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Afrika

Teilhabe bei Behinderung

Tansania: Förderung von Kindern mit Behinderung

Portrait einer Mitarbeiterin

Anna MolellAnna Mollel bei ihrem Besuch in Deutschland Stefan Teplan / Caritas international

Der World Children’s Prize gilt als eine Art alternativer Nobelpreis für Menschen, die sich besonders für die Rechte von Kindern einsetzen. Dass ihn nun im Jahr 2012 die Caritas-Kollegin Anna Mollel aus Tansania erhält, bedeutet für sie so etwas wie die Krone ihres langjährigen und verdienstvollen Engagements für Kinder mit Behinderung. Sicher. Dass ihn die schwedische Königin Silvia Sommerlath in einer feierlichen Zeremonie im Schloss Gripsholm überreicht hat, macht sie stolz. Sicher. Was sie aber noch stolzer und freudiger stimmt, erklärte sie in einer ersten Reaktion auf die Überreichung des Preises an sie: "Von Kindern in aller Welt geehrt, unterstützt und geliebt zu werden, das bedeutet für mich so viel, dass ich es gar nicht in Worten ausdrücken kann", dankt sie der Jury. Die besteht nämlich nicht aus königlichen, politischen oder wissenschaftlichen Kreisen. Es sind Kinder an Schulen weltweit, die darüber abstimmen, wer sich ihrer Meinung nach am verdienstvollsten für die Rechte ihrer Altersgenossen von 1 bis 20 verdient gemacht hat. Und das ist im Jahr 2012 die heute 60-jährige Anna Mollel, die schon, als sie selbst noch ein kleines Kind war, davon geträumt hat, "etwas Gutes für benachteiligte Kinder zu tun."

Das Schlüsselerlebnis dazu hatte sie im Alter von fünf Jahren durch ihre Freundin Naurei. Anna und Naurei wuchsen in einem Massai-Dorf in Tansania auf. Die beiden waren ein ungleiches Paar. Anna hatte als Tochter des Häuptlings Privilegien, Naurei nur Nachteile: Sie konnte durch eine Behinderung mit fünf Jahren noch nicht laufen. In einigen ländlichen Gegenden Tansanias wird eine Behinderung von vielen gleichgesetzt mit einem bösen Zauber oder Fluch. Viele Kinder mit Behinderung in Tansania werden daher ihr Leben lang in der hintersten Ecke einer Hütte versteckt. Im günstigsten Fall. Andere werden ausgesetzt oder getötet.

Vielleicht wäre auch Naurei dieses Schicksal widerfahren, hätte es nicht ihre Freundin Anna gegeben, die die Sache mit dem bösen Zauber selbst nur für faulen Zauber hielt. Die kleine Anna beharrte - gegen die herrschende Meinung ihrer Dorfgemeinschaft - stur darauf, dass "Naurei ebenso ein Recht hat zu leben wie alle anderen auch."

So begann die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, die auch heute, nach fünf Jahrzehnten, noch andauert. Dass Anna als junges Mädchen ihr Herz für Menschen mit Behinderung entdeckt hatte, war nicht nur Naureis Glück, sondern das Glück Tausender Menschen in Tansania. Anna Mollel hat sie davor bewahrt, geächtet, versteckt, ausgesetzt oder getötet zu werden.

Gegen den starken Widerstand ihres Vaters - Annas Mutter wurde dafür geschlagen, weil der Häuptling glaubte, sie habe Anna aufgehetzt - widersetzte sie sich einer arrangierten Heirat mit einem älteren Mann und machte statt dessen eine Ausbildung: Sie wurde Krankenschwester. In Monduli, am Fuße des gleichnamigen Berges, half sie, das Caritas-Rehazentrum "Huduma ya Walemavu" für Menschen mit Behinderung aufzubauen - das erste seiner Art im ganzen Land. Es wird von Caritas international unterstützt und genießt inzwischen weltweit Ansehen. 1990 begann Anna Mollel dort als Assistentin der Leiterin. Bald wurde das Projekt mit dem Heim für behinderte Kinder und der Organisation von Operationen (mehr dazu unter Förderung von Kindern mit Behinderung) auf ihre Initiative hin erweitert. Sie initiierte die professionelle Aufklärungsarbeit zu Behinderungen in der Massai-Bevölkerung.  

Eine Frau mit einem behinderten Mädchen im RollstuhlAnna Mollel mit einer FreundinTora Mårtens/World's Children's Prize

Seither fährt ein Team von Mitarbeiter(inn)en von Dorf zu Dorf, schult die lokalen Heiler und Hebammen, spricht mit den Familien der Betroffenen, klärt auf und unterrichtet in Methoden der Diagnostik und der Pflege für Behinderte. Oft befreien die Caritas-Kolleg(inn)en in Tansania dabei erst Kinder aus deren finsteren Verstecken. "Manchmal", erzählt Anna Mollel, "müssen wir stundenlang mit einer Mutter reden, bevor sie ihr behindertes Kind unter schmutzigen Decken hervorholt. Ein solches Kind reagiert dann oft wie ein Neugeborenes. Wir haben Sechsjährige gefunden, die überhaupt nicht wussten, dass sie sehen und hören können. Ähnlich berührt mich auch das Schicksaal junger Erwachsener, denen Fluorose das ganze Skelett bis hin zu den Kopfknochen zerstört hat."

Von 2000 bis 2008 leitete Anna Mollel das Zentrum Huduma ya Walemavu. Im Rückblick, so erzählt sie, freut es sie am meisten, dass es "in vielen hundert Fällen gelungen ist, die Kinder nach ihrer Rehabilitation in die dörfliche Gemeinschaft und ins normale Schulleben einzugliedern." Anna Mollel ist inzwischen pensioniert und hat die Leitung an ihre Nachfolgerin Mireile Kapilima übergeben. Weiterhin aber engagiert sich Anna Mollel ehrenamtlich für das Behindertenzentrum und betreibt in Tansania Lobbyarbeit für mehr Inklusion im Land. Dazu trägt vielleicht nun auch die Aufmerksamkeit der tansanischen Medien (mehrere afrikanische Zeitungen berichteten) bei, die ihr durch den "World Children’s Prize verstärkt zuteil wird. Der Preis ist nicht nur eine persönliche Ehrung, sondern letztlich auch eine Anerkennung für die Qualität der Caritas-Arbeit.

Stefan Teplan, Mai 2012