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Afrika

Konflikte und Krisen

Tschadsee: Hungerkrise

In Zentralafrika, am Südrand der Sahara gelegen, grenzt der Tschadsee an die Länder Tschad, Nigeria, Niger und Kamerun. Sein Wasser und seine Fischvorkommen sind eigentlich die Lebensgrundlage vieler Millionen Menschen. Doch die Situation verschlechtert sich seit Jahren - durch Terror, Krieg und durch den Klimawandel.

Ein Polizist in einem erstörten DorfMit Bomben, Selbstmordattentätern und Entführungen verbreitet Boko Haram Angst und Schrecken.Foto: Sam Phelps / Caritas Internationalis

Krieg, Terror und Hunger gehen Hand in Hand

Die gegenwärtige Krise hat verschiedene Ursachen. Mit Bombenanschlägen, Selbstmordattentaten und Entführungen terrorisiert die IS-nahe Gruppierung Boko Haram die bitterarmen Menschen in der Region und den angrenzenden Ländern. Zivilisten werden getötet, Häuser angezündet und Besitz geplündert. Krieg und Terror haben auch zur Folge, dass Fischer ihren Fang nicht mehr zum Markt bringen und verkaufen können, Felder teilweise seit Jahren nicht mehr bestellt und die wenigen verbliebenen Lebensmittel deshalb immer teurer werden.

Sieben Millionen Menschen haben laut Schätzungen in der Region nicht mehr genug zu essen. Beschleunigt wird die Nahrungskrise durch den Klimawandel: Der riesige Tschadsee trocknet immer weiter aus, die Landwirtschaft trägt immer weniger Früchte. Die fortschreitende Umweltzerstörung und der Klimawandel haben den See auf zehn Prozent seiner ursprünglichen Größe (im Vergleich zu 1960) zurückgehen lassen.

Tschadische "Rückkehrende" suchen Bleibeperspektive

Infolge der politischen Konflikte in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) sind im Laufe der letzten Jahre Tausende in die südlichen Bezirke des Tschad geflohen. Nach dem Vormarsch der bewaffneten Séléka in ZAR kam es bei der Gegenreaktion der Anti-Balaka zu massiven Übergriffen an Muslimen. Die ehemals aus dem Tschad  stammende Bevölkerung in der Grenzregion war davon besonders betroffen, woraufhin die tschadische Regierung aktiv die Flüchtenden unterstützte. 70.000 Opfer verblieben so vor allem im Südtschad unweit der Grenze in den Diözesen Goré und Moundou, hier wurden größere Camps angelegt und Land zur Verfügung gestellt. Im März 2016 zählte die Internationale Organisation für Migration (IOM) in den Camps Danamadji und Kobiteye in der Diözese Goré knapp 20.000 Geflüchtete. Die  Betroffenen werden sowohl in der ZAR als auch von der Regierung im Tschad als Tschader angesehen und somit als "Rückkehrer" bezeichnet.

Die geflüchteten Menschen haben vielfach keine Papiere, sie gelten als Staatenlose und haben keine Nationalität und damit zunächst keinen Zugang zu Versorgungsstrukturen. Sie sind auf die Unterstützung von Hilfswerken angewiesen. Seit sich die tschadische Regierung sowie zahlreiche internationale Hilfsprogramme aus der Region zurückgezogen haben, nehmen Landkonflikte in Goré zu, denn die Menschen aus Danamadji und Kobiteye sind umso mehr darauf angewiesen, für ihr eigenes Auskommen zu sorgen. Sie wollen Land bewirtschaften und Viehzucht betreiben. Seit Juni verschärfen sich die gewaltsam ausgetragenen Konflikte in der ZAR erneut. Damit ist für die Geflüchteten klar, dass sie sich eine Existenz und Bleibeperseptive im Südtschad aufbauen müssen.

Fast die Hälfte der Menschen ist unterernährt

Die Terrorgruppe Boko Haram, entstanden um 2004 in Nordnigeria, destabilisiert die gesamte Region im Nordosten Nigerias und in den angrenzenden Staaten Kamerun, Tschad und Niger. Über zwei Millionen Menschen wurden durch die Krise bisher gewaltsam vertrieben.

Auf der tschadischen Seite des Tschadsees befinden sich derzeit rund 124.000 Vertriebene und Flüchtlinge. Die aufnehmenden Gastgemeinden zeigen sich sehr solidarisch, doch genügen die Mittel nicht, um alle ausreichend zu versorgen. Nahezu 48 Prozent der Menschen in der Region sind unterernährt, pro 140.000 Einwohnern steht nur ein Arzt zur Verfügung, und gerade einmal 30 Prozent der schulpflichtigen Kinder besuchen den Unterricht.

Laut der Vereinten Nationen handelt es sich um die schwerste humanitäre Krise in Afrika.

August 2017