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Afrika

Situation

Kenia: Dürre, Wassermangel, Hunger

"Ohne Vorsorge wäre alles noch viel katastrophaler"

Volker GerdesmeierReferatsleiter Volker Gerdesmeier

Extreme Dürre plagt die Menschen in Ostafrika. Handelt es sich um eine Krise mit Ansage?

Volker Gerdesmeier: Dürren gehören zum Klima in Ostafrika. Die Menschen haben über Jahrhunderte gelernt, damit zu leben. Was wir derzeit erleben, geht jedoch über das normale Maß an Trockenheit hinaus. Wir wussten seit dem vergangenen Jahr, was auf die Menschen speziell in diesem Jahr zukommen kann. Partnerorganisationen in der Region und wir selbst haben bei Besuchen vor Ort die Anzeichen einer kommenden Krise gesehen. Entsprechend früh haben wir vor den möglichen Folgen gewarnt. Allerdings ist es in aufgeregten Zeiten schwer, mit Warnungen durchzudringen, wenn noch keine dramatischen Bilder zu sehen sind. Wir haben dann gemeinsam mit unseren Partnern Vorsorge betrieben: Indem wir zum Beispiel Zisternen und Regenrückhaltebecken gebaut haben, mit denen Wasser effizienter genutzt werden kann. Grundsätzlich beobachten wir aber zwei Entwicklungen, die solche Fortschritte teilweise zunichte machen. Zum einen nehmen die Wetterextreme in einem Maße zu, das erschwert, diesen entgegenzuwirken. Entweder es regnet so viel, dass das Wasser oft mehr Schaden anrichtet als es Nutzen bringt. Oder aber es regnet viel zu wenig, so dass nicht ausgesät werden kann, Ernten verdorren und das Vieh stirbt. Zum anderen hindern uns Krieg und politische Krisen in Ländern wie Somalia und dem Südsudan so zu helfen, wie es notwendig wäre. Wo geschossen wird, ist es sehr viel schwieriger, Brunnen zu bohren.
 
Wasser und Nahrung sind in vielen afrikanischen Ländern ein kostbares Gut - ganz besonders, seit das Klimaphänomen El Niño halb Afrika mit voller Wucht getroffen hat. Wie groß sind die Auswirkungen von El Niño auf den Klimawandel?

Ostafrika kämpft seit 2015 mit den Klimaphänomen El Nino und La Nina. Es geht dabei um Schwankungen der Meerestemperaturen, die im negativen Fall dazu führen, dass weniger Feuchtigkeit verdunstet, der Regen nicht mehr auf das afrikanische Festland getrieben wird und Niederschläge in den beiden Regenzeiten des Jahres deshalb ausbleiben. Das hat zu erheblichen Ernteausfällen in der Region geführt. Überlagert werden diese Phänomene von dem Klimatrend, dass Dürren in Afrika länger andauern und trockener ausfallen als früher. Die Bauern in Ostafrika erzählen uns überall, dass kein Verlass mehr ist auf das althergebrachte Wissen über Regen, Aussaat und Ernten. Immer wieder hören wir von ihnen: "So etwas haben wir noch nie erlebt."  Die Menschen in Ostafrika kämpfen also mit den verlängerten Dürreperioden und El Nino gleichzeitig. Selbst beste Vorsorge kann da an ihre Grenzen stoßen. Aber ohne Vorsorge, wäre alles noch viel katastrophaler.

Schuld an der Hungerkatastrophe sind zweifellos nicht nur Dürre-Perioden, sondern auch korrupte Regime und Terror-Milizen. Kann man sich also bequem zurückzulehnen und die Menschen im Teufelskreis von Gewalt und Hunger allein lassen?

Was würde das über uns aussagen, wenn wir Menschen in ihrer unverschuldeten Not nicht beistehen würden? Denn selbst in den Bürgerkriegen leidet die einfache Bevölkerung ja unter Machthabern, denen sie ausgeliefert sind. Nein, wir können die Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen, auch wenn es richtig ist, dass die Hungersnöte in einer Reihe von Fällen kein reines Naturphänomen sind, sondern von Menschen zumindest mitverursacht sind. Wir müssen die Not einfach mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen. Selbst in Bürgerkriegen sind unsere Caritas-Partner unter Lebensgefahr mit ihren Mitarbeitenden vor Ort. Sie verteilen zum Beispiel Lebensmittel und Trinkwasser oder sorgen für notdürftige Unterkünfte, wenn die Menschen vor Krieg fliehen mussten. Beendet werden müssen die Bürgerkriege allerdings auf politisch-diplomatischem Weg. Bis es so weit ist, werden wir aber auch im Krieg versuchen, den Menschen das Überleben zu sichern.

Was muss jetzt getan werden, um eine weitere Verschlechterung der Situation zu vermeiden?


Jetzt zählt vor allem die Überlebenshilfe: Wasser und Lebensmittel. Dabei dürfen wir aber nicht stehen bleiben. Ziel all unserer Hilfsprojekte in den Hungergebieten ist es, den Menschen kurzfristig durch Nothilfe das Überleben zu sichern und aber gleichzeitig langfristig die Auswirkungen solcher Hungerkrisen durch strukturelle Anpassungen zu minimieren. Beispielsweise den Zugang zu verbessertem Saatgut ermöglichen, zusätzliche Einkommensmöglichkeiten schaffen, das Wassermanagement noch effizienter gestalten. Also nicht nur jetzt das Wasser verteilen, sondern auch schon an die Handpumpen, Filter und Zisternen denken, die den Menschen ermöglichen, bei der nächsten Dürre länger ohne Hilfe von Außen zu überleben. Und schließlich, das liegt aber weitgehend jenseits unseres Einflussbereiches als Hilfsorganisation, müssen die Bürgerkriege auf politisch-diplomatischem Weg beendet werden. Wir müssen da das entschiedene Handeln aller Akteure, auch der deutschen Bundesregierung, immer wieder einfordern.

Volker Gerdesmeier ist Referatsleiter Afrika bei Caritas international. Das Interview führte die Tagespost.