt und Katastrophenhelfer, über die Lage in Pakistan

3. September 2010. Der 42-jährige Experte für humanitäre Einsätze bereist seit einer Woche den Norden Pakistans, zuletzt hat er mobile Gesundheitsstationen der Caritas im Swat-Tal besucht. Butenop war bereits in Simbabwe, Burma und Haiti aktiv. Seinen ersten Nothilfeeinsatz hat er vor zehn Jahren in Afghanistan geleistet. 

Caritas international: Fast fünf Wochen nach Beginn der Flut, wie ist die Situation in Pakistan, Joost Butenop?

Dr. Joost Butenop
Dr. Joost Butenop

Joost Butenop: Die Lage ist zweigeteilt: Im Norden des Landes ist das Wasser bereits abgelaufen, hier ist das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Im Süden können die Menschen immer noch nicht in ihre Heimatregionen zurückkehren, da das Wasser nach wie vor sehr hoch steht. Eine Fläche, halb so groß wie die Bundesrepublik, ist komplett überflutet. Neue Berichte sagen allerdings, dass auch dort in einigen Gegenden das Wasser langsam abläuft. Insgesamt ist die Situation dramatisch, weil viele Dörfer ausradiert worden sind, den Menschen die Lebensgrundlage fehlt. Sie sind von fremder Hilfe abhängig, da viele keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, ihnen Geld für Lebensmittel fehlt, sie kein Dach über dem Kopf haben.

Droht eine Hungersnot im Süden, wenn das Wasser weiter steht und die nächste Aussaat verhindert?

Auch die Nahrungsmittel-Situation in Pakistan ist dramatisch. Noch werden viele Flutopfer von der Nothilfe versorgt. Wenn tatsächlich im Süden die nächste Aussaat ausfallen sollte, dann können wir dort um Weihnachten herum eine Hungersnot nicht mehr ausschließen. Im Norden ist die aktuelle Ernte von der Flut zerstört worden, dort wird es eine Nahrungsmittelknappheit geben. Wir Hilfsorganisationen müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten, ohne allerdings jetzt in Panik zu verfallen.

Auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, das gilt wohl auch für die gesundheitliche Situation vieler Menschen in Pakistan, mittlerweile sind die ersten Cholera-Fälle gemeldet.

Die Gesundheitssituation im ganzen Land ist sehr besorgniserregend. Einerseits, weil etwa die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen zerstört ist. Anderseits, weil so viele Menschen vor dem Wasser geflohen sind, und wir mit der medizinischen Nothilfe kaum hinterherkommen angesichts dieses gigantischen Ausmaßes der Katastrophe. Die Lebensbedingungen der Flutopfer sind schlecht. Wenn Wesentliches fehlt – sauberes Trinkwasser, Unterkünfte, sanitäre Einrichtungen, genug Nahrung – dann werden Menschen sehr schnell krank. Dann kann ein sehr gefährlicher Cocktail an Krankheiten entstehen. Viele Menschen klagen über Hautkrankheiten und Magenschleimhautentzündungen, landesweit werden sehr viele Durchfallerkrankungen gemeldet, darunter auch einige wenige Cholerafälle. Viele Kinder leiden unter Erkrankungen der Atemwege. Es ist große Eile geboten, dass wir als Caritas hier noch mehr helfen.

Droht der Ausbruch einer Cholera-Epidemie?

Das ist schwer vorauszusagen. Grundsätzlich besteht diese Gefahr, denn Cholera ist endemisch in Pakistan. Das heißt, jedes Jahr werden hier Cholerafälle gemeldet. Die Weltgesundheitsorganisation hat bestätigt, dass in der von der Flut betroffenen Region, im Norden wie im Süden, einzelne Cholerafälle identifiziert worden sind. Allerdings gibt es keine Häufung in einer Region, so dass es bislang keinen Anlass gibt, Alarm wegen einer Cholera-Epidemie zu schlagen.

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang Hygiene als Prävention von Krankheiten?

Hygiene hat eine ganz entscheidende Bedeutung. Wichtig sind Sanitäranlagen, Latrinen etwa, sauberes Trinkwasser, und: Gesundheitsaufklärung, um den Menschen zu zeigen, wie sie im täglichen Leben selbst Krankheiten vorbeugen können.

Viele der Flutopfer sind traumatisiert, leiden unter Depressionen und Apathie. Wie können sie Hilfe erfahren?

Ja, das stimmt. Die Caritas-Gesundheitsposten, die wir zuletzt im nördlichen Swat-Tal besucht haben, bestätigen unsere Befürchtung, dass sehr viele Menschen traumatisiert sind. Hier ist der psychosoziale Ansatz wichtig, der zwar Bestandteil der Nothilfe ist, selten jedoch in der ganz akuten Phase von Katastrophen. Hilfsorganisationen werden schon bald mit der »seelischen« Arbeit beginnen, müssen diese aber an die regionalen Gegebenheiten anpassen. Das ist eine große Herausforderung, gerade in einer solch traditionellen Gesellschaft.

Welche Hilfe ist zu diesem Zeitpunkt der Katastrophe entscheidend?

Die akute Notphase ist sicherlich noch nicht beendet, obwohl sich die Situation im Norden des Landes leicht entspannt. Es geht immer noch darum, die Grundbedürfnisse der Flutopfer zu sichern, ihnen Zelte, Trinkwasser, Nahrung, sanitäre Anlagen und eine Basisgesundheitsversorgung anzubieten. Und all das haben wir als Caritas in Zusammenarbeit mit den vielen anderen Hilfsorganisationen aus aller Welt noch nicht im benötigten Maße erreicht ­– angesichts einer solch unvorstellbaren Katastrophe auf dieser riesigen Fläche.

3. September 2010