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Afrika

Chancen für Chancenlose

Sierra Leone: Ernährung sichern

Mädchen schaut über die StadtSTadtteil Mabella in Freetown während der offiziellen Feiern des Ende der Ebola-KriseTommy Trenchard / Caritas

Nur langsam erholt sich das von jahrzehntelangen Bürgerkriegen gebeutelte Land. Unsichere und teils ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in der Exportlandwirtschaft sowie im Bergbausektor erschweren es vielen Familien, ein Einkommen zu erwirtschaften, das für alle reicht.

Die Arbeitslosigkeit ist im ganzen Land hoch, vor allem unter den Jugendlichen. Im Krieg wurden viele Menschen zu Invaliden, sodass sie kaum Chancen haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Besonders schwer wiegen die psychischen Verletzungen bei den ehemaligen Kindersoldaten, die zum großen Teil nie zur Schule gegangen sind und als Analphabeten nun kaum Perspektiven haben.

Späte Folgen vieler Kriegsjahre

Viele junge Menschen, die über Jahre in den Bürgerkrieg verwickelt waren, haben nicht gelernt, von der Landwirtschaft zu leben oder für eine ausgewogene Ernährung zu sorgen. Der Krieg hat neben vielen Menschenleben auch das lebensnotwendige Wissen derer gekostet, die auf dem Land leben und hier ein Auskommen suchen. Oft wird nur Kassava angebaut, weil Geld für Saatgut fehlt. Der Kassavabrei nimmt zwar den Hunger und stopft den Magen der Kinder, aber er ernährt sie nicht.

Oft sind es die Kinder und Mütter, die unter den harschen Bedingungen besonders leiden. Wenn die Mahlzeiten einseitig und ohne Eiweiß bleiben, wenn der leere Geldbeutel im Falle einer Krankheit über Leben und Tod entscheidet, schlägt das bei der Müttersterblichkeit und Kindersterblichkeit negativ zu Buche: So ist die Müttersterblichkeit in Sierra Leone mit 890 von 100.000 Frauen eine der höchsten weltweit, nur im Tschad ist sie höher.

Frau vor ihrer offenen Kochhütte Kochbananen gehören hier zu den Grundnahrungsmitteln - doch für eine vitaminreiche ausgewogene Ernährung sind auch spinatartige Gemüsesorten wichtig.Foto: Martina Nerz

Latente Ernährungskrise

Dabei gibt es regionale Unterschiede. In Sierra Leone erleben derzeit 185 von 1.000 Kindern ihren fünften Geburtstag nicht, in der Region Kono sind es sogar 238. Das Tankoro-Gebiet im Distrikt Kono ist reich an Diamanten. Die Region war während des Krieges von zahlreichen Wanderbewegungen, gewaltsamen Konflikten und Umsiedlungen betroffen. Die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung ist hier besonders prekär und unsicher. Viele schuften in den Diamanten-Minen oder leben von dem, was die eigenen Felder hergeben. Wenn eine Ernte nicht ausreicht und keine Rücklagen vorhanden sind, ist das Überleben der schwächsten und schutzlosen Mitglieder der Gemeinschaft akut bedroht.

Im Tankoro-Gebiet können 85 Prozent der Männer und 95 Prozent der Frauen nicht ausreichend lesen oder schreiben, die landesweite Analphabetenrate liegt bei 48 Prozent. Im Durchschnitt besuchte jeder Erwachsene über 15 Jahre die Schule für nur 3,3 Jahre. Daher können sich viele ohne Unterstützung kaum für ihr Recht auf Gesundheit, Bildung und Nahrung einsetzten. Insbesondere den vielen jungen Menschen fehlt das Wissen über eine angemessene Kinderernährung, Kinderpflege und lebenswichtige Hygienestandards. Dabei stehen in der Region selber viele Früchte, Fisch und Getreidearten zur Verfügung, die zur Zubereitung einer proteinreichen Babynahrung notwendig sind. Diese Nahrungsmittel sind zu relativ niedrigen Preisen das ganze Jahr über verfügbar.

Gesundheitsversorgung nach der Ebola Krise

Große Investitionen der internationalen Gemeinschaft in den vergangenen Jahren konzentrierten sich darauf, das Ebola-Virus einzudämmen. Mit dem Ende des Ausbruchs zeigt sich jedoch, dass die medizinische Infrastruktur insgesamt kaum verbessert wurde, insbesondere in den abgelegenen Teilen im Osten des Landes, so auch in Koidu. Die Epidemie hat zudem  viele Waisenkinder und Halbwaisen hinterlassen, wodurch sich die Ernährungslage für Kleinkinder insgesamt weiterhin verschlechtert hat.

Während für die Menschen in Europa Ebola schon lange Geschichte ist, sind die Gemeinden in Sierra Leone und Liberia mit den langfristigen Folgen dieser Epidemie konfrontiert. "Ich bin mit Überlebenden zusammengetroffen, die tatsächlich das Virus überstanden haben. Diese Menschen werden vielfach in ihrer Gesellschaft, ob in der Familie, von der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz (falls vorhanden), stigmatisiert und ausgegrenzt, aus Angst davor, in ihnen sei das Virus doch noch vorhanden und virulent. Sie leiden gleichzeitig an vielen medizinischen Folgen", so Vera Jeschke, Referentin bei Caritas international. "Die Zahl von (Halb-)Waisen oder von Alleinerziehenden, die nun mit einer Vielzahl von Kindern alleine dastehen, ist in den betroffenen Dörfern und Regionen ganz erheblich."

Gesundheitsversorgung verbessern

Die kostenlose Gesundheitsversorgung, die am 49. Jahrestag der Unabhängigkeit von Großbritannien im April 2010 eingeführt wurde, war ein Schritt nach vorne. Hier hat der Staat Verantwortung übernommen und vielen das Leben gerettet. Dennoch sind die Sterblichkeitsraten bei Kindern und Frauen hoch. Nötig sind weitere Schritte, um das Risiko von Krankheiten zu minimieren und Gesundheit zu fördern. Mit einer angemessenen Ernährung und Hygiene kann vielen Krankheiten vorgebeugt werden, und jede medizinische Versorgung hat dann größere Aussicht auf Erfolg.

Caritas international unterstützt daher die Arbeit des Ordens Sisters of St. Joseph of Cluny - kurz Cluny Sisters. Die Cluny Sisters sind ein langjähriger Projektpartner in Westafrika, mit dem bereits vielfältige Projekte im Bereich Flüchtlingsarbeit und Ernährungssicherheit durchgeführt wurden.

März 2017