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Afrika

Krisen und Konflikte

Kongo: Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten

Vernarbte Hand eines KindersoldatenDer Krieg hinterlässt physische und psychische NarbenCaritas international

Im Osten der DR Kongo, in der Grenzregion zu Burundi, Ruanda, Uganda und dem Sudan, haben sich in den letzten Jahrzehnten verschiedene Rebellenbewegungen immer wieder neu konstituiert. In den Kongokriegen kämpften bewaffnete Milizen und Militär um politische Macht und um die Kontrolle der Bodenschätze, wobei ethnische Konflikte von allen beteiligten Akteuren geschürt wurden.

Auch dieses Jahr kommen die gewaltsamen Kämpfe zwischen rund 55 Rebellengruppen und dem kongolesischen Militär (FARDC) nicht zur Ruhe. Seit die staatliche Armee Anfang 2015 eine Offensive gegen die FDLR (Forces Démocratiques de Libération du Rwanda) begann, hat sich die Sicherheitslage in manchen Orten stabilisiert, andere Regionen bleiben jedoch nach wie vor unsicher. Alleine während der militärischen Auseinandersetzungen im März und April 2016 wurden über 45.000 Binnenflüchtlinge aus ihren lokalen Zufluchtsorten vertrieben. Und die Unruhen rund um die Verschiebung der Präsidentschaftswahl, die für Dezember 2016 angesetzt war, verunsichern die Menschen.

Leidtragende des andauernden Konfliktes ist die Zivilbevölkerung. Die Ausschreitungen gehen mit verheerenden Menschenrechtsverletzungen einher, zu denen Überfälle, Geiselnahmen, Massenvergewaltigungen, Vertreibungen, Morde und vor allem auch die Rekrutierung von Kindersoldaten gehören. Zwischen 10 und 15 Kinder werden noch immer monatlich von den unterschiedlichen bewaffneten Gruppierungen rekrutiert (vor allem von Raia Mutomboki, Simba, Kifuafua, NDC-CHEKA, APCLS, FDLR, MAC, FDC und Nyatura).

"Du kriegst ein Gewehr und regelmäßig etwas zu Essen"

Ehemalige Kindersoldaten am spielenKindersoldaten brauchen Hilfe, um ins zivile Leben zurückzufindenCaritas international

 Aus Mangel an Lebensperspektiven nach Jahrzehnten des Krieges haben die noch aktiven Milizen leichte Hand: Jungen wie Mädchen werden gezwungen, sich als Söldner/innen zu verdingen. Manche wurden überredet, bei der Verteidigung ihrer Dörfer mitzuwirken, andere wurden entführt und zum Kämpfen genötigt. Die Milizionäre zwangen Minderjährige, Bomben zu bauen und zu zünden - oder auch eigene Angehörige zu ermorden. Demütigung ist Teil der grausamen Strategie.

Unzählige Kinder mussten sich als Späher in besonders gefährliche Situationen begeben. "Kadogo" werden die Soldatenjungen genannt. Manche Mädchen wurden mit Kämpfern zwangsverheiratet, als Sexsklavinnen gehalten oder für die Versorgung der Rebellen eingesetzt: Sie mussten kochen, putzen, waschen oder Munition tragen.

Demobilisierung von Kindersoldaten

Der inzwischen verhaftete kongolesische General Thomas Lubanga hatte tausende Kinder zum Dienst an der Waffe gezwungen. Er ist der erste Angeklagte am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Lubangas "Union Kongolesischer Patrioten" (UPC) war in dem Krieg als "Kinderarmee" berüchtigt. Im März 2012 wurde Thomas Lubanga vom IStGH für schuldig befunden und am 10. Juli 2012 wegen Rekrutierung von Kindersoldaten zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Doch damit sind noch lange nicht alle Kinder aus dem Dienst an der Waffe und für die Milizionäre befreit.

Der Einsatz von Kindersoldaten ist ein Kriegsverbrechen

Bislang gibt es sechs Verbrechen gegen Kinder, die nach internationalem Recht als Kriegsverbrechen angesehen werden. Kinder als Soldaten einzusetzen gehört ebenso dazu wie sie zu töten oder sexuell zu missbrauchen.

Seit im Jahr 2004 der Prozess der Demobilisierung in der Demokratischen Republik Kongo begann, konnten insgesamt über 30.000 Kinder vom Staat und den beteiligten Organisationen demobilisiert werden. Obwohl sich die meisten Gruppierungen längst bereit erklärt haben, die Entwaffnung der Kindersoldaten zu unterstützen, sind noch immer Tausende von Kindern in den Händen von Armee und bewaffneten Truppen. Diejenigen, die demobilisiert wurden, sind bei der Reintegration ins zivile Leben meist auf sich allein gestellt.

Im Rahmen der Demobilisierung werden verhältnismäßig wenig Mädchen befreit. Die militanten Gruppen halten sie als Sklavinnen oder Frauen der Kämpfer und sind kaum bereit, sie freizulassen. Um den Weg in ein normales Leben zurück zu finden, brauchen die schwer traumatisierten Jugendlichen professionelle Hilfe.

Weitsichtige Pläne - auch bei prekärer Sicherheitslage

Immer wieder müssen Transitzentren verlegt werden, weil die Sicherheitslage prekär ist: das Zentrum in Rutshuru konnte im April 2012 vorübergehend nicht mehr genutzt werden, weil die Sicherheitslage dies nicht zuließ. Auch das Zentrum Mweso wurde geschlossen und nach Nyakariba verlegt. Erst im August 2016 wurden erneut Mitarbeitende der Caritas Goma angegriffen. Trotz dieser Unwägbarkeiten ist die Arbeit mit Ex-Kindersoldaten in der zivilen Bevölkerung hoch angesehen.

Die meisten der ehemaligen Kindersoldat/innen in den Zentren sind aus eigener Kraft von den Milizen geflohen. Zum Teil aber sind die Truppen auch bereit, Kindersoldaten zu "entwaffnen". In der Regel bedarf es jedoch zäher Verhandlungen und intensiver Bewusstseinsarbeit, um Kinder befreien zu können.

Caritas Goma hatte bereits im Jahr 2004 eine Initiative zur Demobilisierung der Kindersoldaten gestartet und hat seither wertvolle Erfahrungen gesammelt, sowohl in der Verhandlung mit den Milizen  als auch in der Reintegration der Kinder in die Gesellschaft. In Zusammenarbeit mit anderen internationalen Organisationen kümmert sich Caritas um die notwendigen Entlassungspapiere und die Aufnahme der Kinder in Transitzentren.

November 2016