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Afrika

Flucht und Migration

Südsudan: Hilfe für Vertriebene

DMI Schwestern im Südsudan im Gespräch mit Frau und Kindern am Wasser holenDie DMI Schwestern leisten unterstützen die Menschen im UN-Lager in Juba. Foto: Caritas international / Philipp Spalek Philipp Spalek

Am fünften Jahrestag der Staatengründung gab es nichts zu feiern in dem jüngsten Staat auf dem afrikanischen Kontinent. Kurz vor dem Unabhängigkeitstag am 9. Juli 2016 flammten die bewaffneten Kämpfe zwischen Streitkräften und Ex-Rebellen in der südsudanesischen Hauptstadt Juba wieder auf. Ex-Vizepräsident Riek Machar wurde von seinem Widersacher und Präsident Salvar Kiir nach dem neuerlichen Ausbruch der Kämpfe abgesetzt. Die politische Krise und die unüberschaubaren Kampfhandlungen haben zu einer neuen Flüchtlingsbewegung geführt.

In den ersten drei Wochen im Juli 2016 flüchteten mehr als 37.000 Menschen aus dem Südsudan. Neun von zehn Flüchtlingen sind Frauen und Kinder, denn die südsudanesischen Männer werden vielfach zwangsweise von bewaffneten Gruppen rekrutiert oder an der Ausreise gehindert.

Aufgrund der hohen Zahl flüchtender Frauen und Kinder sind die Aufnahmelager in Uganda zeitweise hoffnungslos überfüllt, Wasser ist knapp und die Menschen schlafen unter freiem Himmel. 4,8 Millionen Menschen sind nach Schätzngen der UN von akutem Hunger bedroht - das ist etwa jede zweite Einwohner/in. Insgesamt flüchteten nach UN-Angaben inzwischen mehr als 830.000 Menschen aus dem Südsudan in die Nachbarländer Äthiopien, Sudan und Uganda.

Eduardo Hiiboro Kussala, Katholischer Bischof der Diözese Tambura-Yambio im Südsudan, betonte, die Folgen der tödlichen Kämpfe rund um die Stadt Wau 650 Kilometer nordwestlich von Juba müssten dringend von einem unabhängigen Komitee untersucht werden. In Wau waren Ende Juni mehr als 40 Menschen getötet worden, rund 70.000  wollten daraufhin aus der Stadt fliehen. Der Kirchenrat im Südsudan betont, das nicht anerkannte Leid der Menschen durch Jahrzehnte des Krieges habe  Menschen mit verwundenen Seelen hinterlassen. Ohne die Ankerkennung des Leids, Schritte zur Wahrheitsfindung und Versöhnung könnten diese offenen Wunden nicht heilen.

Rückblick

Bereits kurze Zeit nach der Staatsgründung 2011 begann im Südsudan ein Machtkampf zwischen Staatspräsidenten Salvar Kiir, der sich als Dinka bezeichnet, und dem damaligen Vizepräsident Riek Machar, Angehöriger der Nuer. Als Kiir Vizepräsident Machar absetzte, kam es zwischen den beiden Lagern zu ersten Kämpfen, die schließlich in einen offenen Bürgerkrieg mündeten. Aus dem Ringen um Macht und Einfluss war ein ethnischer Konflikt geworden, der seither auf brutale Weise und auf Kosten der Zivilbevölkerung ausgetragen wird. Machar, der die oppositionelle Rebellenarmee anführt, flüchtete selbst nach Ausbruch des Bürgerkriegs ins Exil. Die ersten Friedensgespräche in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba waren zunächst zum Stillstand gekommen, doch auf internationalen Druck unterzeichneten beide Seiten im August 2015 ein Friedensabkommen.

Leider brachte das Abkommen nicht den von der Bevölkerung ersehnten Frieden, die Kämpfe gingen nahezu unvermindert weiter. Hoffnung auf Frieden keimte zuletzt auf, als Machar nach zwei Jahren im Exil im April 2016 in die Hauptstadt Juba zurückgekehrte und erneut zum zweiten Mann im Staat vereidigt wurde. Inzwischen hat Pärsident Kiir Machars Rivalen Deng, ehemals Bergbauminister, zu seinem Nachfolger ernannt.

Vergessenen Krise - andauerndes Leid

Der Krieg hat das Land und seine Bevölkerung längst in große Not gebracht. Besonders gravierend sind die Folgen in den Provinzen Unity und Upper Nile, wo die meisten Menschen durch die Kämpfe vertrieben wurden oder aus Angst vor drohenden Übergriffen ihre Dörfer verlassen haben.

Rund 35.000 Vertriebene leben im UN-Camp in Juba.Rund 35.000 Vertriebene leben im UN-Camp in Juba.Foto: Philipp Spalek

Viele suchen Zuflucht in sichereren Landsteilen oder in einem der sechs im Land verteilten UN-Camps, den so genannten „Protection of Civilians“. Allein im Camp in Bentiu (Unity) leben über 50.000 Vertriebene, im UN-Camp in Juba leben knapp 35.000 auf engstem Raum in einer Zeltstadt. Die hygienischen Zustände sowie die medizinische Versorgung in den überfüllten Lagern sind sehr schlecht, das Wasser streng rationiert und immer knapp. Zwei Mal am Tag können die Menschen an wenigen Wasserstellen ihre Kanister füllen.

Nahrungsmittel sind knapper denn je

Die eskalierende Gewalt und Angst vor Übergriffen sorgen seit nunmehr über zwei Jahren dafür, dass Felder in vielen Teilen des Landes nicht bestellt wurden und Ernten ausblieben. Mit fatalen Folgen für die ohnehin seit jeher von Lebensmittelimporten stark abhängige Bevölkerung. Gerade diejenigen, die sich nicht in die Nachbarstaaten flüchten oder eines der UN-Camps erreichen konnten, leben in großer Unsicherheit. Sie wissen oft nicht einmal, was und ob sie morgen oder in den kommenden Tagen und Wochen zu essen haben. Hunger und Mangelernährung drohen weiter um sich zu greifen. Laut einem 2016 veröffentlichten Bericht der UN sind rund sechs Millionen Menschen im Südsudan auf humanitäre Hilfe angewiesenen und mindestens zwei Drittel davon leiden Hunger. Der in weiten Teilen des Landes seit Monaten ausbleibende Regen und die damit einhergehende Dürre erschweren die Ernährungslage zusätzlich.

Schwache Wirtschaft – marode Infrastruktur

Während der südliche Teil des ursprünglichen Sudan früher als „Brotkorb“ für das inzwischen geteilte Land galt, konnte der seit 2011 unabhängige Südsudan seine Bevölkerung trotz seines Reichtums an Ressourcen wie Gold, Holz oder Kaffee nie ausreichend mit Nahrungsmittel versorgen. Zwar sind Klima und Bodenbeschaffenheit grundsätzlich für die Landwirtschaft geeignet, doch in einigen Regionen schreitet die Umweltzerstörung stark voran.

Ein weiteres Problem ist die nicht immer legale Landnahme durch große Unternehmen, durch die die Bevölkerung den Zugang zu Land verliert. So importierte der Südsudan schon vor Beginn des Bürgerkriegskriegs die meisten Lebensmittel aus Uganda. Durch den Krieg spitzte sich diese Abhängigkeit dadurch extrem zu, dass die Lebensmittelpreise in die Höhe schnellten, während die lokale Währung inzwischen auf ein Rekordtief fiel. Die Inflationsrate im Südsudan liegt bei 300 Prozent, die Landeswährung verlor seit Dezember 90 Prozent ihres Wertes. Selbst Beamte und Streitkräfte wurden seit Monaten nicht mehr bezahlt.

Gesundheitsversorgung erliegt der Krise

Zudem fehlt dem jungen Staat Südsudan eine funktionierende soziale Infrastruktur. Es gibt zu wenige Schulen, extrem schlechte Straßen und nur schwache Kommunikationsnetze.

Wasserlieferung im UN-Camp in Juba.Wasserlieferung im UN-Camp in Juba.Foto: Philipp Spalek

Das Land hatte kaum Zeit, öffentliche Einrichtungen aufzubauen. Die Gesundheitsversorgung war bereits vor Ausbruch des Kriegs extrem mangelhaft. Auf eine Million Einwohner/innen kamen 15 Ärzte bzw. Ärztinnen und 20 Krankenpfleger/innen. Inzwischen sind weit über die Hälfte der medizinischen Einrichtungen zum Erliegen gekommen, während der Bedarf durch die vielen zivilen Kriegsverletzten aber stark zugenommen hat.

Durch die steigenden Lebenserhaltungskosten und Zerstörung der Infrastruktur infolge der Kämpfe ist zudem der Zugang zu Wasser extrem eingeschränkt. Die bereits vor der Eskalation des Konfliktes schwierige Lage macht es nicht leicht, Nothilfe gezielt und zur rechten Zeit zu leisten. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird das schwieriger, und die Risiken einer Hungersnot für die Menschen größer. Caritas international unterstützt die Notleidenden im Südsudan über ein gemeinsames Nothilfeprogramm des internationalen Caritas Netzwerks, u.a. mit Beteiligung der amerikanischen, britischen, irischen schweizerischen und niederländischen Caritasverbände - und vor allem dank der lokalen Partner vor Ort.

Juli 2016