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Afrika

Krisen und Konflike

Nigeria: Zuversicht säen

„Eine Rückkehr ist für die allermeisten Flüchtlinge derzeit undenkbar“

Gernot Ritthaler hat Flüchtlingsunterkünfte in Yola und Maiduguri besucht und sich mit der Caritas Nigeria über den Bedarf an Hilfe ausgetauscht.

 

mehrere Personen auf dem Boden sitzend im Gespräch Gernot Ritthaler im Gespräch mit Vertriebenen in MaiduguriCaritas international

Wie sind derzeit die politische Lage in Nordnigeria und der Kampf gegen die Terrororganisation Boko Haram einzuschätzen?

Das noch vor einem Jahr von Boko Haram beanspruchte Territorium in Nordnigeria wird inzwischen weitgehend vom nigerianischen Militär kontrolliert. In vielerlei Hinsicht steht die Terrororganisation mit dem Rücken zur Wand, das macht sie allerdings nicht weniger gefährlich - die Sicherheitslage ist prekär und jede Ansammlung von Menschen birgt die Gefahr eines Angriffs. Erst wenige Tage vor meinem Besuch haben sich wieder zwei Frauen in die Luft gesprengt - Frauen und Minderjährige werden von Boko Haram zu Selbstmordanschlägen gezwungen. Tatsächlich steigt die Zahl der Minderjährigen, die im Auftrag von Boko Haram auf Märkten oder vor Moscheen und Kirchen einen Anschlag verüben - und dabei selber ihr Leben lassen.

Die nigerianische Regierung meldet regelmäßig Erfolge im Kampf gegen Boko Haram, auch weil der vor zwei Jahren vereidigte Präsident Buhari, ehemals General der Streitkräfte, innenpolitische Pluspunkte sammeln möchte. Nach und nach sollen nun die von der Regierung betriebenen Flüchtlingscamps geschlossen werden, allerdings können die Binnenflüchtlinge aufgrund der prekären Sicherheitslage nach wie vor nicht zurück in ihre Herkunftsdörfer. Damit wachsen die informellen Camps stark an und in Städten wie Maiduguri oder Yola wächst die Zahl der Flüchtlinge derzeit wieder an. Zudem werden nun auch zunehmend diejenigen, die ins benachbarte Kamerun geflohen waren, nun von der dortigen Regierung zurückgeschickt  - man könnte auch sagen abgeschoben. Ständig entstehen am Stadtrand der Bezirksstadt Yola neue informelle Lager, oft mit nigerianischen Flüchtlingen aus Kamerun.

Auf dem Weg von einem Ort zum nächsten passiert man zahlreiche Sicherheitskontrollen, darunter sind sogenannte Selbstverteidigungskomitees. Viele junge Männer, die ohnehin keine  Arbeit finden, haben sich freiwillig zusammengeschlossen, sie sind bewaffnet und stellen Kontrollen gegen Boko Haram auf. Auf Dauer könnten diese Gruppen, die als freischaffende Bürgerwehren vom Militär geduldet werden, auch ein Gefahrenpotential darstellen.

Wie sieht aktuelle die Lage der Binnenflüchtlinge aus?

Mir fiel besonders auf, dass es eine große Solidarität zwischen der lokalen Bevölkerung und den Flüchtlingen gibt: Landbesitzer haben ihr Gelände für informelle Camps und Notunterkünfte zur Verfügung gestellt, auch die Felder werden teilweise mit Flüchtlingsfamilien geteilt, die - sofern sie an Saatgut kommen - dort Gemüse anpflanzen, natürlich alles im kleinen Rahmen. Auf eine Art ist es erstaunlich, wie etwa die Stadt Maiduguri mit ihren etwa 1,2 Millionen Bewohner/innen nun fast ebenso viele Flüchtlinge beherbergt. Acht von zehn Vertriebenen leben in informellen Unterkünften oder bei Einheimischen, also nicht in Camps. Zelte und Leichtbauhütten wurden vielfach von der Internationalen Organisation für Migration gestellt, doch die Behausungen sind sehr beengend: auf wenigen Quadratmetern leben oft acht oder neun Menschen. Ein Mann berichtete mir, dass er sein kleines Zelt mit fünf Frauen teilt, seine eigene und die vier Witwen seiner Söhne, die von Boko Haram ermordet worden waren.

Mit der Unterkunft alleine ist ja der Hunger noch nicht gestillt…

Genau! Wenn wir über Grundbedürfnisse sprechen,  geht es vor allem auch um den Zugang zu Lebensmitteln, sanitären Anlagen und Wasser. Die Nahrungsmittelrationen des Welternährungsprogramms (WFP) und anderer Hilfsorganisationen reichen nicht aus, sie werden oft geteilt oder gedrittelt. Vielerorts sind Mangel- und Unterernährung sichtbar, vor allem bei Kleinkindern. Dank der Caritas und anderer Hilfsorganisationen gibt es in den meisten Flüchtlingslagern nun wenigstens Toiletten, denn es braucht dringend bessere sanitäre Anlagen, um die Übertragung von Krankheiten in den beengten Verhältnissen zu vermeiden. Das Wasser wird kanisterweise verkauft, Händler bringen es mit Handkarren dorthin, wo es keine Wasserstellen gib. Es gibt einen funktionierenden Markt für Lebensmittel, Saatgut und Haushaltswaren, doch die Flüchtlinge haben oftmals keinerlei Guthaben und können sich die Nahrungsmittel oder auch das Holz, auf dem gekocht wird, nicht leisten. Vielfach sind die Frauen tagsüber alleine mit den Kindern und die Männer auf der Suche nach einem Gelegenheitsjob - als Aushilfen im Bau oder in der Landwirtschaft. Doch die Konkurrenz der Tagelöhner untereinander ist groß, hier lässt sich nicht viel verdienen, kaum mehr als ein bis zwei Euro am Tag, wenn man überhaupt Glück hat einen Job zu finden. Insofern fehlt es den Flüchtlingen an vielem, was man zum Leben braucht.

Es mehren sich die Erfolgsmeldungen: Die Regierung von Präsident Buhari verkündet militärische Schläge gegen Boko Haram, Anfang Mai konnten erneut als Geißeln genommene Schülerinnen aus den Händen der Terrormiliz befreit werden. Heißt das, die Menschen denken an Rückkehr?

Ja und nein. Alle Binnenflüchtlinge, mit denen ich in Yola und Maiduguri gesprochen habe, würden in ihre zerstörten Dörfer zurückgehen und diese wieder aufbauen, wenn die Sicherheitslage es zuließe. Aber das ist nicht so, die Flüchtlinge haben berechtigte Angst und harren in ihren Notunterkünften aus. Eine Rückkehr ist für die allermeisten derzeit undenkbar, die Gefahr eines Überfalls und die Angst vor weiteren Gewalterfahrungen sind viel zu groß. Ohne Hilfe zur Bewältigung der Traumata und ohne Versöhnungskomitees wird die Rückkehr noch schwieriger werden.  Auch beginnt gerade die Regenzeit, es müsste jetzt gesät werden - das ist nicht möglich, damit fällt aber eine komplette Ernte aus und somit auch der Lebensunterhalt.

Auch die Sicherheit der internationalen Hilfskräfte ist ständig Thema: Die Bürogebäude des Catholic Relief Services (CRS) in Maiduguri sind mit keinem Logo versehen, und in den Gebieten außerhalb der Stadt werden oft ausschließlich lokale Mitarbeiter/innen eingesetzt. Größere Versammlungen werden vermieden, die Hilfe läuft oft im Stillen. Dabei leisten unsere Partner, die Caritas Nigeria in Zusammenarbeit mit dem Catholic Relief Services (CRS), effektiv Hilfe, gerade auch außerhalb der Städte in den Randgebieten.

Welche Hilfe konkret?

Ein wichtiger Baustein sind Wasserzapfstellen und sanitäre Anlagen. Dazu gehören beispielsweise sogenannte VIP-Latrinen (Ventilated Improved Pit), also belüftete Plumpsklos, die nicht zu einer Brutstätte von Malariamücken und anderen Krankheitsüberträgern werden können. Sauberes Wasser ist elementar, daher die Wasserzapfstellen. Zudem erhalten die Binnenflüchtlinge eine elektronische Karte, mit der sie auf dem Markt das erwerben können, was sie am nötigsten brauchen. Die lokalen Händler, bei denen sie mit der Karte für einen festgelegten Maximalbetrag einkaufen können, sind alle registriert. Sie bieten dann eine Produktauswahl an, aus der die Frauen auswählen können, was sie für ihre Familien am Dringendsten brauchen: über Speiseöl und Reis bis hin zu Decken und Matratzen, Haushaltsgeschirr und Hygienematerialien. Mit diesem elektronischen Kaufsystem, das den direkten Transfer von Geld ersetzt, werden auch die lokalen Märkte gestärkt. Händler vor Ort verdienen daran,  auch gibt es keine langen Warteschlangen von Hilfesuchenden, was eine Gefahr für die Sicherheit darstellen würde. Und der Korruption wird vorgebeugt, weil hier kein Geld direkt ausgehändigt wird. Das System hat sich bewährt.

Viele Geflüchtete sind Frauen und Kinder, viele haben zuvor von der Landwirtschaft gelebt. Was folgt daraus für die Hilfe?

Zunächst zur Landwirtschaft: Schon jetzt legen einige Vertriebene kleine Beete zum Gemüseanbau an, sofern ihnen eine kleine Parzelle zur Verfügung gestellt wurde, entweder von den Kirchengemeinden oder den Gastfamilien, bei denen sie unterkommen konnten. Frauen trocknen Gemüse wie Okra für den Eigenbedarf oder verkaufen es. Über das elektronische Kartensystem wird die Caritas sehr bald auch den Kauf von Saatgut und landwirtschaftlichen Kleingeräten ermöglichen, die Regenzeit fängt gerade an.

Eine andere Frage ist die Bewältigung des Alltages generell, gerade auch für die Kinder. Derzeit ermöglicht Caritas Nigeria vielen Flüchtlingskindern einen Schulbesuch. Hier wollen wir die Kapazitäten ausbauen: der Schulalltag hilft auch, die erlebten Gewalterfahrungen zu überwinden, von der Bildung ganz abgesehen. Boko Haram bedeutet in der Übersetzung "Bücher sind Sünde"  - die Fundamentalisten wollen westliche Bildung verbieten. Insofern hat der Schulbesuch der Flüchtlingskinder eine übergeordnete Bedeutung. Wichtig ist zudem die psycho-soziale Unterstützung der Familien generell, und die wird derzeit nur von wenigen Organisationen angeboten. Viele Mädchen, die in den Händen der Kämpfer gefangen waren, sind mit Kindern zurückgekehrt und werden manchmal von der eigenen Familie verstoßen, wie auch junge Männer, die zwangsrekrutiert wurden oder in den Kampf verwickelt waren.

Derzeit arbeiten wir gemeinsam mit unseren Partnern von der Caritas Nigeria an einem  - ich nenne es mal so: Rückkehrpaket. Schließlich wollen die Menschen grundsätzlich in ihre Dörfer zurück, sobald sie sich sicher fühlen. Denn hier können sie wieder eigenständig für sich sorgen. Es braucht aber Starthilfen und eine Atmosphäre des Vertrauens. Versöhnungskomitees und Programme zur Reintegration auch von jungen Menschen, die in die Hände der Boko Haram gerieten, müssen Teil eines solchen Programms sein.


Mai 2017 / das Interview führte Martina Backes