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Afrika

Chancen für Chancenlose

Kenia: Perspektiven für Frauen jenseits der Straße

Frau mit Kind auf dem Arm auf der MülldeponieViele Frauen suchen auf der Mülldeponie nach VerwertbaremMartina Backes / Caritas international

Inzwischen zählt die Provinzhauptstadt Nakuru, mitten in einer landwirtschaftlich intensiv bewirtschafteten Region gelegen, rund 700.000 Einwohner/innen. Und Nakuru wächst. Schneller, als die meisten Städte auf der Welt. Laut einer UN-Studie aus dem Jahr 2011 ist Nakuru die drittgrößte Metropole Kenias und belegt Rang vier der schnellst wachsenden Städte weltweit. Im Gebiet der Diözese Nakuru gibt es über zwei Millionen Haushalte, hier leben über zehn Millionen Menschen.

Was bedeutet das für die Stadt und für ihre Bewohner/innen? In den Randgebieten ziehen sich Siedlungen aus Wellblech langsam bis auf die Hügel - die Anzahl der aus Pappe, Blech und Plastikplanen gebauten Unterkünfte nimmt zu. Der Strom fällt oft aus, Stromanschlüsse gibt es in den Häusern am Stadtrand ohnehin eher selten. Wasser ist knapp. Immer wieder werden die Leitungen angezapft und verunreinigen das Wasser. Der städtische Müllberg Gioto wächst stündlich um einige LKW Ladungen. Die Märkte sind übervoll mit Getreidesäcken, Billigwaren, Recyclingmaterialien, Arbeitsuchenden.

In der Innenstadt am Bahnhof der Überlandtaxis stauen sich in den Nachmittagsstunden Autos, Handkarren, Motorräder, Fahrradtaxis, Schubkarren. Der Platz für die Straßenhändler/innen wird enger - die Konkurrenz härter. Viele Großhändler bleiben auf dem Weg Richtung Westen Übernacht in Nakuru. Das Barleben, die Nachtclubs und die Autowerkstätten profitieren von der Lage der Stadt als Durchgangsmetropole, die von den Chinesen mit einer vierspurigen beleuchteten Eingangsstraße ausgestattet wurde, ohne das Verkehrschaos damit in Griff zu bekommen.

Sie teilen ihr Schicksal

Viele zugezogene Familien in Nakuru sind ohne Haus und ohne Arbeit. Andere haben ihr Geschäft in den unruhigen Zeiten nach der Wahl verloren und keinen Fuß mehr in die von Inflation und Arbeitslosigkeit geprägte Ökonomie setzen können.

Eine Frau an ihrem MarktstandEhemalige Sexarbeiterin an ihrem Marktstand in NakuruMartina Backes / Caritas international

Für Alleinerziehende oder auch Frauen, deren Männer kein Geld nach Hause bringen, ist die Prostitution oft der einzige greifbare Ausweg aus der täglich erlittenen Misere des brotlosen Abendtischs. Einige verdienen ihr Geld, um die Schulgebühren oder Arztrechnungen ihrer Kinder begleichen zu können. Andere sind verschuldet oder brauche Medikamente für ihre pflegebedürftigen Eltern. Ihre Kinder lassen diese Frauen in Unkenntnis, wenn sie abends das Haus verlassen. Denn die Angst, von ihnen nicht länger respektiert zu werden, vor der Schande, die sie und ihre Kinder von Nachbarn und Freunden erleiden müssen, drängen sie zu einem Doppelleben: Nachts anschaffen, tagsüber Kinder hüten, Haushalt führen und alte oder kranke Familienmitglieder pflegen - und wenn es ihn noch gibt, den Ehemann unterhalten.

In der wirtschaftlich schwierigen Situation der Großstadt, in der die Jobs doch so greifbar nahe scheinen, wird Bildung weithin als Türöffner zu einem Leben in Würde betrachtet. Ohne Schulabschluss bleiben für viele nur die körperlich anstrengenden und oft ungesunden Tätigkeiten: Müllsammeln und -sortieren, Lastentragen, Straßenfegen, Wäschewaschen, Zementmischen - oder den eigenen Körper zu Markte tragen.

Armut macht krank

Das gesundheitliche Risiko ist bei allen diesen Arbeiten extrem hoch. Wer in der Sexarbeit tätig ist, wird ständig mit dem Risiko einer Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten und HIV konfrontiert.

Von der hohen Arbeitslosigkeit ist vor allem auch die Jugend betroffen. Rund 60 Prozent der Bevölkerung ist 15 bis 35 Jahre jung, die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen liegt bei 60 Prozent - oder darüber. Vor den letzten Wahlen 2007 wurde der Jugend Arbeit und Einkommen versprochen.

Schulabschlüsse, die viel Geld kosten, werden wertlos, wenn es anschließend keinen Job gibt. Und da sich Familien oft wegen der Schulgebühren verschulden, sehen sich die Kinder, vor allem junge Männer, anschließend in der Bringschuld. Ohne Job leidet ihr Selbstwertgefühl, viele ertragen die Schande nicht und beweisen anderweitig Stärke.

In der von sozialer Unsicherheit geprägten Atmosphäre der Stadt, die schneller wächst, als die Stadtplaner und Politiker sie mit Wasser, Strom, Gesundheitsversorgung und Bildungseinrichtungen versorgen können, haben arme und mittellose Menschen nur dann eine Chance auf ein Leben in Würde, wenn ihre Zukunft aktiv gestaltet und ihre gesellschaftliche Teilhabe nicht auf dem freien Markt entschieden wird.

Januar 2012