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Afrika

Chancen für Chancenlose

Kenia: Perspektiven für Frauen jenseits der Straße

Brot und Fisch, Milch und schöne Kleider

Kampi ya Samaki - das Camp, in dem es Fisch gibt - liegt gut drei Stunden Fahrtzeit nördlich der Großstadt Nakuru am Ufer des Baringo Sees. An diesem recht heißen Ort mitten in der Savannenlandschaft des Rift Valley im Norden Kenias vermutet man Idylle. Das Dorf hat etwas Gemütliches, jeder scheint jeden zu kennen, die Kinder und die Alten sitzen an diesem Samstagnachmittag zusammen auf der Holzbank auf der Terrasse einer Bar und hören Fußball. Die Antenne des solarbetriebenen Radios ist mit einem Draht mit dem Wellblechdach verbunden.

Eine Frau sitzt vor einer ThekeMilly mit ihren zwei Kindern im eigenen BäckerladenMartina Backes / Caritas international

Basil Munyao parkt den Allradwagen unter einem Baum. Die vier Frauen, mit denen sich Sozialarbeiter von der Erzdiözese Nakuru hier verabredet hat, kommen die Dorfstraße entlang. Sie werden von den Alten freundlich gegrüßt. Das war nicht immer so.

Success Yangu Women Group steht auf ihren leuchtend blauen T-Shirts. Der Name der Frauengruppe, auf den die vier Frauen sichtlich stolz sind, verrät, dass es eine andere Vergangenheit gibt. "Sogar die Kinder in Kampi ya Samaki haben mich angepöbelt", sagt Milet, die junge Frau mit der vollverspiegelten Sonnenbrille. Hinter der sie vielleicht nicht nur vor der Sonne ein Schutz sucht.

"Seit ich diese Bäckerei habe, schicken die Familien ihre Kinder morgens zum Brotkaufen zu mir." Milly liebte es schon als Kind, mit ihrer Mutter, die längst nicht mehr lebt, Teigtaschen zu backen und auf der Straße zu verkaufen. Jetzt ist sie Bäckerin. Vorher hat sie mehrere Jahre ihren Körper auf die Straße und in die Bars getragen. "Die Kunden kamen aus unserem Dorf, andere von weit her. Auch die Parkwächter des Nationalparks kamen in die Bar und haben es gewollt. Sie kaufen dir ein oder zwei Bier, versprechen Dir 500 Schilling und zahlen am Ende nur 50." Da es kaum Einkommens-möglichkeiten gibt und die Dinge des täglichen Bedarfs hier sehr teuer sind, hat Milly aus Not irgendwann als Sexarbeiterin ihren Lebensunterhalt verdient. Am Ende wusste es jeder, und die einzigen, zu denen sie Kontakt hatte, waren die anderen Frauen in der Bar und die Kunden. Manche regelmäßig, andere für eine einzige Nacht.

Die Sexarbeit ist in dem abgelegenen Ort eine veritable Einnahmequelle für junge Frauen, die mittellos sind und kein eigenes Geschäft aufbauen können, die keine Möglichkeit haben, den Ort zu verlassen - zum Beispiel, weil sie - wie Milly - kranke Familienangehörige pflegen.

Auch das Brot aus der Distrikthauptstadt Nakuru erreicht diesen kleinen Ort am Lake Baringo nicht jeden Tag, schon gar nicht morgens in der Früh. Daher kann sich Milly mit ihrer Bäckerei gut über Wasser halten.  Inzwischen backt sie auch Brötchen und kleine Kuchen. Der Ofen steht im Landen und wird mit Holzkohle geheizt. Ein Brot kostet 40 Schilling, was für die Leute recht teuer ist. Doch nur so kann sie sich die Monatsmiete von 1.500 Schilling und die Kosten für die Holzkohle, das Mehl und die Verkaufslizenz leisten.

Success Yangu - Das ist mein Erfolg

Wie Milly haben auch Ruth, Dina und Susan an einem Ausbildungsprogramm der Erzdiözese teilgenommen, das im Rahmen des Programms "Rehabilitation for Ex-Commercial Sexworkers" angeboten wurde.

Eine Frau und ein Junge vor einer NähmaschineSchneiderin mit ihrem SohnMartina Backes / Caritas international

Ruth Atieno ist Schneiderin und beschäftigt inzwischen zwei Lehrlinge. Sie flickt alte Sachen und entwirft schöne Festtagskleider. Ihre Werkstatt hängt voller bunter Kleider. Moderne Mode und alte Tradition treffen sich hier, und werden an den drei Wänden des Ateliers ausgestellt. Alles maßgeschneidert. "Ich mag meine Arbeit, weil ich hier kreativ sein kann. Und weil die Leute sich in meinen Kleidern schick finden, das freut mich besonders."

Dina Acheing Amolo kauft den Fischern im Dorf drei Sorten Fisch ab: Goundfish, Tilapia und Lungenfisch. Sie hat hinter einer kleinen Wellblechhütte im Freien drei Öfen gebaut, runde Erdkessel, in denen Feuer gemacht wird. Auf einem Maschendraht über dem Feuer trocknet sie den Fisch. Die getrockneten Fische näht sie in Nylonnetze ein - oder alte Moskitonetze - die vor Fliegen schützen. So ist der Trockenfisch haltbar und transportfähig.

Dina organisiert wöchentlich den Transport nach Nairobi, wo die Nachfrage groß ist. Einen halben Tilapia, eine Buntbarschart, kauft die selbstbewusste Frau den Fischern für 130 Schilling ab. Der Preis in Nairobi liegt bei 150 Schilling. Die Fahrt, die Holzkohle und die Miete für die wenige Quadratmeter große Wellblechhütte gehen noch davon ab.

Existenzgründung als Zwischenstation

Eine Frau mit FischDer Fisch wird ins 600 Kilometer entfernte Nairobi verkauftMartina Backes / Caritas international

Susan Odero, die vierte Frau der Success Yangu Women Group, kauft Milch von Bauern und Viehhaltern aus der Gegen. In der recht trockenen Savanne gibt es oft Ziegen oder Schafsmilch. Susan kocht die Milch ab und verkauft sie an die BewohnerInnen des Dorfes. Das Abkochen ist wichtig, wegen der recht verbreiteten Brucellose, Darmtuberkulose und anderen übertragbaren Infektionskrankheiten - aber auch zur längeren Haltbarkeit in dem heißen Klima. Susans Geschäft lohnt sich, denn bis nach Kampi ya Samaki kommt die halbstaatliche Molkerei KCC nicht (New Kenyan Coooperative Creamery), die landesweit sterilisierte Milch in Tüten verkauft. Susan finanziert mit dem Milchverkauf ihre Ausbildung. Sie hat die Hochschule abgeschlossen und lernt nun Early Childhood Education - kindliche Früherziehung. Sie will Lehrerin werden.

Alle vier Frauen waren im Sexgeschäft tätig, die Kunden meistens Reisende, Kenianer, ganz selten mal ein weißer Tourist. Ab und zu ein Polizist oder auch ein Soldat oder Parkwächter. Die Diskriminierung konnten sie mit ihren angesehenen Geschäften tatsächlich aushebeln. Alle sprechen davon, dass sie im Dorf nun anerkannt sind, gar bewundert, manchmal auch geneidet werden.

Wäre Kampi ya Samaki nicht so abgelegen, würden die kleinen Existenzgründungen vermutlich kaum funktionieren, in der Stadt wäre die Konkurrenz schlicht zu groß. Das Selbstbewusstsein der Frauen strahlt aus: Die Männer auf der Straße wagen es nicht mehr, ihnen hinterherzuglotzen, zu lästern, zu pöbeln.

"Vor allen Dingen für meine Kinder ist das wichtig", meint Ruth, die - noch mehr als unter der abweisenden Haltung der Dorfgemeinschaft ihr gegenüber - darunter gelitten hat, dass ihre beiden Kinder die Ablehnung ständig zu spüren bekamen. "Sie haben sich kaum mehr aus dem Haus getraut, und ich bin immer wütender geworden, habe mir vorgeworfen, eine schlechte Mutter zu sein." Bei der Erinnerung zucken die Augenlieder, die Stimme überschlägt sich. Nach einer kurzen Zeit des Innehaltens spricht eine sehr selbstbewusste und friedliche Stimme: "Wenn ein Kind als Produkt sexueller Vergewaltigung bezeichnet wird, ist das sehr entwürdigend. Wenn du als Mutter dafür verantwortlich gemacht wirst, dass dein Kind nichts wert ist, ist das mehr als beschämend."

Die Kinder von Ruth kommen in die Schneiderwerkstatt und hören ihrer Mutter zu. Sie sind noch zu jung, um all das zu reflektieren, aber sie verstehen es auf ihre Weise. Nichts ist unausgesprochen, die Geschwister fühlen sich an diesem Ort behütet. Und im nächsten Moment rennen sie wieder zu den Kindern auf der Straße.

Soziale Arbeit und HIV Prävention

Die vier Frauen sind - neben ihrem Job - in der Aidsprävention und Jugendarbeit aktiv. Sie haben Seminare für TrainerInnen besucht, die von der Erzdiözese Nakuru angeboten werden. Regelmäßig laden die vier - die sich noch immer in den einschlägigen Bars sicher bewegen - junge Frauen in ihre Gruppe ein. Sie gehen zu deren Familien auf dem Lande und in kleine Dörfer, in Schulen und Ausbildungsstätten, um über HIV und andere Geschlechtskrankheiten aufzuklären.

Doch es geht nicht allein um eine Gesundheitsberatung. Sie lassen sich auf die Motive und Probleme der jungen Frauen ein, die in das Sexgeschäft eingestiegen sind oder Gefahr laufen. Sie verurteilen nicht, sondern fragen nach dem Warum und suchen gemeinsam mit den Betroffenen neue Strategien, um ein Leben führen zu können, ohne den eigenen Körper zu verkaufen. Sie sprechen über die Stigmatisierung, aber auch gegen das Unwissen und die Achtlosigkeit der jungen Leute - für eine gesellschaftliche Integration, für ein positives Leben.

Basil, der Sozialarbeiter, trifft sich jeden Monat mit der Success Yangu Women Group, um etwaige Probleme zu klären, um Feedback zu geben und zu nehmen. Zudem werden bald wieder neue Ausbildungskurse zur Existenzgründung angeboten. Keine gewöhnlichen, sondern Kurse, die psychosoziale Arbeit in die Geschäftsidee integrieren. Die vier Frauen wissen am besten, was dazu benötigt wird.

Februar 2012