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Afrika

Teilhabe bei Behinderung

Ägypten: Behindertenarbeit fördern

Zwei Frauen mit einem behinderten KindIm Projekt SETI finden Eltern mit ihren Kindern Rat und Hilfe
Daniela Bosch

Gemäß den offiziellen Statistiken (Central Authority for Public Mobilization and Statistics CAPMAS 2006) leben in Ägypten rund 5,7 Millionen Menschen mit Behinderung, dies entspricht rund sieben Prozent der Bevölkerung. Aktivisten gehen von mindestens acht Millionen Menschen mit Behinderung aus. Mit knapp Dreiviertel liegt der Anteil der Menschen mit geistiger Behinderung dabei sehr hoch.

Es kann davon ausgegangen werden, dass fast zwei Drittel der Menschen mit Behinderung zu den ärmeren Bevölkerungsschichten gehören und in ohnehin benachteiligten Gebieten leben. Der Zugang zu Dienstleistungen ist sehr begrenzt. Nur vier von 100 Kindern mit Behinderungen erhalten an staatliche Rehabilitationsleistungen, die oft in geringer Qualität und lediglich in städtischen Ballungszentren angeboten werden. Und nur drei von 100 Kindern mit Behinderung haben Zugang zu Bildung. Und ein noch geringerer Anteil ist in das allgemeine Schulsystem integriert.

In Ägypten prägen viele Tabus den Umgang und die Akzeptanz behinderter Menschen. Vor allem in ärmeren Bevölkerungsschichten, die kaum Zugang zu Bildung haben, gibt es gegenüber Behinderten und ihren Familien Vorbehalte. Die ägyptische Behindertenarbeit ist durch Wohltätigkeitsaktionen bestimmt, also mehr auf eine "fürsorgliche Verwahrung" ausgerichtet als auf eine größtmögliche Förderung und Integration der Behinderten.

Eine angemessene Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention kann nur durch eine Bewusstseinsänderung der relevanten Akteure gelingen. Das sind insbesondere die Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen. Förderung und Unterstützung von Menschen mit Behinderung leisten fast ausschließlich einige wenigen nichtstaatliche Organisationen.

Mangel an Fachkräften

Unter ihnen das Caritaszentrum SETI (Support Education Training for Inclusion). Seit Ende der 1980er Jahre unterstützt es geistig behinderte Kinder und ihre Familien. Als weit über die Landesgrenzen anerkanntes Institut hat arbeitet SETI viele Arbeitsbereiche: in der Ausbildung von Fachpersonal, Frühförderung, gemeinde- und familienbasierte Rehabilitation, berufliche Ausbildung, inklusive Bildung sowie Lobbyarbeit für die Rechte von Menschen mit Behinderung.

Sämtliche Angebote, die SETI entwickelt hat, richten sich sowohl an Eltern als auch an Spezialisten bzw. Betreuungspersonal im Behindertenbereich. SETI genießt einen hohen fachlichen Ruf als Lehrinstitut: Institutionen aus dem Nahen und Fernen Osten lassen ihre Fachkräfte dort aus- oder fortbilden und SETI Mitarbeitende werden für Trainings, Workshops und Evaluierungen auch außerhalb von Ägypten angefragt. 

In Ägypten arbeitet SETI mit einem gemeinwesenorientierten Ansatz, der nicht nur Fachkräfte, sondern das gesamte Umfeld der Menschen mit Behinderungen - Eltern, Verwandte, Bekannte, Lehrer etc. - einschließt. Ziel ist, dabei eine hohe Sensibilisierung für Menschen mit Behinderungen sowie deren Unterstützung und Förderung zu erreichen.  

Die Arbeit von SETI wird in Ägypten bei Fragen zu geistiger Behinderung sowohl von staatlichen als auch von nichtstaatlichen Einrichtungen zu Rate gezogen. Viele der in Ägypten gemachten Erfahrungen lassen sich mühelos auf andere Länder übertragen. Deshalb erarbeiten die Mitarbeiter/innen auch Lehrpläne für Weiterbildungen in anderen Ländern, um dort die Qualifizierung der Fachkräfte weiter voran zu bringen.

SETI: Eine lehrende und lernende Organisation

Zwei externe Evaluationen haben die Arbeit von SETI in den vergangenen drei Jahren unter die Lupe genommen - mit exzellenten Ergebnissen. So kamen die Gutachter zu dem Schluss, dass das fachliche Niveau von SETI im regionalen Vergleich überragend ist und die innovativen Ansätze eine nachweisbare sowie nachhaltige Veränderung bewirken.

Die Evaluierungen bestätigten, dass insbesondere unter Berücksichtigung der staatlichen Instabilität Ägyptens und der großen Unwahrscheinlichkeit, dass die Regierung in absehbarer Zeit ihre Verantwortung und Rolle in diesem Bereich der sozialen Arbeit zufriedenstellend ausfüllen wird, ein weiteres Engagement von Fachorganisationen wie SETI dringend angeraten ist.

Darüber hinaus stellten die Evaluatoren heraus, dass SETI die UN-Behinderten­rechtskonvention vorbildlich berücksichtigt - im Gegensatz allerdings zu Vertretern von lokalen Gemeinden, Lehrern, Ärzten und religiösen Führern, mit denen SETI bei ihrer Arbeit im Kontakt steht. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte SETI ein erweitertes Arbeitsfeld, das nunmehr stärker ländliche sowie vom Staat ebenfalls vernachlässigte städtische Armenviertel in den Fokus rückt. Verstärkt bietet SETI nun Sensibilisierungs- und Trainingsmaßnahmen für lokale Gemeindevertreter zum rechtebasierten Ansatz an.

Januar 2016