Im Portrait

Caritas Deutschland

Beliza Espinoza

Beliza Espinoza

"Es kann jedem passieren" - das sind die Worte, die immer wieder fallen, wenn Beliza Espinoza von ihrer Arbeit in Jordanien berichtet. Mit Nachdruck wählt sie diese Worte, denn Espinoza ist bewusst: Sie beschreiben treffend die Schicksale derer, denen sie täglich begegnet. Die Kommunikations-wissenschaftlerin und Soziologin weiß, welche Wirkung Worte entfalten können und wie wichtig es ist Geschichten zu erzählen. Freilich keine erfundene, sondern die Erzählungen von Syrern, die seit Jahren auf der Flucht sind und in den provisorischen Lagern Jordaniens kein neues Zuhause gefunden haben. Es ist schwer begreifbar, was gerade in Syrien, in Jordanien und Libanon passiert. Was in den vergangenen Jahren seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 mit den Menschen geschehen ist. Wenn Espinoza bei ihrem Besuch im idyllischen Freiburg den deutschen Kollegen von ihrer Arbeit in den Flüchtlingslagern erzählt, dann versucht sie es also mit Schicksalen. Von Kindern, die viel zu früh erwachsen werden, erzählt sie. Von Frauen, die im jordanischen Exil missbraucht werden, berichtet sie. Von Jordaniern, die die unerwünschten Flüchtlinge auf der offenen Straße anschreien und demütigen.

In den Camps sind es vor allem Frauen, Alte und Kinder, die Espinoza trifft. Sie alle stehen den Geschehnissen machtlos gegenüber - ein Bombenangriff des Heimatdorfes oder das plötzliche Verschwinden des Ehemanns. Ohne Vorankündigung hat es die Flüchtlinge getroffen: "Es kann jedem passieren", wiederholt die energische Caritas Mitarbeiterin, die ursprünglich aus Peru kommt. Egal wo und egal wann.

Es ist diese Machtlosigkeit, die Espinoza  am meisten zu schaffen macht. Davor war sie in kalkulierbaren Krisengebieten unterwegs. Kalkulierbar bedeutet für die Peruanerin von der Natur gemachte Katastrophen: Seuchen, Wasserfluten, Erdbeben. Vor ihrem Einsatz im Nahen Osten hat sie sich vor allem mit der Berechenbarkeit von Naturkatastrophen beschäftigt. Wie ist es möglich, die Schäden immer wiederkehrender Überschwemmungen möglichst klein zu halten? Hier in Bolivien, Peru und Ecuador konnte die Peruanerin den Menschen erklären, warum es zu solchen Desastern kommt und wie man sich davor schützen kann.

Als die Erde auf Haiti bebte, erwartete Espinoza 2010 der erste Großeinsatz. Mit einem der ersten Caritas Teams war sie unterwegs: Keine Straßen gab es, auf denen man die Hilfsgüter transportieren konnte, aber sollte. Ihre Kollegen und sie wurden so vor ein großes logistisches Problem gestellt.  Ihr nächster Einsatz führte die Lateinamerikanerin nach Pakistan - nach der Flut waren hier 25 Millionen direkt von den Auswirkungen der Wassermassen betroffen. Zwei Jahre war die Caritas Mitarbeiterin beim Wiederaufbau involviert, bevor sie sich dazu entschied in Jordanien zu arbeiten. Gerade mal zwei Wochen lagen zwischen der Abreise aus Südasien und der Einreise in das kleine Königreich.

Die Katastrophe, der sie hier plötzlich gegenüberstand, war eine für sie völlig neue: "Sie ist menschengemacht und das tut mir am meisten weh. Wie soll ich den Frauen erklären, warum ihre Männer über Nacht wieder nach Syrien aufgebrochen sind und kämpfen? Oder vielleicht nicht mehr leben?" Die Leute sehnen sich nach einer Lösung für ihre ausweglose Situation, doch die gibt es nicht. "Es kann jedem passieren" - dieses Mal benutzt die Caritas-Mitarbeiterin die Worte, um zu betonen, dass es sich bei den Flüchtlingen um Menschen handelt. "Sie sind wie du und ich. Sie lieben ihre Heimat und wollen zurück. Sie möchte eine Zukunft für ihre Kinder haben. Und das will doch jeder, oder?"

August 2014