Haiti: Die Hilfen von Caritas international nach dem schweren Erdbeben
Warum jetzt nicht an langfristigen Perspektiven arbeiten? - Caritas unterstützt Straßenkinderzentrum
von Conor O’Loughlin - Mitarbeiter im internationalen Caritas-Netzwerk
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| Der zwölfjährige Diego im Straßenkinder-Zentrum der Caritas in Port-au-Prince |
| Foto: Caritas international |
Diego Jean ist ein Junge von zwölf Jahren. Er schaut aus zwei großen schwarzen Augen immer ein bisschen schüchtern oder ängstlich,
manchmal weicht er dem direkten Blickkontakt aus. Diegeo sieht aus wie ein Kind, das allzu jung schon allzu viel gesehen hat.
Vor zwei Jahren, als er gerade zehn war, verließ er seine Familie. Es gab da zu viel Geschrei, zu viele Schläge, zu viele
Tränen.
"Sie haben mich geschlagen", sagt er. Seine verzweifelt in Armut lebende Mutter war gewalttätig. Sein Vater war die meiste
Zeit nicht zu Hause, aber wenn er das einmal war, schlug auch seine Hand genauso fest zu.
Diego hat fünf Brüder. Er erzählt, wie sie ständig miteinander stritten und sich gegenseitig belogen. Eines Tages hatte Diego
genug. Er packte seine paar Habseligkeiten zusammen und machte sich mit seinem Freund Wendel auf, um sich zu der Schar der
Straßenkinder von Port-au-Prince zu gesellen.
Dort schlug er sich mehrere Monate durch - inmitten der stinkenden Müllhalden und dem Verkehrslärm. Geschichten wie die von
Diego gibt es in Port-au-Prince zu Tausenden. Es ist eine Stadt, in der laut Angaben der UNO 1.000 Kinder als Kuriere, Spione
und sogar Soldaten für bewaffnete Gangs arbeiten.
Glücklicherweise traf Diego auf Mitarbeiter des Lakoun Zentrums für Straßenkinder, bevor die Gangs ihn treffen konnten. Das
von Caritas unterstützte Zentrum wird von Maud Ernest Lawrence geleitet, einer sanftmütigen und freundlichen Frau, die die
Namen all "ihrer" Kinder und deren Geschichten kennt. Soweit überhaupt jemand all die Geschichten von hier kennen kann.
"Seit dem Erdbeben ist es ein täglicher Kampf, den Armen zu helfen, wenn wir selbst so wenig haben", sagt sie. "Ständig suchen
Menschen unsere Hilfe, aber wir haben nicht genug, um ihnen allen zu helfen."
Hundert Kinder schlafen jede Nacht im Zentrum, und Maud fühlt sich angesichts einer solch schweren Lage hilflos und übermannt.
Seit Januar kommen mehr und mehr Kinder an die Pforten des Zentrums und drängeln, um einen Platz zum Schlafen, medizinische
Hilfe oder einfach etwas Essbares oder zu trinken zu bekommen. "Doch es ist freilich unmöglich, wir können nicht für die ganze
Welt ein Essen oder einen Platz haben", klagt Maud.
"Sehen Sie unsere Kinder an!", sagt sie. "Als die Erde bebte, waren sie alle draußen und spielten, wie Kinder dies ja sollten.
Gott sei Dank kam keines von ihnen um, jedenfalls keines, das sich damals gerade im Zentrum aufhielt", erklärt sie, bevor
ihr Blick trüber wird und sie an jene denkt, die zur Zeit des Bebens auf den Straßen waren und nie mehr zurückkehrten.
Mindestens sechs jener Kinder starben, andere werden noch vermisst. Maud kann nur hoffen, dass sie in ländliche Gebiete entkommen
konnten und vielleicht mit Verwandten leben, die sie aufgenommen haben. Sie hofft zumindest, dass sie sich, wo immer sie auch
sein mögen, jetzt in Sicherheit befinden.
Diego war auf der Straße, als das Erdbeben zuschlug. Das hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. "Als ich spürte, wie die
Erde unter meinen Füßen bebte, rannte ich weg", erzählt er. "Ich fiel hin, stand aber wieder auf. Eine Mauer stürzte neben
mir ein und hätte mich beinahe zerdrückt, aber ich konnte entkommen." Er erinnert sich noch stark an den Verwesungsgeruch,
der in den darauf folgenden Tagen über der Stadt hing.
Seit damals, bekennt er, hat er Angst davor, das Zentrum zu verlassen. Und er macht sich, trotz allem, was sie ihm antaten,
Sorgen um seine Eltern. Seine Mutter war öfters zum Zentrum gekommen und hatte ihn gebeten, nach Hause zurück zu kehren. Seit
dem Erdbeben aber ist sie nicht mehr aufgetaucht.
"Ich bin nicht zu ihrem Haus gegangen" flüstert er, seine Augen starr auf den Boden gerichtet. "Ich weiß nicht, ob sie noch
leben."Und er hat Angst davor zu erfahren, was mit ihnen ist. Für ihn ist, mehr als je zuvor, die Hilfe des Zentrums überlebenswichtig.
Er bekommt dort Essen, einen Schlafplatz, lernt dort lesen und schreiben – das sind all die Dinge, die ihm weder seine Familie
noch die Straße bieten konnten.
Die Sorge um die Kinder, die im Zentrum bleiben, ist jetzt das Wichtigste überhaupt. Aber sie sind arm und haben kaum Aussichten,
überhaupt auch nur den einfachsten Schulabschluss zu schaffen.
Aber Maud will nicht aufgeben. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, das Zentrum um eine Schule zu erweitern. Angesichts
des anstehenden Wiederaufbaus wäre es gut, entsprechende Ausbildungen anbieten zu können. Warum nicht Zimmermänner ausbilden?
Maud setzt die Hoffnung auf das internationale Caritas-Netzwerk, das sich vor allem für die einsetzen wird, die sich nicht
selber helfen können.
September 2010


