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Afrika

Krisen und Konflikte

Kongo: Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten

Ohne Waffen in die Zukunft

ehemaliger Kindersoldat zeigt ein FotoJules Kamondo: Aus der Vergangenheit: seine Zeit als Kindersoldat. Heute ist er Leiter eines Transitzentrums.Bente Stachowske

Die Caritas Goma wirbt Kindersoldaten aus den verschiedenen Armeen und Milizen in der Konfliktregion ab, versorgt sie medizinisch und psychologisch, gibt ihnen zu essen und unterrichtet sie, um ihnen neue Lebensperspektiven zu bieten. Zum einen geht es darum, die Kinder wieder ins zivile Leben zu ihren Familien zurück zu führen. Zum anderen wird die Bevölkerung, lokale Gemeinden ebenso wie staatliche Autoritäten, für Kinderrechte sensibilisiert. Auf diesem Wege wird der Druck auf die Milizenführer erhöht, die als Soldaten zwangsrekruierten Kinder frei zu geben.

"Ständig musste ich mit den Verbandsmaterialien an die Front: Und ich musste erleben, wie man diejenigen erschießt, die zu stark verwundet sind, als dass sie hätten weiter mitmarschieren können", berichtet eine ehemalige Kindersoldatin. Sie war kaum 14 Jahre alt, als sie den Mai-Mai Milizen "diente".  

Interview mit dem Leiter des Programms zur Demobilisierung von Kindersoldaten von der Caritas Goma

 

Die Demobilisierung der Kindersoldaten ist ein langer Prozess

Die Mitarbeiter von Caritas Goma sorgen dafür, dass die betroffenen Kinder in Transitzentren ihre Erlebnisse bearbeiten können, bevor sie in ihre Familien zurückkehren. Keine leichte Aufgabe, denn: "Auch die Menschen in den Dörfern haben Angst vor uns  ehemaligen Kindersoldaten. Sie denken, wir verraten sie an die Mai-Mai Milizen. Selbst meine Familie hat mich fortgejagt, als ich zu ihnen kam", berichtet ein 16-Jähriger aus Minova in Südkivu.

Jugendliche präsentieren das GefehrDie erste große Hürde ist die Entwaffnung: Das Gewehr verbinden sie mit einem Gefühl von Sicherheit.Caritas international

In mehr als der Hälfte von rund 1.600 Fällen ist es gelungen, die Kinder dauerhaft wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Eine stolze Bilanz, berücksichtigt man die Schwierigkeiten, mit denen diese Arbeit verbunden ist. Die Eltern aufzufinden, ist oft mühsam, und schwieriger noch ist es , sie davon zu überzeugen, dass die Kinder "aus dem Busch" wieder ein normales Leben führen können. 

Um an die Kindersoldaten heranzukommen, bedarf es vieler Gespräche. Zunächst müssen die Behörden von dem Vorhaben überzeugt werden und die Abgabe der Waffen unterstützen. Wurde die Identität eines Kindes festgestellt, erhält es Dokumente. Erst mit den offiziellen Papieren über ihre Entwaffnung erhalten die Kinder ihre zivile Identität zurück. Bedauerlicherweise konnten letztes Jahr nur wenige Mädchen von ihren Rebellenführern entrinnen.

Damit die Wiedereingliederung in Gesellschaft und Familie gelingt, ist es in einem zweiten Schritt nötig, die Kinder wieder an das Lernen und die Regelmäßigkeit des Schulbesuchs zu gewöhnen. Krankheiten müssen behandelt und die psychische Stabilität behutsam gefördert werden.

Mit der schwierigste - aber auch der wichtigste - SChritt ist die psychologische Betreuung der Kinder. In den Demobilisierungszentren wird ein Grundstein dafür gelegt, dass die Kinder lernen, in einem zivilen Leben angemessen zurechtzukommen. Dazu werden Freizeitaktivitäten angeboten, es finden themenspezifische Aufklärungskurse statt und es gibt Lernangebote in Landwirtschaft und Viehzucht.

Soziale und psychologische Betreuung in den Transitzentren in Masisi und Rutshuru

Logo des Projektes zur Entwaffnung von KindersoldatenLogo des Projektes zur Entwaffnung von KindersoldatenBente Stachowske

Innerhalb eines Jahres werden ehemalige Kindersoldaten, derzeit sind das 620 Jungen und 30 Mädchen, demobilisiert und in den Transitzentren von Caritas Goma aufgenommen. 250 der ehemaligen Kindersoldaten sowie 70 Kinder aus besonders armen Familien in den Gemeinden in Masisi und Rutshuru erhalten derzeit eine Schul- oder Berufsausbildung. Dank der langjährigen Erfahrungen der Sozialarbeiter kann die Caritas Goma mit finanzieller Unterstützung von Caritas international innerhalb eines Jahres 220 Kindern einen Schulbesuch ermöglichen. Zudem erhalten 100 Jugendliche, die aufgrund ihres Alters nicht mehr in Schulen integriert werden können, eine handwerkliche Ausbildung als Schreiner, Maurer, Friseur, oder in der Kleintierzucht.

Ein Psychologe, je ein Verantwortlicher pro Transitzentrum, 15 Sozialarbeiter, zehn Köche und zehn Wächter kümmern sich in den vier Zentren um das Wohl der Kinder. Die Stiftung Kinder in Not aus Stuttgart ermöglicht im Jahr 2015 die Aufnahme von 80 weiteren Kindersoldaten in die Caritas-Transitzentren.

 

Kinderrechte - das geht alle an

Die Kurse der Caritas Goma richten sich nicht allein an Kindersoldaten. Auch die Bevölkerung, die Familien und Nachbarn sind herausgefordert, mit der Situation umzugehen. Dazu führt Caritas öffentliche Fortbildungen durch und strahlt Radiosendungen aus. Juristen und Sozialarbeiter/innen informieren über die international anerkannten Rechte von Kindern und die lebenslangen Folgen schwerer Traumata. Auch erhalten 200 zivile und militärische Akteure, in der Regel Erwachsene aus den Rängen der staatlichen Behörden, des Militärs und der Polizei sowie kirchliche Entscheidungsträger, eine Fortbildung zum Thema Kinderrechte und Demobilisierung. Bestehende kommunale Netzwerke und Institutionen wie Jugendvereine, Frauengruppen, RECOPE (Réseau Communitaire de Protection de l’Enfant) und das Elternkommittee COPA (Comité des Parents) werden in ihrem unermüdlichen Einsatz für den Schutz der Kinderrechte durch Schulungen gestärkt.

Demobilisierung von KindersoldatenDemobilisierung von KindersoldatenCaritas international

Die Partnerorganisation für dieses Projekt ist die Caritas der Diözese Goma. Sie arbeitet mit Caritas international bereits seit 1994 zusammen. Die Hoffnung über die Jahre hinweg war, dass sich der Bedarf für dieses Programm verflüchtigt. Anbetracht der nicht endenden Kämpfe ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil: Um den jungen Menschen, die in einer Zeit gewaltsamer Kämpfe groß geworden sind, eine friedliche Perspektive zu bieten, muss die Arbeit weitergehen.

Eine große Herausforderung bleibt die Demobilisierung von Mädchen. Sie werden oft von der Gesellschaft als "schmutzige Mädchen" angesehen, sobald sie in den Rebellengruppen gelebt haben. Derzeit wird mit den Betreuerinnen eine Strategie erarbeitet, um die Chance auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung von Mädchen in den Alltag zu verbessern.

November  2016