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Afrika

Chancen für Chancenlose

Sierra Leone: Ernährung sichern

Trainingsprogramm für stillende Mütter

Mutter mit hellharigem Kind auf dem ArmDiese Mutter nimmt mit ihrem jüngsten Kind an einem Ernährungskurs teil. Die hellen Haare sind ein Zeichen von Mangelernährung.Birgit Kemmerling

Die Kindersterblichkeit unter fünf Jahren gilt als wichtiger Indikator für menschliche Entwicklung. Die hohe Kindersterblichkeit wie in Sierra Leone alleine damit zu erklären, dass es an Nahrung fehlt oder Infektionskrankheiten verbreitet sind, wäre zu einfach. Daher ist auch eine Verteilung von Lebensmitteln oder Antibiotika keine nachhaltige Lösung.

Viele Kinder in Sierra Leone leiden unter einem Eiweiß-Energie-Mangel, auch als Kwashiorkor bezeichnet. Der Begriff kommt aus der ghanaischen Ga-Sprache und bedeutet "die Krankheit, die ein Kind bekommt, wenn ein neues Kind geboren wird". Dahinter steht ein Mangel an Eiweiß; die Folgen sind Schwäche, Krankheiten, Wachstumsstörungen und Benommenheit.

In der Region Kenama stehen Früchte, Fisch und Getreidearten in großer Vielfalt und zu einem erschwinglichen Preis zur Verfügung. Sie könnten für die Zubereitung einer proteinreichen Babynahrung verwendet werden. Aufgrund alltäglicher Zwänge schaffen es viele Eltern und alleinstehende Mütter jedoch nicht, ihre Kinder mit Fisch oder gar Früchten zu ernähren. Gleichzeitig fehlt es oft an guten hygienischen Bedingungen im Umfeld der Familien. Das Risiko, krank zu werden, ist somit hoch.

Wer Hunger hat, kann nur schwer aktiv am Leben teilhaben

Seit 2003 führt Caritas international ein Trainingsprogramm für stillende Mütter durch, in Zusammenarbeit mit den Klosterschwestern The Sisters of St. Joseph of Cluny. In der Diözese Kenema lernen Mütter, proteinhaltige Nahrung für Kleinkinder zuzubereiten: zwischen 2003 und 2015 konnten so 4.810 Frauen, meist junge Mütter, an einem umfangreichen Training teilnehmen. Zurzeit werden weitere tausend junge Mütter über zwei Jahre geschult. Dafür bieten die sisters 30 Fortbildungen an von je vier Monaten Dauer.

Die Sisters of St. Joseph of Cluny, die seit vielen Jahren im Bereich der Flüchtlingshilfe und der Kinderernährung arbeiten, zeigen Müttern von mangelernährten Kleinkindern, wie sie die lokalen Nahrungsmittel für eine proteinreiche Babynahrung nutzen können. In den Dörfern, in denen die Cluny Schwestern aktiv sind, ist die Sterblichkeitsrate der Kleinkinder gesunken. Denn inzwischen suchen die Mütter zeitnah einen Arzt auf oder beanspruchen anderweitig Hilfe.

Frau vor ihrer offenen KochhütteKochbananen gehören hier zu den Grundnahrungsmitteln - doch für eine vitaminreiche ausgewogene Ernährung sind auch spinatartige Gemüsesorten wichtig.Martina Nerz

Basisernährung und Gesundheitsprävention

Derzeit konzentrieren die Schwestern ihr Programm zur Basisernährung und Gesundheitsprävention auf acht Dörfer in der Region Gbense und Tankoro, in denen über 1.000 unterernährte Babys und Kleinkinder unter fünf Jahren sowie ihre Mütter von dem Ernährungsprogramm profitieren: in Quidadu, Baiama, Penduma, No. 11 Village, Wendadu, Kissi Town, Bengazi und Yomandu.

Die Schwestern, die inzwischen viel Vertrauen unter der lokalen Bevölkerung genießen, bieten Fortbildungen in den Bereichen Nahrungsmittelzubereitung, Basisernährung, Gesundheitsvorsorge und Hygiene an. In einem viermonatigen Kurs werden die Mütter darüber informiert, wie man Unterernährung identifiziert und das Problem durch gute Ernährungspraktiken behebt. Sie tauschen ihre Sorgen aus und suchen nach Wegen, um eine Nahrung aus Fisch, Sesam und Früchten herzustellen, die nach Möglichkeit ohne finanziellen Aufwand lokal verfügbar sind.

Auch wird gemeinsam mit stillenden Müttern nach einer Strategie gesucht, die Existenz zu sichern, denn nur dann finden die Mütter die Zeit, sich um die Ernährung ihrer Kleinen zu kümmern.

Ein Schlüssel in der Arbeit der Schwestern ist die Vergemeinschaftung des Wissens. Die von ihnen vermittelten Kenntnisse werden in Dorfkomitees weitergegeben, denn je mehr Gemeindemitglieder dieses Wissen teilen, desto nachhaltiger ist die Arbeit der Schwestern. So kann die Hilfe von Caritas international dank der Ortskenntnisse der Schwestern nachhaltig gegen die Kindersterblichkeit und akute Ernährungsmangel in Sierra Leone eingesetzt werden.

März 2017