Medizinische Grundversorgung auch nach der großen Katastrophe
Die Caritas-Gesundheitsstationen in Léogâne
Zwei Ambulanzen hat Caritas international nach dem Erdbeben in der Stadt Léogâne aufgebaut. Nach dem medizinischen Katastropheneinsatz soll nun die längerfristige Gesundheitsversorgung gesichert werden.
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| Notunterkünfte in Léogâne |
| Foto: Alexander Bühler |
Ein Flüchtlingslager in Léogâne. Eng an eng sind hier die Hütten aus Wellblechen auf staubigen Erdstraßen aneinander gestellt.
Schmale Holzgestelle halten sie aufrecht. Manche Menschen haben nur einen Unterschlupf aus Tüchern und Decken, die der Wind
zerzaust. In den Wellblechhütten herrscht zur Mittagszeit eine schier unerträgliche Hitze, die Luft staut sich. Trotzdem hausen
hier oft fünf, sechs Menschen auf engstem Raum, stapeln ihre wenigen Habseligkeiten.
Charles Wildert, einer der Ärzte der Caritas-Gesundheitsstation im Stadtviertel ça-ira, geht durch das Lager. Er deutet auf
eine sehr dünne Frau: "Die könnte Tuberkulose haben." Er sagt es auf Spanisch, um keine Angst zu schüren. Der knapp 30-Jährige
ist - wie viele andere Ärzte auch - auf Kuba ausgebildet worden. Immer wieder hebt er das kubanische Gesundheitssystem lobend
hervor und schildert seine Frustrationen über das haitianische. Darum ist er so sehr über die Bemühungen der Caritas um die
beiden Gesundheitsstationen in Léogâne erfreut. Die Lager, sagt er, würden ihm und den anderen beiden dort hauptamtlich arbeitenden
Ärzten am meisten Sorgen machen. Denn wenn die Regenzeit erst einmal richtig eingesetzt hat, könnte es hier durch den engen
Kontakt der Menschen untereinander zu Epidemien kommen.
Ein schlichtes weißes Schild mit dem Zeichen der Caritas weist auf die Gesundheitsstation hin. Im Viertel ça-ira wohnen vor allem arme Leute, deren Glück es war, dass sie sich keine Häuser aus Beton leisten konnten. Denn die Dächer ihrer Häuschen sind so leicht, dass sie zusammen mit dem Rest der Konstruktion beim verheerenden Beben vom 12. Januar hin- und her schwankten.
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| Gesundheitsstation Ca-Ira, Gabriel Pierre und ein Helfer |
| Foto: Alexander Bühler |
Auch die Gesundheitsstation sieht von außen schlicht aus, die grün-weiße Fassade wirkt freundlich. Der 27-jährige Thomas Junio, einer der Helfer, ist begeistert: "Leute aus allen Stadtvierteln Léogânes kommen hierher, um Medikamente zu bekommen!" Auch Gabriel Pierre, die schon seit 12 Jahren bei der ehemals staatlichen Gesundheitsstation arbeitet, ist angetan. Trotz einer großen Wunde am Kopf, die sie beim Nachbeben im Februar erlitt, kommt sie jeden Tag, um anderen zu helfen - obwohl sie selbst traumatisiert ist, wie sie gesteht.
Die drei Ärzte, die hier im Turnus arbeiten, kommen dagegen aus Port-au-Prince. Jeden Tag fahren sie zwei Stunden lang hierher,
um Kranke zu behandeln - und anschließend wieder zwei Stunden zurück. Jeden Tag fahren sie durch das Gewimmel in der Hauptstadt,
sehen die Zerstörungen am Straßenrand, sehen, wie die Menschen in Zelten leben.
Immer wieder muss ihr Auto anhalten, um knietiefe Bäche voller Müll zu durchqueren. Nur wenige Meter weit ist die Sicht wegen
der Rauchwolken brennenden Mülls. Doch in Léogâne können sie nicht wohnen, denn die Stadt ist - UN-Angaben zufolge - mindestens
zu drei Vierteln zerstört. Hier fänden sie nicht mal eine Behausung.
In einem kleinen Raum behandelt Valéry Chadic Patienten. 50 - 60 Patienten kommen jeden Tag hierher, um ihre Hilfe und die ihres Kollegen in Anspruch zu nehmen. Früher arbeitete die 29jährige Ärztin im Slum-Viertel Cité de Soleil in Port-au-Prince. Dort hat sie gelernt, dass es nicht nur auf die medizinische Behandlung der Ärzte ankommt, sondern auch auf die Helfer, die eine Art ärztliche Grundausbildung erhalten haben, direkt zu den armen Leuten gehen und ihnen eine Art medizinische Erstversorgung zukommen lassen. Damit kann man noch mehr Menschen erreichen, argumentiert sie. Darum hat sie bereits die ersten Helfer ausgebildet. Doch damit begnügt sie sich nicht, am liebsten möchte sie vor dem Zentrum eine große schattenspendende Plane aufbauen, damit noch mehr Menschen kommen können und die traumatisierten Kinder dort mit psychologischer Hilfe behandelt werden können.
Was sie in der Gesundheitsstation zu sehen bekommt, sind oft die Folgen des Erdbebens. Die Menschen sind traumatisiert, sie
schlafen trotz des Regens auf der Straße oder in eilig zusammengebauten, engen Hütten. Sie leiden unter hohem Blutdruck, Parasitenbefall
und Durchfallerkrankungen wegen schmutzigem Wasser, Atemwegserkrankungen wegen des Staubs der Ruinen, Infektionen wegen des
Schlafens auf der Straße, eitrige Hautentzündungen bei Kindern wegen mangelnder Hygiene, an Diabetes, Asthma und Unterernährung.
Dazu kommen Krankheiten wie Malaria, die auf Haiti endemisch ist und an der immer Menschen leiden, weil sie in ihren Behausungen
keine Moskitonetze aufspannen können. "Diese Krankheit hat eine hohe Sterblichkeitsrate", sagt sie, "Das Gehirn fängt förmlich
an zu kochen, weil das Fieber so hoch ist." Oft kann sie das lebensrettende Medikament Chloroquin nicht mehr rechtzeitig anwenden.
Die Frauen leiden häufig unter Vaginalinfektionen, sagt sie. Meist kommen die zustande, weil die Frauen sich nur selten mit
sauberem Wasser waschen können - und weil viele sich prostituieren müssen, um zu überleben.
Früher ragte die Kathedrale von Léogâne hoch neben dem zentralen Platz der Stadt auf, Bürgermeisterei, Bank und Polizeistation
waren nur wenige Meter entfernt. Doch beim Erdbeben stürzte der ansehnliche Bau ein, und ließ nur ein Gerippe von Pfeilern
und die Holzdecke stehen. Doch selbst dieser Überrest des Kirchenschiffs musste wegen der akuten Einsturzgefahr weichen. Nun
ist dort nur noch ein riesiger Trümmerhaufen zu sehen. Und auf dem freien Platz vor der Kathedrale sind in Windeseile Notunterkünfte
entstanden – manche davon sind nur zwei Wellbleche, die zu einem Dreieck als Unterschlupf zusammengefügt wurden.
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| Patienten warten im Zelt der Gesundheitsstation |
| Foto: Alexander Bühler |
Hier ist die zweite Gesundheitsstation der Caritas zu finden, direkt neben den Resten des Pfarrhauses, in der Jean Yvenaud zusammen mit einer Krankenschwester die Patienten behandelt. Für diese Ambulanz aber stand kein intaktes Gebäude zur Verfügung. Deshalb werden große Zelte für die Visite und die Behandlung genutzt. Jean Yvenaud stellt dieselben Krankheiten wie Valéry Chadic fest - doch er sieht eine weitere Gefahr: "Viele Patienten waren schon vor dem Erdbeben wegen Tuberkulose in Behandlung", erklärt er, "doch weil die meisten Krankenhäuser und Stationen zerstört sind, haben sie ihre Therapie nicht weiter fortgesetzt." Die Konsequenz sei, dass multiresistente Formen der Krankheit entstünden und sich in den engen Lagern leicht verbreiten könnten.
Zusammen haben die Ärzte in den Caritas-Gesundheitsstationen in Léogâne mittlerweile über 1000 Patienten behandelt - und sie freuen sich, dass immer mehr kommen, denn die medizinische Versorgung ist trotz aller Bemühungen nach wie vor katastrophal - und angesichts der Regenzeit immer wichtiger. Mittlerweile kommen die Menschen aus den kilometerweit entfernten Städten Grand Goâve oder Gressier hierher, denn sie wissen, dass die Caritas sie nicht alleine lässt.
März 2010
Von Alexander Bühler



