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Afrika

Flucht und Migration

Südsudan: Dürre und Vertreibung

Beistand für geschundene Seelen im Südsudan

Das UN-Camp für Vertriebene liegt am Stadtrand der Hauptstadt Juba.Das UN-Camp für Vertriebene in Juba.Foto: Philipp Spalek

Viele der rund 35.000 Menschen, die zum Teil bereits seit Ausbruch des Bürgerkriegs im Dezember 2013 im UN-Camp Juba leben, haben Schreckliches erlebt. Ihre Dörfer wurden von bewaffneten Rebellengruppen regelrecht überrannt, ihre Hütten verbrannt, Nutztiere erbeutet und die Bewohner/innen verjagt. Nicht wenige berichten von Vergewaltigungen und grauenhaften Morden. So auch Nyakuma, die bei einem dieser Angriffe ihre Mutter verloren hat. Ihr Vater und mehrere Brüder konnten in den Busch flüchten, von ihnen fehlt seither jedes Lebenszeichen. Die junge Frau hat es mit ihrem kleineren Bruder und ihrem Ehemann von Bentiu in der Provinz Unity bis nach Juba geschafft.

Nothilfe nach Unruhen im Juli 2016

Geschichten wie die von Nyakuma hören die Schwestern der "Daugthers of Mary Immaculated" (DMI) im Camp tagtäglich. Zu ihrer alltäglichen Arbeit kommt aber auch immer wieder die Angst vor neuen Gewaltausschreitungen. Kurz vor dem Unabhängigkeitstag am 9. Juli 2016 flammten die bewaffneten Kämpfe zwischen Streitkräften und Ex-Rebellen in der südsudanesischen Hauptstadt Juba wieder auf. Ex-Vizepräsident Riek Machar wurde von seinem Widersacher und Präsident Salvar Kiir nach dem neuerlichen Ausbruch der Kämpfe abgesetzt. Die politische Krise und die unüberschaubaren Kampfhandlungen führten zu einer neuen Flüchtlingsbewegung.

Caritas international initiierte daraufhin innerhalb weniger Tage ein akutes Nothilfeprojekt, in dem 1.500 Familien mit Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln versorgt werden. Die schnelle Umsetzung der Hilfen nur wenige Tage nach den Unruhen gelang nur aufgrund des herausragenden Engagements der DMI Schwestern und der freiwilligen Helfer in den Gemeinden. Unterstützt werden in dem Nothilfeprojekt vor allem weiblich geführte Familien, Familien deren Häuser geplündert oder die verletzt wurden sowie Familien, die weder Land noch Vieh besitzen und keine Lebensgrundlage haben.

Seelischer Beistand und Fürsorge

Die junge Mutter Nyakuma lebt seit 2015 im UN-Camp in Juba.Die junge Mutter Nyakuma lebt seit 2015 im UN-Camp in Juba.Foto: Philipp Spalek

Um den Menschen mit psychosozialer Beratung beistehen zu können, unterstützt Caritas international die Arbeit der indischen Kongregation, die sich seit 2012 notleidenden Menschen im Südsudan widmet. Die Schwestern, die am Stadtrand von Juba stationiert sind, nehmen sich die Zeit, um die Erlebnisse der Camp-Bewohner/innen anzuhören. Sie spenden Trost, und sie versuchen täglich, ihnen aufs Neue Mut und Hoffnung zu machen. Es ist vor allem die unsichere Zukunft, die vielen im Lager zu schaffen macht: Niemand weiß, wie lange sie im Lager ausharren müssen und wie es danach für sie weitergeht.

Medizinische Hilfe und nährstoffreiche Kost für Mütter

Doch auch die Verhältnisse im Camp sind sehr problematisch. Das Wasser ist streng rationiert und nie genug, die hygienischen Bedingungen und die medizinische Versorgung sind schlecht. Die Menschen schlafen in ihren Zelten zum größten Teil auf dem nackten Erdboden. In der Trockenzeit wird es unter den Zeltplanen unerträglich heiß. Wenn der Regen einsetzt, sorgen Ratten und Stechmücken für zusätzliche Gesundheitsrisiken.

Die medizinische Sprechstunde der Schwestern ist für viele im Camp die einzige Chance auf eine professionelle Behandlung.Für die medizinische Sprechstunde funktionieren die Schwestern ein Klassenraum in einen Wartesaal um.Foto: Philipp Spalek

Da es im Camp nur eine kleine zentrale Klinik, aber kaum professionell geschultes Personal gibt, bieten die Schwestern in regelmäßigen Abständen medizinische Sprechstunden an- mit einer zur Ärztin ausgebildeten Schwester. Hunderte, überwiegend Frauen und Kinder, haben so die Chance auf eine professionelle medizinische Behandlung und erhalten dringend benötigte Medikamente. Um gegen Unterernährung vorzugehen, haben die Schwestern zudem ein Programm für Schwangere, stillende Mütter und Kinder unter fünf Jahren eingerichtet. Neben Beratung erhalten die Mütter spezielle Lebensmittelpakete, um sich und ihre Kinder mit ausreichend Nährstoffen zu versorgen.

Unterricht für rund 500 Kinder

Für die Kinder ist der Alltag im Camp besonders schwer. Außer einem provisorischen Fußballplatz gibt es kaum Beschäftigungsmöglichkeiten. Gerade die Mädchen trauen sich auch tagsüber kaum für längere Zeit weit von der Zeltunterkunft der Familie weg. Zu groß ist die Angst, es könnte auch innerhalb des Camps zu gewaltsamen Auseinandersetzungen oder gar Übergriffen kommen.

Schule der DMI-Schwestern im UN-CampSchule der DMI-Schwestern im UN-CampFoto: Philipp Spalek

Um ihnen einen geschützten Raum zu bieten, vor allem aber auch, um ihre Zeit im Camp nicht zu einer verlorenen Zeit werden zu lassen, haben die Schwestern eine kleine Schule aufgebaut. Hier erhalten aktuell rund 500 Kinder Zugang zu Bildung. Für die Vorschulkinder wurde ein Ort mit altersgerechten Spielmöglichkeiten für etwas Abwechslung in ihrem täglichen Lagerleben geschaffen. Die Sechs- bis Vierzehnjährigen werden nach offiziellen Lehrplänen unterrichtet und erhalten Schulmaterialien sowie Informationen über Ernährung, Hygiene und Gesundheitsvorsorge. Auch sie bekommen von Schwestern regelmäßig Lebensmittelpakete für zu Hause.

Vorbereitung auf ein Leben außerhalb des Camps

Die meisten Menschen im Camp sind von ihren schrecklichen Erlebnissen und ihrer Flucht im eigenen Land so traumatisiert, dass sie sich kaum vorstellen können, die im Lager wiedergewonnene Sicherheit freiwillig aufzugeben. Gleichzeitig wissen sie, dass das Leben im Camp nur eine Übergangslösung sein kann. Auch den Schwestern ist klar, dass eine Entwicklung und Befriedung des Landes nur gelingen kann, wenn die Vertriebenen einen Neubeginn außerhalb der Camps wagen.

Die Schwestern haben immer ein offenes Ohr für Ängste und Sorgen der Menschen im Camp.Die Schwestern haben immer ein offenes Ohr für Ängste und Sorgen der Menschen im Camp.Foto: Philipp Spalek

Um den Reintegrationsprozess zu unterstützen, haben die Schwestern der indischen Kongregation so genannte Friedens- und Aussöhnungskomitees gebildet. Ziel dieser Komitees ist es zum einen, die Bewohner/innen im Camp auf eine Rückkehr in Gemeinden außerhalb vorzubereiten. Zum anderen geht es darum, in den Gemeinden gute Voraussetzungen für ihre Aufnahme zu schaffen. Ein wichtiger Bestandteil der Friedensarbeit sind neben Bildungsangeboten auch kulturelle Aktivitäten, die Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und mit unterschiedlichen Erfahrungen einander näherbringen und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken sollen.

Getreide und Gemüse für ein besseres Leben

In einem Staat, in dem Krieg herrscht, in dem funktionierende wirtschaftliche und soziale Strukturen weitestgehend zusammengebrochen sind, ist es umso wichtiger, die Menschen in ihrer Versorgung unabhängiger zu machen.

Mit Unterstützung der Caritas organisieren die Schwestern landwirtschaftliche Schulungen.Mit Unterstützung der Caritas organisieren die Schwestern landwirtschaftliche Schulungen.Foto: Philipp Spalek

Daher organisiert die Schwesterngemeinschaft – unterstützt von Caritas international – in zahlreichen Gemeinden und Dörfern landwirtschaftliche Schulungen, um die Ernährung der Menschen durch den Anbau von Getreide und Gemüse auf sicherere Beine zu stellen. Zudem bilden und schulen die Schwestern ländliche Frauengruppen, um Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Um Kindern – über 70 Prozent aller Schulpflichtigen im Südsudan besuchen inzwischen keine Schule mehr – wieder Unterricht zu ermöglichen, gründen sie in den Dörfern Bildungs-Komitees und statten diese mit Lehrmaterialien aus.

Juli 2016