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Afrika

Situation

Kenia: Dürre, Wassermangel, Hunger

Wasser zum Lernen

Kinder werden unter einem Baum unterrichtetQalaliwe bi Moyale: Weil es nur einen Klassenraum gibt, findet der Unterricht für die Älteren unter einem Baum statt.Bente Stachowske

Moyale. Eine Schule unter einem Baum, Mädchen und Jungen im Kreis, ein Lehrer mit einer Standtafel - für europäische Betrachter scheint das auf den ersten Blick idyllisch. Doch die Kinder, die hier täglich auf dem Boden sitzen, wünschen sich ein Klassenzimmer. "Wenn es regnet oder zu heiß ist, ist kein Unterricht möglich", sagt Boru Abdi Katoto, der Direktor der Qalaliwe Schule, in der Nähe von Moyale in Nordkenia, fast an der äthiopischen Grenze. 51 Kinder unterrichtet der Lehrer unter dem Baum, Klassenstufe 1 bis 8 zusammen. Ein Gebäude gibt es in der Qalaliwe Schule, doch das ist reserviert für die Kleinsten: Hier ist die Vorschule für die Drei- bis Fünfjährigen. 77 Kinder rufen im einzigen Raum durcheinander. "Doch nächstes Jahr müssen die Ältesten von ihnen auch unter dem Baum sitzen", sagt der Direktor.

Der täglich Schulbesuch ist keine Selbstverständlichkeit

Die Qalaliwe Schule ist noch neu. 2016 erst hat sie eröffnet. Die Kinder kommen aus den Dörfern der Umgebung. Ihre Eltern sind Bauern und Hirten. Vorher mussten sie mehr als neun Kilometer zur nächsten Schule laufen. "Am Anfang war hier nur Busch", sagt Boru Abdi Katoto. "Die Eltern haben mitgeholfen, das Land zu roden. Dann bekamen wir von der Regierung einen einzigen Klassenraum. Kein Büro, kein Lehrerzimmer, keine Küche, keinen Speisesaal. Natürlich auch keinen Zugang zu Wasser oder Strom. Also haben haben Briefe an Hilfsorganisationen geschrieben." Unter den ersten, die geantwortet haben, war Pacida, die kenianische Partnerorganisation von Caritas international. Mit Finanzierung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) haben Caritas international und Pacida einen 50.000-Liter-Wassertank installiert. In der Regenzeit wird das Wasser auf dem Dach des Gebäudes gesammelt und nach und nach entnommen.

2 Kinder am Wasserhan eines TanksMohammed und Kadra: Dank des Wassertanks kommen die Kinder nun regelmäßiger zur Schule. Eine Entlastung auch für die Mütter, die zuvor für jedes Kind 5 Liter Wasser täglich aus weiter Entfernung holen mussten.Bente Stachowske

Wasser ist in dieser Wüstenregion im Norden Kenias enorm wichtig. Die Gegend ist auch die Heimat einiger in Kenia nomadisch lebenderBevölkerungsgruppen wie beispielsweise den Borana hier in der Nähe von Moyale. Bevor es die Zisterne an der Schule gab, musste jedes Kind täglich fünf Liter Wasser mit zur Schule bringen. "Wenn wir kein Wasser dabei hatten, mussten wir wieder nach Hause gehen", sagt der 13-jährige Mohammed. "Und manchmal wurden wir auch geschlagen. Es ist so toll, dass wir jetzt kein Wasser mehr tragen müssen."

Die Wasserquelle, an der Mohammeds Mutter das Wasser holt, ist zehn Kilometer von seinem Dorf entfernt. Das Wasser hatte also, wenn es an der Schule ankam, schon einen ziemlich Weg hinter sich und viel Kraftaufwand gekostet. Auch die zwölfjährige Kadra kam jeden Morgen statt mit einem Schulranzen mit einem Wasserkanister auf ihrem Rücken zur Schule. "Das war sehr schwer", sagt sie. "Mein Schulweg ist zwar nur einen Kilometer lang, aber ich bin sehr froh, dass ich jetzt kein Wasser mehr tragen muss."

Schulmädchen im PortraitKadra freut sich, dass sich nicht mehr täglich 5 Liter Wasser mit zur Schule bringen muss.Bente Stachowske

Ohne Wasser keine Mahlzeit

Das Wasser in der Schule wird für alles gebraucht: Trinken, Händewaschen, Kochen. Die Kinder bleiben den ganzen Tag in der Schule und erhalten auch ein Mittagessen. Das macht es für die Eltern attraktiver, ihre Kinder in die Schule zu schicken, statt sie Ziegen hüten zu lassen. Doch auch auf eine Küche wartet der Schuldirektor noch. Momentan besteht sie aus einer Feuerstelle auf dem Boden. Das Essen kommt vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. "Die Eltern möchten ja, dass ihre Kinder zur Schule gehen. Bildung ist ihnen wichtig", sagt Direktor Katoto. "Sie haben sich ja dafür eingesetzt, dass hier eine Schule entsteht." Doch die meisten Eltern sind sehr arm. Die letzte Regenzeit in der Region ist ausgefallen, und auch die nächste lässt auf sich warten. Weil der Regen fehlt, können die Menschen nichts ernten, die Kühe und Ziegen sind wegen des fehlenden Weidelandes mager geworden. Viele Hirten müssen ihr Vieh verkaufen, doch die Preise sind wegen des Überangebots sehr niedrig.

"Die Menschen sammeln jetzt Feuerholz und produzieren Holzkohle daraus", erklärt Wario Adhe, der Programmdirektor der Caritas-Partnerorganisation Pacida. "Doch auch damit können sie ihre Familien nicht lange ernähren, wenn es nicht bald regnet." Und so ist es auch der Versorgung mit Wasser und Essen in der Schule zu verdanken, dass die Schülerzahlen schnell angestiegen sind und die Eltern einen Wert darin sehen, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Vor allem die Mütter sind glücklich über den Wassertank an der Schule. Denn sie sind es, die das Wasser für die Familie von den weit entfernten Quellen holen müssen.

Linda Tenbohlen, November 2016