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Afrika

Krisen und Konflikte

Kongo: Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten

Es ging einfach darum, Geld und Einfluss zu haben

Styven Diawa * , 14 Jahre alt, aus der Region Lubero in Nord- Kivu, 30 km südlich von Butembo

Ehemaliger Kindersoldat aus dem Kongo

" Ich war bei den Truppen der Mai-Mai unter General Sikuli Lanfontaine. Vor drei Jahren kam ich zu den Kämpfern, mein Onkel, der Bruder meines Vaters, kämpfte dort und hatte uns Geld geschickt. Ich wollte zu ihm, denn er war einer der Führer. Als ich dort ankam, war er fort und ich durfte nicht mehr nach Hause. Ich musste mitkämpfen, war bei den Kämpfen um die Stadt Masisi dabei. Weil ich mich bewährt hatte, übergab man mir die Aufsicht über die Verbandsmittel und Medikamente.

Aber die Kämpfe gingen weiter, und ich wurde nicht gut behandelt. Ständig musste ich mit den Verbandsmaterialien an die Front, und ich musste erleben, wie man diejenigen erschoss, die zu stark verwundet waren, als dass sie weiter mitmarschieren konnten. So erging es auch den Kranken, die nicht mehr weiterkonnten. Wenn ich nicht schnell genug zu den Verwundeten kam, drohte man mich auch zu erschießen. Und da ich die Verbandsmaterialien trug, durfte ich nicht auf der Straße in der marschierenden Kolonne mitlaufen, sondern musste mich durch den Busch schlagen. Das war sehr ermüdend. Mit einem anderen Jungen habe ich mich ausgesprochen, er war auch am Ende seiner Kräfte und wir hatten Angst, nicht mehr weiter zu können und erschossen zu werden.

Am Ende überwog der Überlebenswille vor der Angst, und wir stahlen uns davon. Glücklicherweise trafen wir auf UN-Soldaten der MONUSCO, und die haben uns ins Zentrum der Caritas in Rutshuru gebracht.
Meine Mutter ist tot, das weiß ich. Von meinem Vater habe ich nichts gehört, vielleicht lebt er noch, in unserem Dorf Masika. Mein einziger Bruder ist auch tot, also habe ich vielleicht niemanden mehr. "

Hintergrund: Die Gruppen um den Warlord "General" Kakulu Sikuli Vasaka Lafontaine gehören zu den "Mai-Mai", also kämpfenden Einheiten, die vor allem davon leben, Beute zu machen. Lafontaine leitete erfolgreich die Eroberung der Stadt Masisi im Jahr 2012. Danach teilten sich verschiedene Warlords den Süd- und den Nord-Kivu  untereinander auf.  "General" Sikuli Lafontaine kämpft weiter mit seinen Truppen, aktuell in der Region Lubero im Nord-Kivu, in der Region, aus der  Styven Diawa * herkommt. Bewohner des Dorfes Kanyatsi bei Tama klagten, die Mai-Mai unter Lafontaine hätten im Juli 2015 ihr Dorf angegriffen, Menschen gefoltert und eine "Schutzgebühr" von umgerechnet 220 Dollar pro Kopf gefordert. Als nach drei Tagen UN-Truppen in das Dorf gekommen seien, hätten sich die Mai-Mai zurückgezogen.  

 

Jon Kabite*, 16 Jahre alt, aus Katambi  in Nord-Kivu

Ehemaliger Kindersoldat Jon Kabite*, 16 Jahre alt

" Ich war bei einer Mai-Mai-Truppe, die Geld für den Einsatz gegen Ruanda bekam. Ich war dort in der Eskorte unseres Chefs. Unsere Truppe zählte 15 Leute, die Hälfte davon Kinder. Um Geld und Nahrungsmittel einzutreiben, haben wir Straßensperren errichtet und haben Wegzoll von Lastwagen genommen. Und wir haben in den Dörfern Mehl und Hühner geholt.

Meine Familie sind Bauern, aber sie wollen nichts von mir wissen. Sie behandeln mich, als sei ich nicht da. Aber ich weiß ohnehin nicht, ob ich zu ihnen will, ich weiß ja noch nicht mal, was ein Bauer so macht. Ich würde lieber Fischer werden, fischen kann ich.

Als die Mai-Mai in unsere Gegend kamen, bin ich mit ihnen gezogen, weil ich ein Mann sein wollte, ich hatte immer davon geträumt, eine Waffe zu tragen, ein Mann zu sein. Ich war vor allem bei den Straßensperren dabei, aber auch in Kämpfen. "

 

Hintergrund:
Nach Aussagen der Caritas hatte die Mai-Mai Jon Kabite*, ausgestoßen, weil er "merkwürdig" wurde. Aktiv bei Kämpfen, hatte er wohl bereits in aktiven Zeiten Traumata erlitten.
Die Mai-Mai leben oft nach strikten zeremoniellen Vorgaben, vor allem nach dem tradierten Ideal des "heiligen Wassers". Im Mai-Mai-Aufstand 1905-1907 gegen die deutsche Kolonialmacht hatte der traditionelle Heiler Kanyanga behauptet, moderne Gewehrkugeln würden von mit seinem "heiligen Wasser" geweihten Kämpfern wie Wasser abperlen, wenn sie sich strikt an Regeln hielten, wie sich nicht waschen, um den Zauberschutz nicht zu verlieren. Der Name Mai-Mai geht auf dieses Zauberwasser zurück und bedeutet auf Lingalá "Wasser-Wasser". Durch die Brutalisierung des Kongo-Krieges im 20. Und 21. Jahrhundert wurden die Regeln angepasst: "So sollten sich Kämpfer nicht waschen, aber sie sollten Frauen vergewaltigen." 

 

Jean Tsiba*, 16 Jahre alt  aus Süd-Kivu , ca. 15 km südwestlich von Minova

Ex-Kindersoldat Jean Tsiba*, 16 Jahre alt Kongo

" Ich war mit meiner Mutter auf dem Feld, als die Mai-Mai kamen. Die Kämpfer  vergewaltigten sie, jagten dann meine Mutter fort und zwangen mich, mitzukommen. Ich musste die Männer zu den Dörfern führen, die ich kannte, zu den Familien, die Besitz hatten. Die Soldaten sind dann rein und haben sich genommen, was sie wollten. 

Ich wurde dann von den Mai-Mai zum Soldaten ausgebildet, lernte, wie ein Gewehr funktioniert. Ich war Kundschafter, musste herausfinden, wo die Bauern ihre Kühe, ihre Ziegen versteckten, damit wir sie mitnehmen konnten. Unsere Einheit zählte etwa 100 Soldaten, darunter etwa 20 Kinder. Wir waren vor allem in den Bergen des Grenzgebiets zwischen Nord- und Süd-Kivu aktiv. Hier gab es auch andere Mai-Mai-Milizen, die ebenfalls plünderten, und mit denen gab es öfters Auseinandersetzungen und Gefechte. Die stammten aus einem anderen Volk, den Tutsi. 

Das war einfach so: Trafen wir auf diese Mai-Mai-Milizen, gab es Kämpfe. Trafen wir auf die kongolesische Armee, gab es Kämpfe. Es ging darum, das Geld und den Einfluss zu behalten.
Wir hatten viele Verletzte und Tote, vor allem, weil es an Versorgungsmöglichkeiten für die Verwundeten fehlte. Und darum wurden viele von den Anführern erschossen. Sie konnte nicht mehr mitmarschieren, und damit sie nicht in die Hand der Feinde fielen und unsere Geheimnisse verraten konnten, wurden sie erschossen. 

Ich selbst wurde auch verwundet, aber es war nicht mehr als ein Streifschuss. Er verletzte mir die Kopfhaut und riss einen Streifen in meine Haare. Zwei Zentimeter weiter nach rechts, und ich wäre nicht mehr hier.  Der Chef hatte mir versprochen, dass ich in der Truppe aufsteigen würde, aber ich blieb Kundschafter, es waren leere Versprechungen. Wir Kinder hatten keine Chance, die Chefs teilten sich die Erfolge und das Geld. Deshalb bin ich fortgerannt.

Die Menschen in den Dörfern haben Angst vor den ehemaligen Kindersoldaten. Sie denken, wir verraten sie an die Mai-Mai. Selbst meine Familie hat mich fortgejagt, als ich zu ihnen kam. "

 * Alle Namen von der Redaktion geändert

Februar 2016