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Afrika

Rechte für Kinder

Kenia: Bildung macht stark

Eine Frau mit einem Kleinkind auf dem ArmEine Seite des Leben am Stadtrand von NakuruMartina Backes / Caritas international

"Nakuru ist kosmopolitisch", meint der Koordinator der städtischen Jugendsozialarbeit in Nakuru. Auch der Leiter des Sozialprogramms der Katholischen Diözese betont dieses kosmopolitische Flair der schnell wachsenden Stadt. Und unterstreicht die Vorteile: die vielen Sprachen und die verschiedene Herkunft, das sei hier einfach normal und bringe die Menschen dazu, sich zu verstehen, zu respektieren, als Nachbarn kennen zu lernen, die sich unterstützen können.

Das war nicht immer so. Nach den letzten Wahlen in Kenia 2007 sind in weiten Teilen des Rift Valley gewaltsame Unruhen ausgebrochen. Jugendbanden haben Menschen aus ihren Häusern vertrieben, Gebäude abgefackelt, Straßensperren errichtet und getötet. Aufgrund der Siedlungsgeschichte und ungleichen Landverteilung war die Wut und Gewalt im Rift Valley besonders eklatant - vielerorts wurden Kikuyu - aber auch Menschen anderer ethnischer Zugehörigkeit - aus ihren Häusern und von den Farmen vertrieben.

In kurzer Zeit haben 2008 in Kenia 1.300 Menschen ihr Leben verloren, mindestens 250.000 waren auf der Flucht. Wenngleich auch in der Provinzhauptstadt Nakuru, mitten im Rift Valley gelegen, weithin gebrandrodet und gemordet wurde, flohen viele Kleinbauern, Händler, Ladenbesitzer und ihre Familien aus den umliegenden Dörfern und Zentren nach Nakuru. Sie suchten Schutz vor der Willkür der gewaltsamen Ausschreitungen. Die IDP-Camps, Flüchtlingslager für intern Vertriebene, wuchsen zu weißen Zeltstädten heran. Und selbst Bewohner/innen der Stadt Nakuru kamen hier unter, die Schutz vor den marodierenden Banden suchten und um ihr Leben bangten. Die Gewalt, sexuelle Übergriffe auf Frauen und (selten) auf Männer, machten vor den Lagern nicht Halt. Unzählige Menschen verloren Familienangehörige, ihre Lebensgrundlage, ihre Hoffnung auf Zukunft.

Großstadt und Stadtrandgebiete

Obwohl die Stadt Nakuru keinesfalls als sicher galt, suchten hier viele Sicherheit, Frauen, Männer, Kinder, Alte und Jugendliche. Heute sind die BewohnerInnen Nakurus oft stolz darauf, dass die Stadt nicht von einer bestimmten Gruppe, Sprache oder Politik dominiert wird. Nakuru gehört allen. Inzwischen zählt die Industriestadt, mitten in einer landwirtschaftlich intensiv bewirtschafteten Region gelegen, rund 700.000 Einwohner/innen. Und Nakuru wächst. Schneller, als die meisten Städte auf der Welt. Laut einer UN Studie aus dem Jahr 2011 ist Nakuru die drittgrößte Metropole Kenias und belegt Rang vier der schnellwachsensten Städte weltweit. Im Gebiet der Erzdiözese Nakuru gibt es über zwei Millionen Haushalte, hier leben über zehn Millionen Menschen.

Jugendliche spielen ein Brettspiel in einem heruntergekommenen RaumJugendliche vertreiben sich die Zeit - und warten auf Arbeit Martina Backes / Caritas international

Was bedeutet das für die Stadt und für ihre Bewohner/innen? In den Randgebieten ziehen sich Siedlungen aus Wellblech langsam bis auf die Hügel - die Anzahl der aus Pappe, Blech und Plastikplanen gebauten Unterkünfte nimmt zu. Der Strom fällt oft aus, Stromanschlüsse gibt es in den Häusern am Stadtrand ohnehin eher selten. Wasser ist knapp. Immer wieder werden die Leitungen angezapft und verunreinigen das Wasser. Der städtische Müllberg Gioto wächst stündlich um einige LKW Ladungen. Die Märkte sind übervoll mit Getreidesäcken, Billigwaren, Recyclingmaterialien, Arbeitsuchenden.

In der Innenstadt am Bahnhof der Überlandtaxis stauen sich in den Nachmittagsstunden Autos, Handkarren, Motorräder, Fahrradtaxis, Schubkarren. Der Platz für die Straßenhändler/innen wird enger - die Konkurrenz härter. Viele Großhändler bleiben auf dem Weg Richtung Westen Übernacht in Nakuru. Das Barleben, die Nachtclubs und die Autowerkstätten profitieren von der Lage der Stadt als Durchgangsmetropole, die von den Chinesen mit einer vierspurigen beleuchteten Eingangsstraße ausgestattet wurde, ohne das Verkehrschaos damit in Griff zu bekommen.

Sie teilen ihr Schicksal

Viele zugezogene Familien in Nakuru sind ohne Haus und ohne Arbeit. Andere haben ihr Geschäft in den unruhigen Zeiten nach der Wahl verloren und keinen Fuß mehr in die von Inflation und Arbeitslosigkeit geprägte Ökonomie setzen können. So auch Herr Mwaina, Vater von zwei Kindern, die nun auf der Straße leben, und dessen Frau den Monat nach der Wahl nicht überlebte.

Die Kinder Sarah und John gingen auf der Straße, weil es zu Hause kaum etwas zu essen gibt. Hier trafen sie andere Straßenkinder und lernen für sich zu sorgen. Während ein Teil der Straßenkinder in Nakuru nachts bei Verwandten oder Bekannten unterkommen und eine oft wechselnde Unterkunft haben, leben andere rund um die Uhr ohne Schutz vor Kälte und Nässe, oft in familienähnlichen Zusammenschlüssen und Kleingruppen. Die bieten Schutz und entwickeln gemeinsame Strategien des Überlebens. Sarah und John sind zwei von rund 5.000 Straßenkindern, die laut dem städtischen Sozialamt in Nakuru leben. Ihre Zahl war nach den gewaltsamen Ausschreitungen 2008 sprunghaft angestiegen.

Für Alleinerziehende oder auch Frauen, deren Männer kein Geld nach Hause bringen, ist die Prostitution oft der einzige greifbare Ausweg aus der täglich erlittenen Misere des brotlosen Abendtischs. Einige verdienen ihr Geld, um die Schulgebühren oder Arztrechnungen ihrer Kinder begleichen zu können. Andere sind verschuldet oder brauche Medikamente für ihre pflegebedürftigen Eltern. Ihre Kinder lassen diese Frauen in Unkenntnis, wenn sie abends das Haus verlassen. Denn die Angst, von ihnen nicht länger respektiert zu werden, vor der Schande, die sie und ihre Kinder von Nachbarn und Freunden erleiden müssen, drängen sie zu einem Doppelleben: Nachts anschaffen, tagsüber Kinder hüten, Haushalt führen und alte oder kranke Familienmitglieder pflegen - und wenn es ihn noch gibt, den Ehemann unterhalten.

In der wirtschaftlich schwierigen Situation der Großstadt, in der die Jobs doch so greifbar nahe scheinen, wird Bildung weithin als Türöffner zu einem Leben in Würde betrachtet. Ohne Schulabschluss bleiben für viele nur die körperlich anstrengenden und oft ungesunden Tätigkeiten: Müllsammeln und -sortieren, Lastentragen, Straßenfegen, Wäschewaschen, Zementmischen - oder den eigenen Körper zu Markte tragen.

Armut macht krank

Das gesundheitliche Risiko ist bei allen diesen Arbeiten extrem hoch. Auf den Müllbergen belasten giftige Dämpfe die Lungen, die Abfälle - speziell auch die aus den Krankenhäusern, Schlachthöfen oder Industrieanlagen - sorgen für Infektionen. Wer in der Sexarbeit tätig ist, wird ständig mit dem hohen Risiko einer Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten und HIV konfrontiert. Die Straßenreiniger leben im Feinstaub der Abgase schwarzrußenden Verkehrs.

Von der hohen Arbeitslosigkeit ist vor allem auch die Jugend betroffen. Rund 60 Prozent der Bevölkerung ist 15 bis 35 Jahre jung, die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen liegt bei 60 Prozent - oder darüber. Vor den letzten Wahlen 2007 wurde der Jugend Arbeit und Einkommen versprochen. Jetzt sind sie enttäuscht.Denn die nach Friedensverhandlungen in Kenia 2008 gebildete Koalitionsregierung der sich gegenseitig Wahlbetrug vorwerfenden Parteien hat diesbezüglich keine Verbesserung gebracht.

Schulabschlüsse, die viel Geld kosten, werden wertlos, wenn es anschließend keinen Job gibt. Und da sich Familien oft wegen der Schulgebühren verschulden, sehen sich die Kinder, vor allem junge Männer, anschließend in der Bringschuld. Ohne Job leidet ihr Selbstwertgefühl, viele ertragen die Schande nicht und beweisen sich anderweitig Stärke.

So steht der kosmopolitische Friede derzeit auf tönernen Füßen. Die für 2012 anberaumten Wahlen werden auch deshalb mit Spannung erwartet, weil sich drei der Präsidentschaftskandidaten, die auch in Nakuru um Wählerstimmen ringen, seit Januar 2012 vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten müssen. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Bildung macht stark

In der von sozialer Unsicherheit geprägten Atmosphäre der Stadt, die schneller wächst, als die Stadtplaner und Politiker sie mit Wasser, Strom, Gesundheitsversorgung und Bildungseinrichtungen versorgen können, haben arme und mittellose Menschen nur dann eine Chance auf ein Leben in Würde, wenn ihre Zukunft aktiv gestaltet und ihre gesellschaftliche Teilhabe nicht auf dem freien Markt entschieden wird.

Ein ehemaliges Straßenkind, JanetJanet kam von der Straße, jetzt bewirbt sie sich um einen Studienplatz in MedienkommunikationMartina Backes / Caritas international

Janet hatte ihre Eltern während der Unruhen verloren - ohne Familienbezug schloss sie sich bald den Straßenkindern an. Sie lernte Essen stehlen, Geld organisieren, von Tag zu Tag und von der Hand in den Mund zu leben. Im St. Francis Street Children Rehabilitation Centre konnte sie, nach einem Jahr auf der Straße und mehreren Monaten psychosozialer Betreuung und täglicher Schulstunden, wieder Vertrauen gewinnen. Inzwischen hat sie, nach erfolgreichem Abschluss der Hochschule, die der inzwischen 21-Jährigen von der Erzdiözese in Nakuru finanziert wurde, einen Plan. "Wenn ich erst einmal meine Ausbildung als Medienfachfrau in der Tasche habe", sagt Janet, "dann gehe ich zurück in meine Heimatstadt Molo und werde mit den Jugendlichen dort eine Radiostation gründen, die keine Lügen verbreitet"

Januar 2012